Schluss mit dem Antifaschismus

Der 28. September 2020 war der Tag, an dem ich es aufgegeben habe, an etwas wie Aufklärung zu glauben. In den Sozialen und sonstigen Medien wurde eine TV-Sendung über Neonazismus zunächst angekündigt und dann hymnisch gelobt. Zeit-Online hatte Vorarbeit geleistet und Äußerungen eines Mannes, der im Film anonym erscheint, vorab vermeldet und ihn als ehemaligen AfD-Sprecher identifiziert.

Je schlechter es dem Land gehe, desto besser für die Partei, sagte der Mann. Über Migranten schwadronierte er: „Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal!“

O, wie gingen da die Wellen der Empörung hoch! Ungeheuerlich! Wie kann der so etwas sagen! Unglaublich! Reihenweise wurde angekündigt, Strafanzeige zu stellen. Jetzt, jetzt endlich habe sich die AfD entlarvt!

Ich kann nur die altbekannte Verdrängung erkennen. (→ Die NS-Oberfläche) Zwei Tage vorher wurde an den 40. Jahrestag des Attentats auf das Oktoberfest in München erinnert. Da war die Heuchelei schon kaum noch auszuhalten. Der aktuelle bayerische Ministerpräsident entschuldigte sich pro forma für die Versäumnisse der Behörden. Aber er sagte sich nicht los von seinem Amtsvorgänger Franz Josef Strauß, den er als sein Vorbild begreift. Der eben jene Behörden angewiesen hatte, die Ermittlungen zu sabotieren und schon im Vorfeld des Attentats keine Gelegenheit ausgelassen hatte, Neonazis zu verharmlosen.

Weihevolle Worte, Tagesordnung. Und dann dieses TV-Filmchen, von dem reihum die Leute tun, als hätten sie nun erstmals begriffen, was die sind, die sie unverdrossen weiter Rechtsextremisten, -radikale oder -populisten nennen und sich scheuen, klipp und klar zu sagen, dass sie Neonazis sind, leibhaftige Erben von Hitler und Himmler, Fleisch vom Fleisch des deutschen „Volkskörpers“, die Frucht der mangelhaften „Vergangenheitsbewältigung“.

Und wahrhaftig, sie reden nicht nur menschenverachtend, sie handeln auch danach. Seit mindestens 40 Jahren immer wieder. Und das Oktoberfestattentat ist nicht der schwerwiegendste „rechtsextremistische“ Anschlag im Land gewesen, wie die Medien plapperten, es war der bis heute opferreichste Terrorakt überhaupt. Die größte Gefahr für die Demokratie ging nie von links aus, auch nicht zu Zeiten der Rote Armee Fraktion, und wenn, dann nicht durch deren Mordanschläge, sondern durch die Gegenmaßnahmen des Staates; die Demokratie in Deutschland war seit 1945 stets von Nazis und Neonazis bedroht.

Was besagter Ex-AfD-Sprecher in einem privaten Gespräch von sich gab, hatte nicht den grundsätzlichen Neuigkeitswert, der ihm beigemessen wurde. Parteiobere wie Weidel und von Storch haben schon vor Jahren öffentlich davon gesprochen, auf Flüchtlinge schießen zu lassen. Und? Das scherte ihre Wähler nicht nur nicht, das wollten sie hören.

Wer jetzt erst den Schuss gehört zu haben meint, hat offenbar gepennt. Und kann sich die Empörung sparen. Sie dient irgendeiner Selbstbefriedigung, zu der ich jedenfalls nicht das geringste Bedürfnis verspüre.

Bis zu 25 Prozent der Bevölkerung sind anfällig für den Nationalsozialismus. Das ist seit Jahrzehnten durch soziologische Studien gesichert bekannt. Die Neonazis sind unter uns, und sie sitzen inzwischen im Bundestag und allen Landesparlamenten. Dagegen haben die beiden gescheiterten Verbotsverfahren, die gegen die NPD angestrengt wurden und auf die sich der „antifaschistische Kampf“ ein Jahrzehnt lang konzentriert hat, nichts geholfen.

Empörungsrituale und antifaschistische Bekenntnisse sind ebenso für die Katz wie Strafanzeigen oder Verbotsaufrufe. Die Gesellschaft ist mit Neonazismus durchseucht. Ihn in Gestalt der AfD zu isolieren und unter Quarantäne zu stellen wird ebenso wenig bringen wie es mit der NPD und zahllosen anderen NS-Nachfolgeorganisationen funktioniert hat.

Ich habe kein Patentrezept, aber seit dem 28. September 2020 weiß ich, dass Aufklärung über im engeren Sinne neonazistische Umtriebe überflüssig wenn nicht kontraproduktiv ist. Und das sage ich als jemand, der genau das über viele Jahre getan und nicht nur gelegentlich einmal ein TV-Filmchen angeschaut hat. (→ Braune Bande)

Überfällig wäre es, die überkommenen Gesinnungen dort aufzuzeigen, wo gemeinhin nicht nach ihnen gesucht wird: in Wirtschaft und Kultur, in anderen Parteien als der AfD, bei denen, die sich selbstgefällig über die bösen Anderen empören. Aber das wird nicht geschehen, denn dazu müsste man sich selbst befragen, sich selbst in Zweifel ziehen und dem Ahnenerbe in der eigenen Verfassung nachzuspüren.

Das könnte weh tun. Dabei ist es nicht damit getan, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Statt lautstarker Entrüstung wäre schamhaftes Schweigen angezeigt.