Ein Tweet von Marina Weisband zu Medien

Als BILD kürzlich aus den Chats eines Kindes zitierte, schwoll die Empörung auf twitter an, und nicht wenige forderten wie ehedem die 68er die Enteignung von Springer. Vermutlich ist der Satz, den ich einige Zeit später lese, vor diesem Hintergrund zu verstehen: „Die aktuelle Gefahr für freie Medien heutzutage ist nicht so sehr Zensur wie Besitz.“

Klingt einleuchtend, wird gelikt und retweetet. Indes handelt es sich um kompletten Blödsinn. Jedenfalls wenn ich davon ausgehe, dass die Aussage sich auf deutsche Verhältnisse beziehen soll.

Das Grundgesetz schließt staatliche Zensur aus, und in den Debatten über Cancel Culture wurden jene, die den Begriff unreflektiert verwenden, darauf hingewiesen, dass die Absage einer Veranstaltung nichts mit Zensur zu tun hat.

Es gab in der Bundesrepublik Deutschland nie Zensur. Die Verhältnisse in der DDR stehen auf einem anderen Blatt, aber insofern im zitierten Tweet von „heutzutage“ die Rede ist, kann die Situation vor 1990 ohnehin vernachlässigt werden.

Was die Autorin des Tweets unter „freie Medien“ versteht, muss ich mutmaßen. Welche der vorhandenen Medien rechnet sie dazu, oder handelt es sich um ein Ideal? Da für diese eine „aktuelle Gefahr“ bestehen soll, scheint es sie zu geben.

Von Bestrebungen, eine Zensur einzuführen, ist mir nichts bekannt. In der medienpolitischen Debatte taucht gegenwärtig allenfalls die Kritik der AfD an den öffentlich-rechtlichen Medien auf, und die zielt nicht auf Zensur, sondern fordert deren Abschaffung. Diese Medien sind außerdem nicht frei, sondern unterliegen einem Staatsvertrag, der sie zur Ausgewogenheit verpflichtet. Würde Zensur ausgeübt werden sollen, wären sie die ersten Kandidaten dafür.

Die Einwände der AfD könnte man so verstehen, als würde bereits eine Zensur in den öffentlich-rechtlichen Sendern wirksam werden. „Besitz“ scheint in diesem Punkt jedoch keine Rolle zu spielen.

Tatsächlich besteht seit rund 20 Jahren eine vollkommen neue Lage für Medien, und zwar, weil die Bedeutung des Besitzes sich verringert hat. Wer bis dahin publizieren wollte, brauchte Kapital. Ich selbst habe mit einem Freund in den 1990ern, als die Digitalisierung neue Möglichkeiten eröffnete, ein Medium produziert. Indes musste es gedruckt sein, um in Umlauf gebracht zu werden, und das verursachte Kosten, die refinanziert werden mussten. Mit dem Aufkommen des Internet fielen diese Kosten weg.

Wer immer will, kann heutzutage veröffentlichen. Und zahllose wie die Autorin des Tweets tun es, ohne Kapitaleinsatz, ohne Besitz, in den Sozialen Netzwerken oder wie hier auf einem Blog. Keine Zensur greift ein und gefährdet irgendetwas.

Besitz ist heutzutage für freie Medien so wenig einschränkend wie nie zuvor. Nicht nur, was das Vorhandensein von Produktionsmitteln anbelangt, um überhaupt publizieren zu können, sondern auch, was die Begrenzungen betrifft, die sich daraus ergeben, und die stets gewichtiger waren als irgendeine fiktive Zensur. Nicht-öffentlich-rechtliche Medien sind Wirtschaftsunternehmen. Sie waren und sind mehr von Anzeigenkunden abhängig als von denen, die ihre Erzeugnisse kaufen. Daran orientieren sich verlegerische und redaktionelle Entscheidungen.

Publiziert wird, was Profit verspricht. Deswegen erschienen in der Vergangenheit bestimmte Geschichten nicht in der Zeitung, deswegen wurden gewisse Bücher nicht gedruckt. In den Jahrzehnten, in denen ich meine Texte und Fotos Medien angeboten habe, griff nie ein imaginärer Zensor ein, sondern Redaktionen wogen ab, ob die Publikation wirtschaftlichen und den damit verknüpften politischen Interessen zuwider laufen könnte.

Offenkundig hat das Internet die Freiheit der Publikation befördert. Freilich hat es auch die traditionellen Medien in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht, denn niemand zahlt für eine Zeitung, deren Inhalte am Tag zuvor online kostenlos erhältlich sind. Freie Medien werden nicht von Zensur bedroht, sondern sie rechnen sich nicht.

Auf diesem Blog kann ich ohne Rücksicht auf Besitzstände publizieren, aber ich werde nicht dafür bezahlt. Die aktuelle Gefahr für Medien insgesamt ist die Haltung des Publikums, das kostenlos erhalten will, was gegebenenfalls nicht kostenfrei zu erstellen ist. Die Forderung der AfD nach Abschaffung der Haushaltsabgabe für öffentlich-rechtliche Medien ist ein Ausfluss davon.

Weder Zensur noch Besitz bedrohen die Medien heutzutage mehr als gestern. Vielmehr war die Freiheit der Meinungsäußerung nie größer. Hingerotzte Ansichten gibt es im Dutzend billiger. Aber Sachverhalte zu ergründen, um sie publizieren zu können, ist so mühselig und gegebenenfalls kostspielig wie eh und je.

Bevor der zitierte Tweet von Marina Weisband gedruckt worden wäre, hätte jemand bemerkt, dass von den 14 Worten eines überflüssig ist: entweder „heutzutage“ oder „aktuell“. Die Verfasserin war einmal eine Protagonistin der Piratenpartei und ist nun bei den Grünen. 115.000 Gefolgsleute lauschen ihr auf twitter. Und sei es noch so flüchtig vor sich hin geflüstert.

Die größte Gefahr für Medien bestand stets in der Gedankenlosigkeit ihrer Produzenten.