Im Bild: Angeklagte und Zeugen im Gerichtssaal gezeichnet

Vor 20 Jahren: Die Tötung eines Asylbewerbers im Zug zwischen Hamburg nach Buchholz wird vor Gericht verhandelt

Es war nicht der erste Strafprozess, den ich beobachtete, aber der, bei dem ich – und hier passt die Metapher – Blut leckte und Gerichtsreportagen zu meinem Metier machte.

Immer wieder gab es Anlass, sich der Geschichte zu erinnern, wenn Fremdenhetze das politische Klima bestimmte und sich unvermeidlich welche fanden, die es nicht bei Worten beließen.

Zuletzt besann ich mich vorigen September, als der Richter, der im Februar 1997 den Vorsitz des Prozesses führte, zur Kommunalwahl als Kandidat der Alternative für Deutschland antrat. Im Licht der alten Prozessberichte und ihren Verhackstücken im Internet könnte das zu Schlüssen verführen. Seinerzeit wurde von Journalisten wie von denen, die nur wussten, was sie den Medien entnehmen konnten, eine Sympathie des Gerichts mit dem Angeklagten behauptet.

Es ergab sich, dass ich Dutzenden weiterer Prozesse unter dem Vorsitz dieses Richters beiwohnte und ihn anlässlich seiner Pensionierung porträtierte. Von der vermuteten Sympathie bemerkte ich so wenig, dass ich erschrocken war, als ich seinen Namen auf der Liste der AfD entdeckte. Fraglos jedoch ist diese Partei ein Sammelbecken für jene wie den damals Angeklagten, den Typus des inzwischen so genannten „Wutbürgers“.

Sympathien und Antipathien der Beteiligten spielen selbstverständlich auch im Strafprozess eine Rolle, aber sie werden von denen überschätzt, die das Verfahren nicht kennen und es sich wie im US-amerikanischen Justizthriller als Schauprozess vorstellen. Vorlieben und Abneigungen machen sich häufig dort bemerkbar, wo sie nicht von Belang für die Fallgeschichte sind und tauchten daher zum Beispiel äußerst selten in meinen Gerichtsberichten auf.

Die Begleitumstände, auf die Medien es vornehmlich abgesehen haben, gehören nicht zur Sache. Dass diese nach einem strengen Reglement verhandelt wird, an dem mehrere Parteien mitwirken, verhindert, dass die Eigenheiten einzelner Prozessbeteiligter über Gebühr Bedeutung erlangen.

Überhaupt ist es ein Irrtum, der von den Medien gern erregt wird, Funktionen mit Personen zu verwechseln. Zumal Verteidiger werden oft mit ihren Mandanten identifiziert. Den Anwalt des Angeklagten in diesem Fall lernte ich später kennen.

Als Journalist hatte ich mit allerhand Leuten zu tun, obwohl sie mir nicht behagten. Meine Bekanntschaft mit dem Anwalt war beruflich bedingt, beschränkte sich aber nicht darauf. Dazu wäre es nicht gekommen, wenn er jenes Mandat aus Sympathie mit der Tat übernommen hätte.

Ein auch Dritten einleuchtender Beleg, den ich dafür nennen könnte, ist nur scheinbar schlagend logisch. Man möchte glauben, dass Fremdenfeindlichkeit bei jemand, der mit einer „Ausländerin“ (die tatsächlich „Deutsche“ ist) verheiratet und Vater von „Mischlingen“ ist, ausgeschlossen werden kann. Das traf auch auf seinen Mandanten zu, der einen Ausländer ohne Anführungszeichen getötet hatte.

Aus dem Straftheater

Das Verbrechen ist Nummer 56 auf wikipedia und in weiteren Listen mit Todesopfern „rechter“ Gewalt seit 1990.

Inzwischen hat man eingesehen, das es vorher schon Ungemach gab, kann es aber ebenso schlecht erkennen wie die Kriterien und Zahlen auf amtlicher und/oder medialer Grundlage ab 1990 klarer scheinen als sie sind. Die Zuordnung des Tötungsdelikts vom 7. Dezember 1993 als „rechtsextremistische oder -radikale“ Straftat ist zwischen amtlichen Stellen und Initiativen umstritten.

Ich beschreibe, inwiefern die Tat allerdings eine Grenze bezeichnet. Es ist die erste umfassende Darstellung und die einzige, die sich nicht allein auf die verstreuten, oft irreführenden und teilweise falschen Medienberichte stützt.

Die Sitzungen im Gerichtssaal waren die vorzüglichste Gelegenheit, verlässliche Informationen über das Tatgeschehen zu erhalten. Die Hauptverhandlung hat „mündlich und unmittelbar“ zu sein wie ein Theaterstück. Das Protokoll verzeichnet nur den Verlauf. Die Kritiken in den Medien sind alles, was von der Inszenierung zu lesen ist.

Hinsichtlich von Verbrechen ist die gesellschaftliche Wahrnehmung mehrfach gestört. „Alltäglich geht bei uns ein umfangreiches und wertvolles kriminalistisches Material unwiederbringlich verloren“, klagte der Strafverteidiger Erich Sello 1910. Seine Feststellungen sind unverändert aktuell – wie sich auch die Strafprozessordnung seither nicht geändert hat.

Überhaupt, fuhr Sello fort, „wie viel unendlich wichtiger und interessanter sind diese [Aufzeichnungen von wahren Verbrechen], die uns die Nachtseiten die Menschenseele wirklichkeitsgetreu schauen lassen, damit wir im Sinne des buddhistischen Tattwam asi – das bist du selber! – Einkehr halten in unser eigenes Herz, als die müßigen Fantasiegeburten jener modernen Sherlock-Holmes-Novellistik, um die sich die Leser reißen.“

Sello pointierte, womit schon Friedrich Schiller die Sektion von Verbrecherseelen begründete: „In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen.“

Ein Historiker wird das Vorkommnis von 1993 noch nicht untersuchen können. 30 Jahre beträgt die mindeste Wartezeit, bevor die Akten verfügbar werden. In der Regel wird die Einsicht erst gewährt, wenn niemand mehr am Leben ist, um die bruchstückhafte Erzählung der Behörden zu ergänzen – oder ihr zu widersprechen. Das gesellschaftliche Gedächtnis für Verbrechen ist mindestens so gestört wie ihre gegenwärtige Wahrnehmung.

Auf den Todeslisten

Die Schreibweise des Nachnamens des Opfers in den Todeslisten weicht von der in meinen Prozessnotizen ab. Ob das Opfer „Bakary Singateh“ oder „Singhateh“ hieß, ist wenigstens für Suchmaschinen bedeutsam.
Andere „Versehen“ von Reportern, die es nicht für nötig hielten, der kompletten Beweisaufnahme zu folgen, haben Bilder erzeugt, die sich in der Rückschau weiter verzerren.

So heißt es, der Täter sei „Jäger“ gewesen. Er verfügte wohl über entsprechende Papiere, inklusive Waffenbesitzkarte, hatte aber keinen grünen Rock im Schrank und war nie auf der Pirsch. Bedeutsam ist nicht, dass er Jäger war, sondern vorgab, einer zu sein.

Die zeitgenössischen Berichte sind von Vorurteilen verblendet, die sich in der Verkürzung auf einen Listeneintrag verstärken und dabei genau die Aspekte verwischen, in denen der Fall sowohl zeittypisch ist wie unvermindert aktuell.

Der Täter war weder ein Jugendlicher noch ein Neonazi wie die Mehrzahl derer, die in den Todeslisten nach der Art ihrer Opfer zusammengestellt werden. Schaut man genau hin, ist dieser Unterschied geringer, als er scheint – aber auf eine Weise, die sich nicht mit Schlagworten wie „rechtsextrem“ oder „rassistisch“ fassen lässt.

Der Fall steht für das weite Feld, das die Todeslisten auslassen, indem sie den „Blutzoll“ zum Maßstab erheben. Dieser Tod entspringt einem Vorfeld der Gewalt, die gemessen werden soll, sich aber nicht in den vorgezeichneten Formen zeigt.

Neonazis tun, worüber andere bloß reden. Hier hat einer von denen, die sonst nur reden und gern bereit sind, Neonazis für ihr Tun zu verachten, selbst gehandelt.

Schiller verwies auf ein Vorurteil, das ein Verständnis von Verbrechen vereitelt: „Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft als das unsrige, dessen Wille andern Regeln gehorcht als das unsrige“.

Um den vermeintlichen Abgrund zu überbrücken, ohne die Tatsachen zu verraten und in literarische Einfühlung zu verfallen, empfahl Schiller dem „Geschichtsschreiber“: „wir müssen mit ihm [dem Verbrecher] bekannt werden, eh` er handelt; wir müssen ihn seine Handlung nicht bloß vollbringen sondern auch wollen sehen“.

Für diese gilt wie für jede Geschichte von Verbrechen, was Alfred Döblin an entsprechender Stelle vermerkte, im Nachwort zu der aus seinen Gerichtsnotizen entstandenen Erzählung Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord:

„Das Ganze ist ein Teppich, der aus vielen einzelnen Fetzen besteht, aus Tuch, Seide, auch Metallstücke, Lehmmassen dabei. Gestopft ist er mit Stroh, Draht, Zwirn. An manchen Stellen liegen die Teile lose nebeneinander. Manche Bruchstücke sind mit Leim oder Glas verbunden. Dennoch ist alles lückenlos und trägt den Stempel der Wahrheit. Es ist in unsere Denk- und Fühlformen geworfen. Es hat so sich ereignet; auch die Akteure glauben es. Aber es hat sich auch nicht so ereignet.“

Schumann und der schwarze Mann (1)

© Uwe Ruprecht

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