DER TÄTER VOR DER TAT

Hamburg Hauptbahnhof

Alle Schichten, alle Klassen begegnen sich im Hautbahnhof Hamburg. Der Manager, der im Intercity seine Vorlagen an den Aufsichtsrat zum letzten Mal durchsieht; die Studentin, die zum Wochenende ihre Eltern in der Provinz besucht; die Hausfrau, die mit der U-Bahn zum Einkaufen fährt; der Berber, der neben dem Fahrkartenautomaten die Hand aufhält – nirgends kommen sie einander so nahe.

Eine Gruppe sorgt für Getriebe am Morgen, mittags und vom späten Nachmittag bis in den Abend. Eine Viertelmillion Pendler, die auf dem Lande wohnen und in der Großstadt arbeiten, aus Neigung wie aus Notwendigkeit. Lebensläufe, Beziehungen, Familien werden vom Pendlerrhythmus diktiert.

Im Pendler verkörpert sich die Vernetzung von Stadt und Land. Zunächst breitete sich Hamburg nach Norden aus. Die Grenze zu den nächsten Gemeinden in Schleswig-Holstein bezeichnet oft nur ein Schild; aus umliegenden Dörfern und Vororten wurden Viertel der Metropole.

Im Süden war die Elbe lange ein Hindernis. Bis zur Eröffnung des Elbtunnels waren die Brücken über den Strom das einzige Nadelöhr für den Verkehr mit dem niedersächsischen Land; inzwischen ist auch der Tunnel zu eng geworden.

Die Mehrzahl der Pendler ist im Auto unterwegs. Auf dem Land ist Autofahren elementar. Nur Rentner und Schulkinder sind zu Fuß unterwegs oder benutzen den Bus, der zwei Mal am Tag verkehrt. Gleichwohl sind die Züge ausgelastet, überfüllt während der Stoßzeiten.

Für Werner Schumann [Name geändert] steckt Sentimentalität darin, sich nicht über verstopfte Landstraßen zu drängeln, sondern auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn zu sitzen. Eigentlich ist er ein Automobilist der besonderen Art, ein Porsche-Fahrer.

Freilich ist ein solches Auto, zumal für jemanden, der sich die Anschaffung vom Mund absparen musste, kein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand, nicht einfach ein Fahrzeug, dem tägliche Beanspruchung zuzumuten wäre; der Wagen muss ein Leben lang halten. Schumanns Porsche ist weniger Gefährt als Gefährte.

Wäre sein Vater nicht Bahnbeamter gewesen, hätte er sich ein zweites Auto für den Arbeitsweg zugelegt. Wenn er Bahn fährt, erinnert sich Schumann an Kindertage in der väterlichen Welt der Züge und Bahnhöfe.

Zwei Mal am Tag, zwei Stockwerke tief unter dem Hauptbahnhof entladen sich Untergrundbahnen von Pendlern. Sie eilen aus allen Teilen der Stadt zum Umsteigen in ihre Regionalzüge heran und verteilen sich auf mehrere der 14 Gleise, nach Lübeck, Bremen oder Cuxhaven, über Bad Oldesloe, Buchholz in der Nordheide oder Stade an der Unterelbe.

Zeichnung: urian

Unter Schwarzen

Am 7. Dezember 1993 befindet sich Werner Schumann in dem Schub, der gegen 16.15 Uhr zum Regionalexpress nach Bremen strebt. Sieben Minuten, um zum Zug zu kommen.

Eine lange Rolltreppe trägt Schumann hinauf. Oben stehen junge Männer herum, Schwarzafrikaner mit kunstvoll gezwirbelten Zöpfen, deren bunte Strickmützen anzuzeigen scheinen, dass sie aus sonnigeren Gegenden stammen. Ihre Mützen erheben sie aus dem regengrauen Getriebe und fordern Schumanns Blick heraus.

Immerzu stehen sie hier, seit einem Jahr oder länger. Immer schlimmer ist es geworden mit den Fremden, die in das Land einwandern und Platz beanspruchen, wo sie nicht hingehören, ginge es nach Schumann.

Einzelne Schwarze wären vielleicht zu ertragen, aber sie haben die Angewohnheit, in Gruppen aufzutreten. Manchmal versperren sie ihm den Weg von der Rolltreppe über den Vorplatz in die Bahnhofshalle, ganz gebannt in die schmutzigen Geschäfte, die sie vor aller Augen abwickeln. Sie achten das Knurren nicht, mit dem er sich Durchlass verschaffen will.

Auch jetzt im Winter lungern die Schwarzen auf dem Vorplatz. Wenigstens in der Weihnachtszeit sollte man sie entfernen. Wie sonnig sie tun mit ihren Mützen mitten im Schmuddelwetter, als ginge es sie nichts an.

Dass Weihnachten naht, ist allein an der Festbeleuchtung zu erkennen. Keine Spur von Schnee, es ist nasskalt wie meist zwischen Oktober und März. So wenig wie die Schwarzen schert Schumann das Wetter. Unter der Woche bekommt er wenig davon mit. Nur für den Weg zwischen Zuhause und Bahnhof muss er einen Regenschirm einplanen; die Strecke von der U-Bahn zum Arbeitsplatz und zurück könnte er im Sprint zurücklegen.

Seine Kleidung ist allzeit wetterfest: Jeans und Schnürschuhe, Bundeswehrmütze und ein Filzmantel. Im Frühjahr tauscht er den Mantel gegen eine Lederjacke und im Sommer die Jeans gegen kurze Hosen.

Der 54-Jährige ist für norddeutsche Verhältnisse klein, 1,72 Meter, und schmächtig. Ein runder Kinderkopf, in den Missmut Greisenzüge geritzt hat. Blondes, schütteres Haar fällt in Strähnen über die gelichtete Stirn. Die Tropfen-Brille unterstreicht seinen traurigen Blick. Im grünen Filzmantel, seinem Panzer, aus dem sein zerfurchtes Ulcus-Gesicht scheu heraus schaut, erinnert er an eine Schildkröte.

Auf der Rolltreppe

Bevor er die Rolltreppe zum Südsteg betritt, zieht Schumann die Kapuze über. Er wird sie nicht beachten, die umher laufenden Schwarzen, die die Szene-Namen der Präparate, die sie verkaufen, vor sich hinmurmeln, in der Erwartung, ein Kunde werde ihn folgen.

In jeder Hand trägt Schumann Tüten mit Lebensmitteln. Wie immer ist er in der Mittagspause im Supermarkt gewesen. Die Verkäuferinnen kennen ihn längst. Er prägt sich ein mit seinen ungeduldigen Gesten und seiner schwachen Stimme, die nicht zu seinem forschen und befehlenden Auftreten passt. Er redet so leise und schnell, dass die Verkäuferinnen an der Wurst-Theke nachfragen müssen, was er will. Er macht sie nervös.

Er will nicht, dass seine Frau einkaufen geht. Er gibt ihr kein Geld in die Hand. Sie soll nicht allein auf die Straße gehen. Die Nachbarn gucken sie bloß schief an und zerreißen sich das Maul. Davor muss er sie schützen. Ihr Revier ist das Heim. Dort lässt er sie herrschen.

Er hält sein Familienleben für harmonisch und glücklich. Als stolzer Familienvater präsentiert er sich auch den einzigen Menschen, mit denen er Umgang hat, seinen Arbeitskollegen. Arbeit und Heim, daraus besteht, dazwischen pendelt sein Leben.

Von der übrigen Welt nimmt er nur Schlieren wahr, verhuschte Bilder vor seinem gesenkten Kopf auf dem Weg zum Bahnhof, von der U-Bahn zur Arbeit und zwei Mal täglich eine Dosis Hauptbahnhof zwischen U-Bahnsteig und Regionalexpress.

Das Bündel Plastiktüten behindert ihn beim Laufen. Er hat die Zeiten genau im Kopf: wann er vom Arbeitsplatz aufbrechen muss; wie lang er zur U-Bahnstation braucht; wann er im Hauptbahnhof ankommt; wie viel Zeit bleibt, den Regionalexpress zu erreichen. Ohne auf die Uhr zu sehen, spürt er Verspätungen. Die Abläufe sind über die Jahre ein präzises Räderwerk geworden, und Schumann folgt seinen Routinen penibel. Er ist stolz auf seine Genauigkeit.

Er muss nicht auf den Weg achten, muss von der Umgebung nicht mehr wahrnehmen als sein gesenkter Blick zeigt. Alles ist geregelt: wann er die Kapuze überstreift; wie er den Blickkontakt mit anderen Fahrgästen vermeidet; wie er sich durch die Schwarzen schlängelt; in welchen Wagen er steigt, nämlich den, der zunächst der Treppe zur Unterführung hält, in die er hinabsteigen muss, um den Heimatbahnhof zu verlassen.

Die Schildkröte eilt von der Arbeit zur U-Bahn. Sie hetzt ohne Not. Sie ist nie zu spät. Sie sputet sich, um sich nicht aufhalten zu müssen. Als werde sie verfolgt. Sie ist immer einige Minuten vor der Abfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig.

Kriegsschäden

Zwei Tage, nachdem Hitler Polen hatte angreifen lassen, wurde Werner Schumann in Hamburg geboren. Ein Kriegskind, das ohne den Vater aufwuchs, der im Feld stand. Eine entbehrungsreiche, gefährdete Kindheit, in der jedes Spiel ernst war. Die Kinder liefen mit Sammelbüchsen durch die Treppenhäuser, um für das Winterhilfswerk zu betteln.

Als die ersten Bomben in der Hamburg einschlugen, floh die Mutter mit ihrem einzigen Kind aufs Land. Wie in vielen Dörfern des von Angriffen weitgehend verschonten heutigen Niedersachsen stieg die Einwohnerzahl von Buchholz durch die Flüchtlinge aus den Großstädten und später aus dem Osten des ehemaligen Reichs sprunghaft an.

Über 30.000 wurden es, und die Gegend galt als aufstrebend. Nachdem Hamburg sich im Norden und entlang der Unterelbe ausgebreitet hatte, kam die Nordheide dran. Unlängst wurden in Buchholz die Gleise am Bahnhof, die bis dahin durch eine Stau bildende Schranke gesperrt wurden, durch eine Betonbrücke überwölbt und eine Fußgängerzone eingerichtet – zwei sichere Indizien für Prosperität.

Nach Kriegsende wurde es für Schumanns eher schlimmer. Die Mutter war an der Heimatfront verhärtet, der Vater im Gefangenenlager gebrochen worden. Sie lebten zusammen, aber nicht miteinander. Der Kampf ums Dasein, dann jm die Güter, die das Herz allein noch begehrte, schuf einen Alltag aus kalter Routine.

Die herrische Mutter, der schwache Vater und das sonderbare Kind galten in Buchholz als Freaks. Das Kind lernte nicht, mit Gefühlen umzugehen und verbitterte früh. Verstockte und verschloss sich im Gefühl, zu kurz gekommen zu sein.

Umso stärker war sein Ehrgeiz zur Karriere, und er arbeitete sich hoch. Wurde Bauzeichner. Bildete sich in Abendkursen weiter. Stand bei seinen Vorgesetzten im Ruf eines exzellenten Ingenieurs. Er war keiner von der Universität, sondern ein Praktiker, der das theoretische Wissen nachgeholt hatte.

Mit 33 Jahren übernahm er beim Amt für Strom- und Hafenbau der Wirtschaftsbehörde in Hamburg eine bedeutende Verantwortung und eine spannende Aufgabe. Ein Umweltskandal schrieb Schlagzeilen. Mit Wissen und Duldung der Behörden hatte eine Chemiefirma mitten in der Stadt Giftfässer vergraben. Nach und nach kamen die finsteren Praktiken der Branche ans Licht, und die Ämter gerieten wegen ihrer Duldung unter Druck.

Schumann untersuchte „Verdachtsflächen“. Seine Vorgesetzen schätzten nicht nur seine Fachkenntnisse, sie kannten auch seine Pedanterie. In der kritischen Situation war der unbestechlich erscheinende Eigenbrötler die Idealbesetzung für den Job.

Wir und die Fremden

Schumann ging in seiner Arbeit auf. Im Urlaub pflegte er seine Hobbys mit derselben Inbrunst. Film, Foto und Archäologie begeisterten ihn, und auf Reisen kombinierte er sie. Er suchte berühmte Grabungsstätten auf, dokumentierte jede Inschrift, jede Skulptur, jedes Bauwerk aus allen Blickwinkeln, durchstreifte die Umgebung und hoffte auf einen Zufallsfund.

Der Archäologie wegen war der 42-Jährige in Südkorea und traf auf eine 20 Jahre jüngere Mitarbeiterin der Tourismusbehörde. Er hatte keine Erfahrung mit Frauen; er wäre nicht auf die Idee gekommen, sie anzusprechen. Zwei Jahre nach ihrer ersten Begegnung nahm er sie als Ehefrau mit nach Buchholz. Sie bekamen zwei Söhne.

Wenn sie anständig arbeiten, hat Schumann nichts gegen Ausländer. Bei Strom- und Hafenbau hatte er viel mit ihnen zu tun, mit Türken und Kurden. „Dabei haben wir gar nicht gewusst, dass es da Unterschiede gibt“, wunderten sich die Kollegen, als es zu Auseinandersetzungen kam, die auf Ereignisse in der Türkei reagierten.

„Türken sind anders als Schwarze“, die als Flüchtlinge vermehrt ins Land kamen, war man sich bei Strom- und Hafenbau einig. „Die Türken kommen zum Arbeiten her und passen sich an. Die Schwarzen wollen nur auf unsere Kosten leben.“

Schumann schätzte die Übereinstimmung mit den Kollegen sehr. „Strom- und Hafenbau ist ein Amt für sich“, sagten sie dort. „Man hat ein Wir-Gefühl.“

Schumann spürte es schmerzlich, als er für seinen Einsatz bei der Aufklärung des Giftmüll-Skandals durch Aufstieg bestraft und in die Umweltbehörde versetzt wurde. Bei Strom- und Hafenbau wurde sein Weggang bedauert; er fühlte sich aus dem Wir-Gefühl verstoßen. Aus dem Mann, der am liebsten vor Ort war, wurde ein Schreibtischhengst; aus dem intensiv Arbeitenden ein Nichtstuer.

Nur mit dem gleichaltrigen Kollegen Gerhard Tief [Name geändert], ebenfalls Pendler, hielt Schumann Kontakt durch gelegentliche Telefonate während der Arbeitszeit. Tief war Schumanns Trauzeuge, aber zu Hause besuchten sie sich nie. Die Hochzeit war ihr erstes und einziges privates Treffen. Eine „Freundschaft wie unter Kollegen“; zu mehr, sagten beide, hätten sie „gar nicht die Zeit“.

Er sei nicht in der Lage, arbeiten zu können „aufgrund der Struktur“, beschrieb Schumann seinen neuen Arbeitsplatz. „Nun habe ich wieder meine ganzen Urlaubsbilder einkleben können, weil keine Arbeit da war.“

„Wir würden dich gern zurück haben“, erwiderte Tief.

„Lieber heute als morgen“, seufzte Schumann.

„Aber du weißt, dass das nicht geht.“

Immer wieder fing Schumann damit an, aber Tief konnte nur wiederholen: „Die Aufgabe, die du hattest, gibt es nicht mehr.“

Schumann erregte sich: „Wenn man sein Recht auf Arbeit einklagt, macht man sich nicht beliebt.“

Tief stimnte scherzend zu: „Im öffentlichen Dienst ist es nicht üblich, dass einer unzufrieden ist, weil er nicht arbeiten kann.“

Zeichnung: urian

In der Fremde

In der Umweltbehörde würde man Schumann auch lieber heute als morgen zu Strom- und Hafenbau zurück schicken. Es war nicht seine Welt.

Bei Strom- und Hafenbau trugen sie Schlips nur zu besonderen Anlässen. Sie leisteten eine robuste Arbeit in der Landschaft, wühlten buchstäblich im Dreck. Filzmantel und Schnürstiefel waren Schumanns Arbeitskleidung. In der Umweltbehörde dagegen hielt man sich im Büro auf und grub statt im Boden in Akten.

Das Amt selbst war neu, als Schumann versetzt wurde. Umweltbewusstsein war gesellschaftlich angesagt, und die Aktenschieber pflegten einen ideologisch erhobenen Stolz auf ihre Tätigkeit, der Schumann schnurz war. Gewohnt an handfeste Arbeit bewegte sich für Schumann zwischen den Paragrafen auf Schriftstücken nichts.

Vom ersten Tag an verdarb er es sich mit den neuen Kollegen. Im Ton des „wir haben es immer schon gewusst“ erzählte man sich später allerhand schaurige Geschichten über das Monster in ihrer Mitte. Unmissverständlich hatte es sich eingeführt.

Man hatte Schumann einen Platz in einem Büro mit zwei Kollegen angewiesen; die Tür zum Nebenzimmer hielten sie außerdem offen. „Da fing der Terror mit dem Knoblauch an, das hat nicht nur im Zimmer, das hat im ganzen Trakt gestunken“, erinnerte sich Udo Zink [Name geändert], 44, Bauingenieur und Pendler wie Schumann. „Ziel war, sich das Einzelzimmer zu erzwingen.“

Monatelang, erschien es Zink rückblickend, dauerte der „Terror“, fraß Schumann haufenweise Knoblauch und stattete seinen Schreibtisch damit aus, als gelte es auch tagsüber, während der Dienstzeit, Blutsauger abzuwehren. Gutes Zureden der Sekretärinnen, wüste Beschimpfungen der Zimmernachbarn, ostentative Ignoranz zuletzt von allen – nichts verfing bei Schumann. Schließlich setzte er seinen Willen durch und bekam eine Zelle für sich.

Im Nicht-Wollen war er ein Meister. Die Fugen der Außenwand seines Arbeitszimmers dichtete er ab, aus Angst vor dem Asbest, der aus dem Hof herein kommen könnte. Bei den Akten, die ihm herzlich gleichgültig waren, hielt er keine für die Kollegen erkennbare Ordnung, so dass sie ihn in seiner Abwesenheit nicht kontrollieren konnten. Vor allem stieß ihnen übel auf, dass sein Zimmer nicht über die in der Behörde obligatorische „grüne Lunge“ aus Topfpflanzen verfügte.

Unter Kollegen

Mittlerweile hatte Schumann „innerlich gekündigt“, sagte Zimmernachbar Zink. „Es ist allgemein bekannt, dass Schumann mit der Arbeit gut umzugehen weiß – wenn er sie denn macht“; inzwischen „läuft er der Arbeit nicht mehr hinterher“.

Zink schauderte es vor Schumanns Kleidung. Mit den kurzen Hosen im Sommer verstieß er krass gegen die behördlichen Sitten. Statt der Uniform aus grauem oder blauem Anzug und grüner Krawatte bevorzugte er Kleidung aus der „Richtung NATO-Oliv“, was Zink besonders ekelte – er war öko-pazifistisch orientiert und hatte sogar einmal die Partei der Grünen gewählt.

Schumann hatte nicht den richtigen Anstand für die feine Behörde. „Der war öfter mal in den Gängen unterwegs und hat Geschichten erzählt“, sagte Zink. „Fäkal, vulgär, sexistisch“ seien die gewesen, „schrille Sachen, pervers hoch drei“. So redet man wohl bei Strom- und Hafenbau, alles Proleten da.

Schumann mied das Dutzend Kollegen und wurde gemieden. An Betriebsveranstaltungen wie Ausflügen oder Weihnachtsfeiern nahm er grundsätzlich nicht Teil. Große Ausnahme: Einmal organisierte er einen Ausflug mit, weil der in seine Gegend führte, die Heide. Da kam Schumann mit Porsche in „schrillem Outfit“, erinnerte sich Kollege Zink.

Selbstverständlich kein privater Umgang, nicht einmal so sparsam wie mit Gerhard Tief. Einmal, erinnerte Zink, habe Schumann von der Krankheit seines jüngsten Sohnes gesprochen.

Dass er mit einer Ausländerin verheiratet war, wusste man, kannte den großen Altersunterschied und machte sich einen Reim darauf. Ob er sie sich gekauft habe? Eine Deutsche habe er wohl nicht kriegen können; deutsche Frauen seien zu selbstbewusst, die könne er nicht kujonieren wie er es mit den Kollegen versuche.

Über Mittag hatte Schumann die Gewohnheit, ein Schläfchen zu machen, so dass sein Schnarchen in den Nebenzimmern, im ganzen Trakt zu hören war. Während der Schlafenszeit wagte niemand, das Zimmer zu betreten.

Bei den wöchentlichen Abteilungsbesprechungen kam Schumann regelmäßig zu spät – und dann übermannte ihn der Schlaf. Jedenfalls schloss er die Augen und erschien weit fort.

„Er ist eigentlich der Kollege, um den man am besten einen großen Bogen machen sollte“, bilanzierte Zink. Er sei „neben der Spur“ und müsse „mit Samthandschuhen angefasst werden“. Sogar er selbst, der sanfte Zink, sei einmal mit ihm aneinander geraten und wurde des Zimmers verwiesen.

Gradlinigkeit

Sobald jüngere Vorgesetzte eine Schwäche gezeigt hätten, wäre Schumann „drauflos“. Er sagte selbst, in der Wiederholung Zinks: „Wenn ihm jemand den Fehdehandschuh hinwirft, nimmt er ihn auf.“ Öfter noch warf er ihn selbst. „Bei der Durchsetzung seiner Interessen geht er bis zum Letzten.“

In dem Punkt fand auch sein Trauzeuge Tief den „gradlinigen Charakter“ Schumanns kritisch: Er konnte nie „zum gegebenen Zeitpunkt einknicken gegenüber den Vorgesetzten.“ Damit hätte er sich früh seine Verbeamtung verdorben.

Vor allem eine Geschichte von halsstarriger Unbeugsamkeit erzählte man sich in der Umweltbehörde. Schumann erledigte seine Bankgeschäfte während der Dienstzeit – was kein Problem gewesen wäre, hätte er nicht darauf bestanden, dazu die Sparkasse in Buchholz aufzusuchen.

Praktisch lief es darauf hinaus, dass er spät zur Arbeit erschien, wieder zurück nach Buchholz fuhr, um seine Geschäfte zu verrichten, erneut im Amt antrat und sich gleich wieder zum Feierabend verabschiedete.

Die Erledigung der Bankgeschäfte einmal im Monat während der Dienstzeit hatte ehedem im Tarifvertrag gestanden, war gestrichen, dann wieder bestätigt worden. „Wir haben das eigentlich nicht nötig, wir haben Gleitzeit“, fand die Behördenleitung und untersagte Schumann die Eskapade.

Er wurde abgemahnt und ging zwei Mal erfolglos vor Gericht. Er verlor, weil er außerdem darauf bestand, es am Fünfzehnten des Monats, am „Geldtag“, an dem die Gehaltsüberweisung eintraf, tun zu wollen.

Bei seinem Kampf unterstützte ihn die Gewerkschaft. Schumann war ihr Mitglied wie das der passenden Partei und brachte die Funktion des Vertrauensmannes von Strom- und Hafenbau mit in die Umweltbehörde, in der freilich die wenigsten organisiert waren.

Seine Hartnäckigkeit prädestinierte ihn zum Vertrauensmann, und im alten Amt hatte er sich bedingungslos für die Interessen der Belegschaft eingesetzt. Jetzt tat er es nur noch für sich selbst.

Schließlich kämpfte er auch innerhalb der Betriebsgruppe und machte sich einen Intimfeind, von dem er sich verfolgt fühlte, und ihn für die meisten seiner Widrigkeiten am Arbeitsplatz verantwortlich machte. Endlich wagte niemand im Amt mehr, offen gegen Schumann aufzubegehren. Im Hintergrund wurde viel über ihn geredet und an Intrigen gesponnen. Doch keiner trat ihm gegenüber.

„Wir haben alle gewusst, dass er ein Messer hat, das war kein Geheimnis“, sagte Kollege Zink. Schumann behauptete, er sei Jäger, das „Survival“- oder „Fahrtenmesser“ mit der 13 Zentimeter langen beidseitig geschliffenen Klinge gehöre gewissermaßen zu seinem Stand. In den einschlägigen Vereinen in und um Buchholz war er allerdings unbekannt; wenn er jagte, dann allein.

Er hatte einen Jagdschein, um Waffen besitzen zu können. Legte sich aber die falschen zu. Im Zuge einer Hausdurchsuchung am Tag nach seiner Tat wurde ein Revolver beschlagnahmt. Er war im Sessel vor den Kindern versteckt und zugleich griffbereit, wenn es abends, beim Fernsehen, an der Tür klingelt oder sich aus dem Garten verdächtige Geräusche vernehmen lassen. Das Verfahren zum Verstoß gegen das Waffengesetz wurde eingestellt.

Unter Pendlern

Am Ende der Rolltreppe im Hauptbahnhof warten die „Bimbos“. Der Ausdruck für alle Dunkelhäutigen, ob aus Ghana oder Jamaika, hat sich rasch eingebürgert.

Anders als das vordem übliche „Kanaken“, das mittlerweile auf Türken gemünzt wird, hat es sich, seines freundlich-herablassenden Beiklangs wegen, wie wenn man ein Tier tätschelt, sogar unter jenen verbreitet, die sich von Fremdenhass frei glauben und es bloß zur Bezeichnung einer Bevölkerungsgruppe zu gebrauchen meinen, die allerdings nach einem Namen, der ihre Besonderheit markiert, zu heischen scheint, einem freundlichen. „Bimbo“ klingt nicht gefährlich sondern niedlich.

Schumann denkt nie „Bimbo“. Er lässt sich von der harmlosen Aufmachung mit den bunten Mützen und gedrehten Krausen nicht täuschen. Er tastet nach dem Messer, als die Stufen der Rolltreppe auf dem Vorplatz eingezogen werden.

Er spürt es nicht an der rechten Hüfte, als seine Hand über den Mantel streicht. Erschreckt hält er inne und bleibt stehen, mitten unter den Schwarzen. Die Hand auf die Hüfte gepresst, geht er rasch die paar Schritte bis zur Wandelhalle, aus ihrer Reichweite.

Dann fällt es ihm ein. Er war von der Routine abgewichen. Gewöhnlich befestigt er das Futteral morgens am Gürtel, bevor er das Haus verlässt. Im Amt legt er das Messer wieder ab. Bevor er zum Feierabend den Mantel anzieht, steckt er es an den angestammten Platz.

Heute hat ein Kollege, der in der Bürotür erschien, als er das Messer eben anlegen wollte, ihn irritiert. Hastig schob er das Messer in die Manteltasche. So etwas darf nicht passieren! Wenn er es gerade heute bräuchte!

Unter gerunzelten Augenbrauen sieht er zu einer Gruppe Schwarzer vor dem Kiosk hinüber, während er den vertrauten Umriss links im Mantel fühlt.

Noch vier Minuten, bis der Regionalexpress am Bahnsteig einläuft. Eilzug nennen die Pendler ihn ungeachtet zweier Namensänderungen durch die Bahn, weil er nicht an allen Stationen entlang der Strecke stoppt. Pendler wissen, wo ihr Wagen am Bahnsteig hält. Je nachdem, wo sie umsteigen müssen, haben sie ihren Platz gewählt: für den kürzesten Weg zur nächsten Treppe, zum nächsten Durchgang.

Die gewohnheitsmäßige Sitzordnung wird wortlos eingehalten; der Schaffner kennt seine Stammkundschaft. Man grüßt sich vielleicht, spricht aber allenfalls miteinander, wenn der Zug liegen bleibt.

So voll die Abteile sind, so still sind sie. Jeder ist in seine Welt versunken. Einige lesen Zeitung, andere dösen, manche starren zum Fenster hinaus, dem Nebel zu, der über die Felder kriecht.

Etliche Passagiere müssen in den Gängen und den Ausstiegsräumen stehen. Manche bleiben auch stehen, wenn noch Plätze frei sind – aus alter Gewohnheit oder um sich nicht auf einen der knapp bemessenen Sitze zu zwängen.

Die Bahn gilt als unbequem und unpünktlich. Unter erfahrenen Reisenden ist es üblich, „einen Zug früher“ zu nehmen; legt nicht gerade eine Schneekatastrophe alles lahm, bleibt man damit halbwegs sicher in der Zeit.

Zeichnung: urian

Ab nach Buchholz

Der Zug fährt ein. Im Jargon der Eisenbahner ein „Silberling“: eine nahezu ausgemusterte Generation von Zügen, 30 Jahre alt, mit silbrig glänzendem Beschlag an den Flanken. Inzwischen verkehren eine grüne und eine rote Nachfolgergeneration.

Verärgert, dass sein Wagon nicht exakt an derselben Stelle hält wie gestern, steigt Schumann ein. 25 Minuten bis Buchholz.

Belegte Brötchen vom Südsteg werden aus Tüten hervorgeholt, Bierdosen zischen auf, Zeitungen werden entfaltet; zwei, die sich von der gemeinsamen Fahrt kennen, besprechen den Arbeitstag. Jeder dritte Passagier döst. Wer einknickt, wacht schlafwandlerisch einem jahrelangen Automatismus folgend, rechtzeitig zu seiner Station auf.

Wie üblich ist der Zug überfüllt. Wer am nächsten Halt hinter Hauptbahnhof, in Harburg, zusteigt, kriegt nie einen. Auch in der Ersten Klasse, wo in den Abteilen noch Plätze frei sind, steht man dicht gedrängt im Gang.

Schumann fährt Erster Klasse, und er ist der einzige in seinem Abteil, das er in ein Schlafzimmer verwandelt hat. Am Fenster hat er die Sitze zusammengeschoben, das Licht gelöscht und sich ausgestreckt. Nur die Notbeleuchtung brennt noch.

Das ist nur eine der Marotten, für die er bei anderen Pendlern und Bahnbediensteten bekannt ist. Morgens kommt er im Dauerlauf auf den Bahnhof, obwohl noch Zeit ist. Immer in Eile. Und abends immer Plastiktüten mit Lebensmitteln dabei. Unter Pendlern heißt er „Tüten-Ede“.

Außerdem haben sie ihn „Messerstecher“ getauft. Im Sommer, wenn er kurze Hosen trägt, hängt deutlich sichtbar das Messer im Futteral an seinem Gürtel. Lauter Gründe, ihm aus dem Weg zu gehen. Wenn er sich auf zwei Sitzen breit macht und das Licht löscht, setzt sich niemand mehr zu ihm.

Ein Eisenbahner aus Buchholz, der Schumann zwei oder drei Mal in der Woche im Zug und auf dem Bahnhof sieht, hat bemerkt, dass dieser sich mitunter auch an der Türseite des Abteils ausstreckt und dadurch gänzlich verhindert, dass jemand eintritt. Kurz vor dem Ziel bringt Schumann das Abteil wieder in den alten Zustand. „Betten aufräumen“ nennt das der Eisenbahner.

DIE TAT UND IHRE AUFARBEITUNG

© Uwe Ruprecht

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