Rammstein oder Aiwanger – Journalisten rühren immer dieselbe Soße an
Früher hätte man mehrere Zeitungen kaufen, Radio hören und TV sehen müssen, um zu demselben Befund zu kommen, der heute nur einen Klick entfernt ist. Ein Blick auf google News zeigt: Alle schreiben dasselbe. Dieselben Geschichten, dieselben Presseerklärungen aus Politik und Wirtschaft, dieselben Personen, dieselben Bilder. Nachgeplapper allenthalben. Erweist sich eine Story als zugkräftig – eine von den wenigen, bei der noch Recherche angestellt wurde – stürzen sich die anderen darauf und plappern sie nach.
Kohorten so genannter Journalisten erzählen mit stolz geschwellter Brust das, was auch alle anderen anzubieten haben. Es gibt wohl kaum einen anderen Berufsstand, der sein Einkommen mit so wenig eigener Arbeit erzielt. Nicht einmal die Rechtschreibung beherrschen allzu viele. Beziehungsweise rotzen sie ihr Nachgeplappertes so achtlos heraus, dass sie vorher nicht einmal die automatische Rechtschreibprüfung des Textprogramms eingeschaltet hatten. Die Tippfehler springen einem schon beim Scrollen auf google News entgegen, weil sie in der Überschrift gemacht werden, aus der die URL des Artikels generiert wird. (Um ihre Profite zu sichern, schafften die Verleger das Korrekturlesen schon vor 20 Jahren ab.)
Das Handwerk des Journalismus ist auf den Hund gekommen. Unterschiede bestehen lediglich in den Meinungsspalten. BILD und Focus spießen das Versagen der Grünen auf, die taz verteidigt sie mit Nibelungentreue. Die zugrundeliegende Geschichte ist freilich dieselbe. Andere Fakten hat keiner der so genannten Journalisten zu bieten, die sich selbst in erster Linie als Aktivisten begreifen, als Propagandisten dessen, was sie jeweils für das Bessere, das einzige Wahre und Gute halten.
Gäbe es twitter/X und YouTube nicht, gäbe es keine Pressesprecher der Parteien, in den Rathäusern und Wirtschaftsunternehmen, wüsste das Mediengesindel nicht, womit es den Tag zubringen sollte. Die Medienaktivisten sind selten einmal selbst aktiv. Sie hocken in ihren klimatisierten Büros, quasseln über die Klimakrise, den Krieg in der Ukraine und anderes gerade Angesagtes und wissen von der Welt nicht mehr als die, denen sie diese scheinbar erklären. Was in ihren besserverdienenden Bubbles vorgeht, stellt ihren Horizont dar. Es ist für manche von ihnen schon eine Meldung wert, wenn sich einmal selbst für sie erkennbar der Abgrund zwischen ihrem Nachgeplapper und der Realität auftut. Sie könnten ihm täglich nachspüren – aber das hieße ja, echte Arbeit zu leisten, statt sich für schlechtes Abschreiben bezahlen zu lassen.
Die vorletzte Sau, die diese prä- und impotente Bagage durchs Dorf getrieben hat, hieß Rammstein. Irgendetwas soll gewesen sind mit dem Sänger der Band. Irgendetwas mit Sex. Was genau, weiß man bis heute nicht, weil die ursprünglichen Nachforschungen nicht sonderlich gründlich waren, wie inzwischen mehrere Gerichte bestätigt haben, und weil alles hernach dazu Veröffentlichte nur gerauntes Nachgeplapper und aktivistisches Geschrei war.
Jetzt ist der Aiwanger dran, wegen eines den Holocaust verächtlich machenden Flugblatts, das er als 17-Jähriger geschrieben hat oder auch nicht. Mir fällt dazu immer wieder Sebnitz ein. „Neonazis ertränkten Kind“ titelte BILD im November 2000, und alle plapperten nach. Einzige Quelle war die Mutter des Kindes, die, wie sich nachher zeigte, vermeintliche Zeugen mit Zigaretten bestochen hatte. Den vor Ort herum streunenden so genannten Journalisten wurde zwar auch erzählt, dass die Frau psychische Probleme hatte, und selbst ihr eigener Mann, der Vater des angeblich ermordeten Kindes wollte die Geschichte nicht bestätigen – aber das scherte die Qualitätsjournalisten nicht. Sie schrieben nur, was sie bereits zu wissen geglaubt hatten, als sie sich erstmals an ihre Tastaturen setzten. Was immer die Wirklichkeit zur Korrektur ihrer Vorurteile beigetragen hätte, ignorierten sie vehement. (→ Reporthaschee)
Selbstkritik Fehlanzeige. Keiner der Vollidioten, von denen die Sebnitz-Lüge verbreitet worden war, wurde seinen Job los. Vorher gab es → Kujaus Hitler-Tagebücher und Claas Relotius. Letzterer kam lange mit seinen Erfindungen durch, weil er eben originell war und eigene Geschichten schrieb statt nachzuplappern. Die wurden noch weniger geprüft als sowieso. Und nur, weil er es zu bunt getrieben hatte, wurde er gefeuert. Er arbeitet inzwischen wohl in der Werbung. Macht keinen großen Unterschied. So wenig wie es inzwischen eine markante Differenz gibt, ob jemand als Journalist oder als Pressesprecher arbeitet. Alles dieselbe Mischpoke.
Lügenpresse eben. Der NS-Terminus, den die AfD und die „Querdenker“ aufgriffen, enthält eine Wahrheit, der sich die Branche bis heute nicht stellt. Sie wird solange weitermachen, bis aus ihrer Selbstgleichschaltung eine Zwangsregie geworden ist. Bis die vierte Säule der Demokratie zu deren Abschaffung beigetragen hat.
Ob durch Nachplappern oder Aktivismus wird sich das, was einmal Journalismus war, über kurz oder lang selbst abgeschafft haben. Auch deshalb, weil immer weniger Leute bereit sind, für Erzeugnisse zu bezahlen, die sie an anderer Stelle im Internet kostenlos erhalten können. Wozu brauche ich die Zeitungsberichte über Straftaten, wenn sie nur das enthalten, was die Pressestelle der Polizei auf ihrem Portal bereits früher verlautbart hat? (→ Pressepolizei at work / → Wie die Polizeipresse mitteilt) Warum soll ich aufgeblasene Windbeutel für eine Arbeit entlohnen, die sie gar nicht leisten?
In den Medien selbst ist über die eigene Verkommenheit nichts zu lesen, und in den so genannten Sozialen Medien, deren nicht-private Inhalte aus dem Geplapper der anderen Medien besteht, ebenso wenig, denn den ordinären Nutzern ist in der Regel nicht klar, wie sie von den Windbeuteln hinters Licht geführt werden. Die inzwischen entstehenden „alternativen Medien“ sind gar keine, sondern kommentieren lediglich das, worüber die „etablierten Medien“ sich auslassen, anders als diese. Andere Tatsachen haben auch sie nicht zu bieten, denn nach denen zu schürfen sind ihre Akteure ebenso wenig in der Lage wie die Konkurrenz. Auch bei den „Alternativen“ arbeiten so genannte Journalisten, die auf Hochschulen ausgebildet wurden, die sich dadurch auszeichnen, dass sie die Verfahrensweisen und Haltungen einer elitären Blase lehren.
Carl von Ossietzky oder Siegfried Kracauer, um nur zwei Beispiele zu nennen, würden heute keinen Job bei irgendeinem Medium bekommen. Weil ihnen der Stallgeruch, die Beziehungen fehlen; weil sie zu eigensinnig wären, um mit der Herde zu blöken …
Wozu sich darüber aufregen? Mundus vult decipi. Die blöden Schafe wählen ihre Schlächter selber.

Hinterlasse einen Kommentar