Erinnerungen für die Dauer eines Bach-Cellos, eines Cello-Bachs, an dem ich die Zeilen entlang laufen lasse, wie ich als Kind dem Lauf eines Bachs gefolgt bin, in den ich etwas Schwimmfähiges geworfen hatte, eine leere Plastikflasche, die Spülmittel enthalten hatte, der ich nachlief wie dem Cello, das mir von Schmerzen klagt, die ich jetzt nicht habe, die es in mir anzündet wie Feuer, ansteckt wie eine Krankheit, eine Nadel.

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Ich müsste zugleich die Augen schließen und schreiben können, um dem Bach zu folgen, so wie ich nicht dem Bach und der Flasche gleichzeitig mit dem Blick folgen konnte, sondern auch den Weg am Bach entlang und seine Unebenheiten zu beachten hatte und alle drei, Bach, Flasche, Weg, mit meinen Sinnen in Übereinstimmung bringen musste, um der Flasche zu folgen und dem Bach und dem Weg, ohne zu stolpern, ohne allzu lange innehalten zu müssen auf dem Weg, um die Flasche nicht aus dem Auge zu verlieren, nicht mithalten zu können mit dem Tempo, das ihr der Bach verlieh, der die Flasche vor mir, neben mir, hinter mir her trieb zu einem Ziel, das ich wohl kannte, dem Tunnel unter der Straße, wo ich die Jagd aufgeben würde, dem Teich auf der anderen Seite des Dammes oder dem Tunnel selbst, denn oft kam es vor, dass die Flasche stecken blieb und ich auf der anderen Seite vergeblich auf ihr Erscheinen wartete.

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Manchmal auch, wenn das Erklimmen des Damms, durch den sich Bach und Tunnel bohrten, und die Überquerung der Straße sehr lange gedauert zu haben schienen, wusste ich drüben nicht, ob die Flasche den Tunnel schon durchquert hatte und längst das Bachstück zum Teich zurück gelegt hatte und zwischen die gefährlichen Schwäne gelangt war.

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Alles Geschriebene ist Figur aus Gewesenem, Erinnerungsspur, die Schrift läuft dem Gedanken nach wie ich der Flasche und dem Bach, der Flasche im Bach, genauer: halb im Wasser und halb an der Luft; für den Verlauf der Schifffahrt war wesentlich, dass die Flasche nicht so unglücklich an einen Stein im Bachbett stieß, dass Wasser in ihren Hals eindrang, der Bach die Luft verdrängte und ihre Reise noch vor dem Tunnel abbrach, weil sie unterging oder aufgrund ihres zunehmenden Gewichts von dem geringfügigsten Hindernis, über das sie sonst hinweg geglitten wäre, aufgehalten wurde.

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Dieser seltsame Tunnel. Wenn so viele Flaschen und andere schwimmfähige Objekte den Weg über den Bach zum Teich genommen haben wie meine Erinnerung vorspielt, fragt sich, wodurch die Flaschen im Tunnel festgehalten wurden, wenn nicht von ihren ungezählten Vorläufern, und wieso einige durchkamen trotz dieser Sperren im Tunnel, die meines Wissens nach nicht fortgeräumt wurden.

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Oder täusche ich mich beim Umfang der Tunnelröhre, handelt es sich bei diesem Tunnel in Wahrheit um einen anderen, engeren; war es dieser Tunnel, an den ich mich auch erinnere, den ich, als Kind wenigstens, begehen konnte – deutlich sehe ich meine Gummistiefel in dem Rinnsal auf der Betonwölbung –; kann das derselbe Tunnel sein, wäre aus dem Bach ein Rinnsal geworden und hätte ich nie die Straße überqueren müssen, um meiner Flasche folgen zu können, zum Teich, wo die gefährlichen Schwäne warteten und ich aus Angst manche Flasche verlor, wenn sie nicht vorher in den Objektsperren des Tunnels, die vielleicht doch auf irgendeine Art beseitigt wurden, hängen geblieben war. Vielleicht säuberte die Feuerwehr den Tunnel, indem sie mit ihren Schläuchen Wasser unter Druck hindurch spritzte und so die Objekte aus der Röhre befreite. Ich erinnere mich nicht.

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