Am Schwedenspeicher (zufällig im Bereich einer meiner Tankstellen für freies WLAN in der Inneren Stadt von Stade), wo Touristen Selfies vor der Hafenkulisse machen, lassen sich seit neuestem Betrachtungen über Geschichte und Gegenwart anstellen.

Ein Augenblick, was wir als Jetzt empfinden, dauert drei Sekunden. Dann beginnt die Historie.

Vor 143 Jahren gehörte Fotografieren nicht zum Alltag, und gewöhnliche Menschen wurden gemeinhin nicht auf Platten belichtet. Man musste mehr als drei Sekunden rührungslos sitzen oder stehen, sonst verwischte das Konterfei. Der Aufwand und die Kosten kamen nur für Reiche und Mächtige in Frage, deren Porträts das fotografische Image der Vergangenheit in Deutschland bis in die 1960er dominierten. Ordinäre Leute kamen nur als Schatten von Passanten auf Straßenansichten vor.

Für eine Aufnahme vom Baumhaus aus dem Jahr 1874 dienten ein „Mann aus dem Volk“, wie es damals hieß, und die beiden Kinder zwar als Staffage und wurden nicht porträtiert, mussten aber ebenso still halten wie die Bürger, die dem Fotografen sonst Modell saßen.

Nun ist das Foto lebensgroß auf der Wand angebracht, die der Ansicht gegenüber liegt, die es zeigt: das Baumhaus, so benannt nach dem Schlagbaum, der die Einfahrt zum Hafen sperrte.

Den Generationen, die mit der Flut von Selfies aufwachsen, steht eine Erfahrung noch bevor, die ihre Vorfahren nur eingeschränkt machen konnten: die lebenslange Konfrontation mit der eigenen Geschichte als facebook-Bilderroman.

Der verewigte Augenblick hat nur drei Sekunden gedauert und ist vielleicht längst im Gedächtnis überlagert worden, während er für jeden beliebigen Surfer wie für die Passanten am Schwedenspeicher sichtbar bleibt.

Der Mann und die Kinder im Foto auf der Wand blicken mich ebenso verloren in der Zeit an wie ich sie. Relativ scharf aufgenommen, aber dennoch nichts weiter als huschende Schatten, deren Umriss auf eine Wand gebannt ist.

Das Wandbild basiert auf einem Konzept von Werner Krömeke.

© Uwe Ruprecht

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