Spuren einer Schrift im Schlamm

„Haben Sie Golem?“, fragte ich den Marionettenschnitzer am Josefstädter Kopf der Karlsbrücke. Durch das schwarze Tor zog der Menschenstrom und drängte uns an das Geländer zu Füßen einer Heiligenstatue.

„Nein, das ist nicht unsere Welt“, sagte der ergraute, kleine und runde Mann – unwillig wie es schien.

Doch ich hatte Clara versprochen, einen Golem aus Prag mitzubringen. In ihrer Vorliebe für Übersinnliches hatte sie sich in Gustav Meyrinks okkulten Roman vernarrt. Nicht, dass sie mit einer Puppe, die ich an irgendeinem Stand gekauft hätte, zufrieden gewesen wäre.

„Schlamm und Schrift“, hatte sie gesagt, „lass dir was einfallen“.

„Also sandte er an einem Fasttag die Bitte gen Himmel, ihn durch einen Traum aufzuklären. Er erhielt darauf eine Antwort, die aus einzelnen Schriftzeichen bestand, welche keinen Sinn ergaben. Da beschloss er, sich auch darin der Hilfe des Golem zu bedienen. Er schrieb die Schriftzeichen einzeln auf verschiedene Zettel und gab dem Golem auf, sie in der richtigen Reihenfolge zu ordnen.“ (Micha Josef bin Gorion)

GOLEM TICKETS

Mirovická, eine Straße hoch auf dem Hügel im Norden, mehrere Schnellbusstationen vom Bahnhof Holesovice entfernt. Wenn am Straßenrand der Sternenspiegel nächtlicher Stadtlichter aufblitzt, muss ich aussteigen. Troja heißt das Viertel in der Tiefe neben dem Supermarkt.

Ein Plattenneubau, noch von Gruben und Gerüsten umgeben. Wie Weimar, denke ich, wo ich zum ersten Mal einen Plattenbau betrat; wo der Abgrund zwischen dem gestaltend-gewachsenen Stadtkern und der notdürftigen Außenbezirksarchitektur ähnlich war. Zurück aus dem Rausch der goldenen Gassen in die real existierende Nüchternheit meiner Unterkunft für sieben Tage.

Wie erwartet klopft es an der Tür, sobald ich im Zimmer bin, und Golem, der große Mann mit breiter Brust, kurzem Hals und dem Metzgergesicht unter der Glatze, lädt mich zu „pivo“, echt Pilsen, in die Küche ein. Die Dvorákova, seine Gattin, wirft den Morgenmantel über das Nachthemd – nun wird geradebrecht.

Golem versteht kein Deutsch, nur manchmal brummt er etwas Tschechisches, das die Gattin fauchend zurückschleudert; ihr üblicher Umgangston offenbar. Mir bietet er noch ein pivo an, und er grinst so strahlend, dass ich fast unsicher werde: Ist er Kind oder Bösewicht, der mich für ein Kind hält?

Im Wohnzimmer nebenan, das ihr Schlafzimmer ist, solange Gäste die beiden anderen Räume belegen, pocht hartnäckig eine Uhr auf die Zeit. Golem gefällt das, übersetzt die D., als ich immer wieder zu dem Ungetüm hinüberschaue, das im Dunkel meinen Blicken verborgen bleibt. Nur mit ihrer Rente als gewesene Ambulanzfahrerin und seinem Lohn als Bauarbeiter wäre die Marktwirtschaft nicht zu ertragen.

Wir Touristen schätzen den Verfall der tschechischen Krone um so mehr und nehmen das Frühstück im Hotel Europa, mit Fenster zum Václavské námesti, wo die Bürger am Sockel des Heiligen Wenzel anstehen, um sich in eine Unterschriftenliste einzutragen: zum Referendum zur Abspaltung der Slowakei. Statt Planerfüllungspropaganda schütten dieselben Lautsprecher heitere Musik bis in die Seitengassen.

Überall Wechselstuben. Du schiebst deine Scheine in den Schlitz und die rummelnde Stadt gehört dir zum Schein. Städte sind Organismen, Straßen ihre Nervenbahnen; der Langmut, mit dem die Prager die Touristenmassen in den Gassen erdulden, kommt dem Märtyrertum nah.

Tschechisch / Deutsch / Russisch waren die Aufschriften vieler Geschäfte. Russisch wird eliminiert oder durch Englisch ersetzt; deutsche Mark und Zunge bleiben mächtig in Prag.

Kaum ein Kellner kann Kafka im Original lesen, aber jeder weiß, wo man ihn findet. Er ist der Gott der Gassen in dieser Saison, in der ein Standesgenosse auf dem Hradschin regiert. Was Salzburg sein Mozart, Hamburg sein Hans Albers, ist Prag sein Heimatdichter, der die Stadt nie beim Namen nennt. Und wie er in ihr rotiert ist: 20 Häuser werden als Gedächtnisstätten ausgewiesen – noch sind nicht alle plakettiert, wie es sich für ein gutes Museum gehört.

Kafkas Kopf, weiß auf schwarz, riesig mit Totenhöhlenaugen starrend, auf einem Transparent zwischen die Giebel gespannt – eine Prager Eigenart der Werbung – lockt in ein Stück ohne Worte. Kartenvorverkauf für die stumme Angelegenheit: Golem Tickets.

„Das ganze Leben ist NICHTS anderes als formgewordene Fragen, die den Keim der Antwort in sich tragen – und Antworten, die schwanger gehen mit Fragen. Wer irgendetwas anderes drin sieht, ist ein Narr.“ (Gustav Meyrink)

LUMP UND NARR

„Schlamm und Schrift“, hatte Clara gesagt. Kinder lieben das Spiel mit Schlamm. Sand, mit Wasser vermischt, formbare Materie, von der Fantasie belebt, Klumpen mit wechselnden Gesichtern, Mulden, in denen Schatten verlaufen, Höhen, über die Licht streicht. Urmasse der Schöpfung, Schlamm, der einst die ganze Erde bedeckte, bevor Gott ihn auf menschliches Maß schrumpfte, knetete, mit seinem Wort belebte: „Adam“.

Urmaterie Schlamm und Schrift: Gottes Wort, dem gebackenen, magisch zubereiteten Geschöpf in die Stirn geritzt oder auf einem Zettel unter die Zunge gelegt – und Golem geht. Aber er spricht nicht. Umso ausführlicher haben andere seine Geschichte erzählt, so dass die Magie ganz gut ohne Schlamm auskam, um zu wirken.

Mary Shelley kannte die Sage vermutlich, als sie um 1816 ihren Frankenstein schrieb. 100 Jahre später nahm Gustav Meyrink das Motiv auf. Er hatte als Bankier Meyer in Prag gelebt, war für Duelle und Haschisch-Sitzungen berüchtigt und galt als „der Eingeweihte“ schlechthin. Zur Jahrhundertwende brach der Wunderglaube epidemisch aus, und Meyer war Mitglied ziemlich aller Geheimlogen, magischen Zirkel, spiritistischen Clubs oder Sekten. Seine Empfindlichkeit in Ehrenhändeln brachte ihn vor Gericht. Er zog nach Starnberg um, schrieb dort – natürlich – sieben Jahre am Golem.

Der jüdischen Legende nach kann jeder Gerechte einen Golem erschaffen. Vor 400 Jahren, zwischen 1590 und 1592, unternahm der Rabbi Löw zu Prag mit zwei Gehilfen an der Moldau einen Schöpfungsversuch. Vier Uhr morgens, am Scheitel der Nacht, waren die vier Elemente symbolisch versammelt: Erde vom Ufer, der erste Gehilfe, der als Feuer, der zweite, der als Wasser die Gestalt am Boden siebenmal, Zauberformeln murmelnd, umrundet, worauf nun der Rabbi, als Geist der Luft, der Figur Leben einhaucht, indem er ihr das Schem in den Mund steckt.

Das Schem oder Sch‘ma wird als Metall oder Papier, Pergamentrolle oder Gebetskapsel wie sie zur jüdischen Tracht gehört oder an Türpfosten hängt beschrieben. Mal wird das jüdische Hauptgebet mit dieser Pille verabreicht, mal eine Formel der Kabbalah, des „Codes“ zur Entzifferung der Thora, des Gebets- und Lehrbuchs, in dem alles Weltgeschehen, vergangenes wie zukünftiges, verzeichnet sein soll. Die kundigsten Nacherzähler sprechen vom Schlüsselwort der Kabbalah, dem Tetragrammaton, dem unaussprechlichen Namen Gottes.

Im „Handbuch“ kabbalistischer Weisheit, dem Tarot, entsprechen die 21 Trümpfe oder Großen Arkana plus dem gesondert gezählten „Narren“ den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, die wiederum Anhaltspunkte der Zahlen- und Buchstabenkombinatorik der 22 Stationen des kabbalistischen „Lebensbaumes“ sind. Meyrink vergleicht seine Hauptfigur, den Gemmenschneider Athanasius Pernath, dem der Golem begegnet, mit dem Tarot-Narren, der vom ersten Arkanum, dem „Magie““ geleitet, durch das Labyrinth des Lebensbaumes von Erkenntnis zu Erkenntnis klettert. Das hebräische „golem“ bedeutet Keim, Formloses, Ton, Lumpen, Narr.

Für den Theologen Gershom Scholem „hat der Golem immer auf zwei ganz verschiedenen Ebenen existiert. Die eine war die Ebene der ekstatischen Erfahrung, auf der die Lehmfigur, in die alle Ausstrahlungen des menschlichen Geistes, die die Kombinationen aller möglichen Alphabete sind, einfließen, für einen Moment der Ekstase, aber nicht außerhalb von ihr, lebendig wird.“ Auf der anderen Ebene verwandelt sich „das Gerücht von den kabbalistischen Spekulationen“ in „handfeste Erzählungen“.

HORMONE DER FANTASIE

Wie seit einem halben Jahrtausend gibt die Karlsbrücke auch an diesem Abend keinen Kommentar zu den Menschen, die über sie hinweggehen. Vollmond über den Türmen. An den Sockel eines Dichters gelehnt singt ein Bärtiger Traviata-Arien und zupft eine Klampfe. Weiter draußen über der Moldau, von der plötzlich Nebel aufsteigt wie in Wolken, die Prager Off-Szene bei Flaschenbier und einer Punk-Interpretation von This goes out to the one I love.

„Nicht unsere Anschauung“, wiederholt der Marionettenschnitzer, als ich nachfrage, wieso er keinen Golem hat. Er spricht gebildetes Deutsch, liest wohl, aber seine Grammatik ist gebrochen; keine Ahnung, wovon er sich abgrenzt, vielleicht vom Judentum?

Unter seinen Puppen war mir ein gräßlich grüner Unhold aufgefallen. Aber er winkt ab, als ich den Namen wissen will; dabei ist es der Marionettenspieler Zwakh, den Meyrink die Sage erzählen läßt. Mit geläufigen Begriffen werden mir aber die übrigen Spielzeuge erklärt, während er sie vom Haken nimmt und in Plastiktüten steckt, die ihm ein Assistent hinhält: König, Kaiser, Prinzessin.

Der lange und hagere Assistent nickt zustimmend und lächelt mir verstehend zu, während die Puppen im Sack verschwinden. Er trägt eine Baskenmütze, und als Paar von Dick und Dünn erinnern sie mich an den Porzellansammler Utz und seinen Freund Orlík in Bruce Chatwins Roman; auch Orlík ist dürr und trägt Baskenmütze. Die Leidenschaft des Sammlers für die gebrannten und glasierten Tonfiguren belebt diese auf ihre Weise, wie etwas anderes als Worte die Marionetten dieser beiden erweckt.

„Puppen“, sagt mein Zwakh in seinem sonderbaren Deutsch, „sind die Hormone unserer Fantasie und eine Waffe gegen die harte Wirklichkeit.“ Weniger aus Geschäftssinn, sondern wie um mich von Golem abzubringen, hält er mir immer wieder den Harlekin hin, und – ganz zum Schluss, ein buntscheckiges und glubschäugiges Holzwesen, das an seinen Strippen zappelt: „der Narr, der weise spricht“.

„Wunder“, schließt er und wendet sich zum Hradschin, der aus Nacht und Nebel aufstrahlt, „Wunder muss man auf Schritt und Tritt beobachten.“ Er sieht mich an und schüttelt den Kopf. „Die Menschen aber sehen und hören nicht.“ So dass ich glaube, er ist böse, dass ich immer noch meinen Golem suche.

„… in altmodische, verschossene Kleider gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vornüber fallen.“ (Gustav Meyrink)

KAFFEEHAUS I

In einer Kavàrna an der Malostranská unterhalb der Burg. Václav Havel soll hier geschrieben haben, heißt es. Die Prager lesen viel, heißt es ebenso. Ihre Zeitungen jedenfalls sind in Schriftgrößen gedruckt, die denen entgegenkommen, die gewohnt sind, ihre Nasen dicht ins Papier zu drücken.

Wie in einem Treibhaus wuchs hier Literatur aus der Reibung der Kulturen. Vom Kaffeehaus Rilkes und Werfels, dem Arco am Bahnhof Republiky, wird den Touristen abgeraten; als ich dort Essen wollte, war die Küche eben geschlossen. Literatur erstand hier ebenso an der Unterdrückung, als Jude oder als Tscheche.

Am Ausgang stolpert ein kleinwüchsiger Mann über eine Stufe. Er bleibt lange auf dem Rücken liegen, sucht vergebens Halt mit den Armen. Ich rühre mich nicht, Leute, auch zwei Kellner gehen gleichgültig vorbei. Ein Betrunkener, der hier geduldet wird, denke ich, fällt öfter auf die Nase, wird sich schon wieder berappeln.

Endlich hilft ihm der Zahlkellner auf und in Zeitlupe, Schrittchen für Schrittchen, tastet sich der Kleine an den Nebentisch heran. Dort sitzt, wie ich nun erst bemerke, ein Mann mit Gipsbein bei zwei Gläsern.

Wie hingeworfen liegt der Kleine im Stuhl. Seine Füße in den Sandalen sind geschwollen, die Oberschenkel so dünn, dass der eingesunkene Stoff der Hose leer erscheint. Die Beine bewegt er, indem er sie mit beiden Händen an den Knien unterfasst.

Der verwachsene Rücken, der verdrehte, winzige Kopf in der Schultermulde, die braune Haut mit den Bartstoppeln wie geschnitztes Holz, eine Mahagoni-Miene mit Schmerzfalten, wie eine von den Fäden geschnittene Marionette.

„Josel war der Name des Golem von Rabbi Löw. An Wochentagen führte er alle möglichen niederen Arbeiten aus. Er hackte Holz, fegte die Straße und die Synagoge und diente als Wachhund für den Fall, dass die Jesuiten etwas im Schilde führten.“ (Bruce Chatwin)

GRAB IN DEN SCHRIFTEN

Rücksichtlich meiner Großväter: Der Golem, geschaffen um Pogrome zu verhindern, ist als Gedankengestalt, über die Gräber hinweg, gewissermaßen mein Gegner, soweit es ein Gewissen für Geschichte gibt. Oder verkörpert im Rückblick der Golem nicht auch das Grauen, gegen das er schützen soll? Für Egon Erwin Kisch, der im Rasenden Reporter seine Suche nach dem Grab der zölibatären Zeugung schildert, ist Golem „der dem fremden Willen bedingungslos untertane und für fremden Nutzen arbeitende Menschenautomat“ – wie ihn die Nazis erträumten und verwirklichten.

Zehn Jahre nach Meyrinks Roman, aber vor dem Holocaust, stieg Kisch auf den Dachboden der Altneusynagoge, wo der Tonmensch unter einem Schriftenberg, Altpapier liegen sollte. Das Ghetto des Rabbi Löw war schon zerstört. Nach dem Modell der Sanierung der Pariser Arbeiterviertel durch den Baron Haussmann begann 1893 die Vernichtung des Gassengewinkels. Meyrinks Golem erscheint als Vorbote dieses Untergangs; die letzten Szenen des Romans spielen in den Ruinen der Judenstadt.

Nur die Synagogen blieben stehen. Die Altneue hat auch die Nazis überdauert. Hitler hatte sie zum Museum der auszurottenden Kultur ausersehen. Jüdische und nicht-jüdische Fachleute restaurierten das Gemäuer aus dem 14. Jahrhundert und seine Einrichtung, um anschließend erschossen zu werden.

Nur zwei der sieben Synagogen Prags werden von den 1000 der ehemals 100 000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde benutzt. Die anderen stehen unter erbarmungslosem Touristenandrang. Während mehrere Gruppen sich im zweischiffigen Innenraum um das Pult des Rabbi, das Almemor, drängen, trommeln die draußen dicht an dicht in der Gasse Stehenden an die Tür.

Nachdem er den Golem zum Gerümpel gelegt hatte, erließ der Rabbi ein Verbot, den Dachboden zu betreten. Das Verbot ist dokumentiert und wirkte, bis Kisch hinaufkletterte. Er fand keinen Lehm, aber eine Erkenntnis: Dass Victor Hugos Notre-Dame de Paris eine Variante der Sage sei, Golem der Quasimodo des ketzerischen Domherrn.

Von einer Liebesgeschichte Golems mit einer Esmeralda weiß die Legende freilich nichts. Im Gegenteil: „Er musste ohne Zeugungstrieb erschaffen werden, sonst hätte sich kein Weib vor ihm retten können, und es wäre wieder das eingetreten, was sich in der Urzeit begeben hatte, als die Engel an den Menschentöchtern Gefallen fanden“, soll der Rabbi selbst gesagt haben.

ZAUBERZETTEL

1512, 1513, 1520 sind vermeintliche Geburtsdaten des Rabbi Jehuda Löw ben Bezalel, als Geburtsort kommen Posen und Worms in Frage. Seine Tumba, der ein Zelt nachahmende Grabstein für bedeutende Personen, verzeichnet nur seinen Sterbetag, den 17. September 1609. Das Epitaph sagt von ihm: „er drang ein mit Erlaubnis und ohne solche / nichts ließ er unbeachtet / Kleines und Großes sammelte und vereinte er“; von Golem, Kabbalah oder Magie sagt es nichts.

Rabbi Löw war das geistige Oberhaupt des Ghetto in einer Zeit, in des es unangefochten war wie selten. Dass dem biblisch alten Weisen mit dem langen Bart übernatürliche Kräfte nachgesagt wurden, war unvermeidlich – die Wundertat des Golem wäre wie eine „Erklärung“ für den Frieden der Epoche. Für 1590 vermerkt E. E. Kisch, dass die an den Ostertagen üblichen Gewaltexzesse ausblieben. Die „Blutbeschuldigung“, dass die Juden zum Passahfest Kinder schlachten würden, war ernst genug, damit jahrhundertelang Kaiser und Könige, die Ruhe in den Mauern haben wollten, Erlasse verabschiedeten, die die Juden im Vorweg freisprachen.

Die Tumba des Rabbi ist die Hauptattraktion auf dem Alten Jüdischen Friedhof. Man drückt sich aus der Altneusynagoge heraus, überlässt sich dem Menschenstrom, der von der Pariser Straße weg führt und gelangt durch eine Gasse, die auch ohne das Gewimmel eng wäre, zur Pforte der beim Abriss des Ghettos geschlossenen Nekropolis. Am Weg fliegende Händler; ich entdecke zwei junge Burschen, die Golems, plumpe Tonwesen verschiedener Größe, als Kerzenhalter anbieten: Das Licht steht im schwanger vorgewölbten Bauch und leuchtet aus dem Schädel. Aber ich kann mich aus dem Strom nicht befreien, und später sind sie fort.

Im Mauerschatten, aus dem siebenfach geschichteten Boden herausragend wie Stalaktiten, bilden die Grabsteine ein Labyrinth, dessen Spiegelung die Touristenscharen sind, deren Slalom von ihnen markiert wird.

Um die Tumba des Rabbi konkurrieren die Gruppen. Der zerfressene Stein ist mit Zetteln und Kieselsteinen übersät. Wie Christen mit Blumen grüßen Juden mit Kieseln ihre Toten. Die Zettel enthalten Wünsche, die der Rabbi erfüllen solle, sagt eine Fremdenführerin. Eine christliche Verfremdung, setzt ihre Kollegin hinzu. Aber lesen dürfe man die Zettel nicht, ergänzt die erste, sonst wirke der Zauber nicht. Damit der Zauber wirke, sagte die zweite, braucht es keine Zettel; Wünsche und Wunder seien etwas pur Geistiges. Die Zettel würden nicht, erklärt die erste nun, wie in Jerusalem und anderen heiligen Stätten regelmäßig vernichtet – deshalb seien es so viele.

Vereinzelt liegen mit Kieseln beschwerte Zettel auch auf anderen Steinen. Auf der Pyramide des Mathematikers und Musterschülers des Rabbi, David Gans, hätte beides kein Halt. Sein kleines Grabmal wird auch von den Fremdenführerinnen übergangen. Obwohl er eine Tumba mit langer Inschrift hätte haben können, verzichtete er darauf. Gans war auch der Chronist des Ghetto; in diesem „steinernen Archiv“ ragt er nicht heraus.

„Golem war der erste Roboter“, sagt die Fremdenführerin. Roboter sei auch das Wort, mit dem das Tschechische die Weltsprache bereichert habe; Karel Capek (Der Krieg der Molche) hat es erfunden, es leitet sich ab vom tschechischen Wort für „arbeiten“. Golem I hieß der erste israelische Computer; Gershom Scholem hatte den Namen vorgeschlagen. Golem XIV nennt Stanislaw Lem eines seiner vielen Bücher über artifizielle Intelligenz. Der „Schem ha meforasch“, Gottes wahrer Name, als Strom, der aus dem binären Ja / Nein wie aus den zweiundzwanzig Buchstaben eine imaginäre Gestalt schafft: Computer-Output: oszillierende Lichtzeichen auf Glasschirmen.

KAFFEEHAUS II

Gegenüber dem Nationaltheater, in der Kavàrna Slavia. An der Wand ein Ölschinken: Auf dem letzten Tisch, an dem der letzte Gast in die Luft starrt, sitzt eine durchsichtige, nackte grüne Dame. Zum Fenster hinaus die Baustelle am Kopf der Brücke des 1. Mai.

Unter dem Netz der Elektrostrippen, während der Asphalt noch aufgerissen wird, fahren die Straßenbahnen über die freigelegten Schienen, schlängeln Autos sich durch die Absperrungen. Um nicht an einem Steinhaufen entlanglaufen zu müssen, nutzen die Fußgänger eine Stelle zwischen den Gittern, die nur mit einem roten Band abgesperrt ist. Beim Überwinden des Hindernisses überbieten sie sich an Höflichkeit, einer dient dem anderen das hochgehobene Band zum Hinunterdurchkriechen oder Übersteigen an.

Brummend und knarrend schüttet ein kleiner Bagger Sand an die Seite oder auf das Heck eines Lastwagens. Wie ein aufgeregtes Insekt kreiselt er, winkt mit seiner Schippe, stößt vor und zurück in einem Affentempo – eben hätte er um ein Haar den Pkw gerammt, der hinter seinem Rücken vorbeifahren wollte, während er eine Pirouette drehte. Dabei warnt die Drehleuchte auf seinem Dach alle, ihm zu nahe zu kommen.

Im Eisengerät, dem Maschinendiener auf Rädern, mit dessen übermenschlicher Kraft ihn Knöpfe, Hebel und Pedale verbinden, ein bulliger Mann in blauer Montur. Die Maschine ist seine Rüstung, doch ist er wie für sie gemacht. Sie, das Serienmodell, war vor ihm da und hat gewartet auf einen Bediener, der zu ihr passt. Wirklich sitzt er in dem Apparat, als hätten sich in jahrelangem Arbeitszusammenhang die Körperformen des menschlichen Partners dem Sitz angepasst, den die Maschine vorschreibt.

„Auch besaß er die Eigenschaft, dass er den Wechsel der Stunden zur Tages- und Nachtzeit genau empfand. Es weht nämlich zu jeder Stunde vom Garten Eden ein Wind auf die Erde, der die Luft reinigt, und diesen Lufthauch vernahm der Golem dank seinem feinen Geruchssinn.“ (Micha Josef bin Gorion)

SCHEMEN, STUMME ZEUGEN, STEIN

Der Hradschin um acht. Zerklüftet und glänzend im Mondschimmer wie verkohlte Holzstümpfe die Türme des Veitsdomes. Ich stehe auf der Brücke über den Hirschgraben, mit Blick zum Pulverturm. Zwei Wachsoldaten, stumm im Dunkel vor dem hinteren Burgtor, sind Zeugen meiner Notizen.

Leer die Gassen, leer die Brücke. Als sei ich der einzige, der die Nachricht vom Weltuntergang nicht erhalten hat und noch amüsiert herumspaziere, so schlagartig sind die Menschen verschwunden, hat ihr Kreuzen und Queren aufgehört. Die Häuser sind allein, und dabei unerbittlich. Sehnsucht nach der Gegenwart der anderen Schemen kommt auf.

Der Präsident regiere nicht gern hier, heißt es. Mir ist, als ich die Soldaten passiere, nicht als betrete ich den verwaisten Burghof oder ein Museum, sondern ein Grab. Je länger ein Gebäude steht, desto mehr wird es zum Grab, zum erbarmungslos stummen Zeugen der Geschichte.

Aber ein Wachoffizier stolziert über das Katzenkopfpflaster und seine Stiefel klappern Obacht. Was gäbe ich für einen japanischen Touristen, um mir beizustehen gegen diese allzuferne Nähe, allzunahe Ferne der Zeit!

Der Mythos des Hradschin verdankt sich Kaiser Rudolf II., der seine Regierung von Wien hierher verlegte. Bis zu seiner Abdankung 1611 versuchte Rudolf, sich aus allem herauszuhalten und widmete sich vor allem seiner Sammlung von seltsamen Dingen und sonderbaren Menschen wie Tycho de Brahe, Johannes Kepler oder Guiseppe Archimboldo, von dem er sich mit Kirschenlippen und Brombeeraugen als Gott der Verwandlung Vertumnus portraitieren ließ.

Im Nebeneffekt war die Epoche friedfertig. Weil aber durch Eroberungsfeldzüge kein Geld in die Kassen kam, war Rudolf auf jüdische Finanziers angewiesen. Mordechai Maisl und Jakob Bassewi wurden mit Privilegien bedacht, von denen auch das Ghetto profitierte.

Wie es kam, dass es weniger gefährlich war im Ghetto, dafür fand die Legende ein Gesicht: Golem. Sie bringt daher den Kaiser häufig in Zusammenhang mit dem Rabbi, als könne ein Märchenwesen schlecht für sich allein bestehen und suche die Nähe anderer, um glaubhafter zu erscheinen. Rudolf allerdings war kabbalahkundig wie viele nicht-jüdische Mystagogen und Wissenschaftler. Und gehörten nicht zu seiner Sammlung auch Automaten und technische Wunderwerke wie Christoph Margrafs Kugellaufuhr, bei der die sekundengenau rollenden Kugeln zugleich Akteure in Miniatur-Szenen zwischen Bildern und Figuren sind? Rudolfs Homunculus im Glas verscholl bereits im Dreißigjährigen Krieg mit anderen mythenbeladenen Objekten.

Nicht zuletzt ist eine Zusammenkunft des okkultistischen Kaisers mit dem Rabbi am 23.Februar 1592 verbürgt – durch Löws Schwiegersohn Isak Kohen, der angibt, an der Unterredung teilgenommen zu haben, und durch David Gans, auch Mitarbeiter des Hofastronomen Kepler, der freilich von einem Gespräch „unter vier Augen, so wie Freunde“ schreibt. Einmütig schweigen Kohen und Gans, „wie bei kaiserlichen Angelegenheiten üblich“, über den Inhalt der Audienz. Die Legendendichter sind redseliger: Hier wurde die Schaffung des Golem verabredet.

Abends um acht habe ich den Hradschin für mich allein und höre die Grillen zirpen. In der Jirská erschrickst du über den Schlag der Stunde. Hörst, was Schritte sind. Ein Kind vor mir in der steil auf ein Tor zufallenden Gasse hat Angst vor dem eigenen Schatten an der dunklen Mauer und schreit, dass es weit und hoch widerhallt.

HEILIGE UND HUREN

Vor dem Kultusministerium am Valdsteinské Platz. Ein offenes Fenster: Sehe Köche schwätzen, dick in weißen Schürzen, Radiomusik bringt die Kessel zum Klingen; eine junge Köchin, vor Hitze halb entkleidet, legt Schnitten zurecht. Dann weiter, die Gasse wird wieder dunkel, bis auf den goldgelben Schimmer in der Höhe, wie vom Heiligenschein einer Ikone. Wenn du zurückläufst, das Fenster wäre geschlossen, von einem Vorhang verdeckt, du findest es nicht wieder, inzwischen ist es ganz finster.

„Der Schoß“, würde Brecht sagen. Unterhalb des roten Metronoms, das mit zwei unablässig schlagenden Glocken von der Höhe des Parks die Opfer des Stalinismus in Erinnerung ruft, am Kopf der Brücke ein schäbiger Trupp Männer, Bierflaschen vor sich auf der Brüstung. Einer sieht mich und streckt den Arm hoch, grinst mir entgegen. Wie auf Kommando grölen die Kumpane auf. Dass ich nichts verstehe, erleichtert es, nicht zu reagieren.

Wo die Rampe zum Nationalmuseum, die der Václavské ist, Am Graben seine Basis hat, am U-Bahn-Einstieg, einem Beton-Unterschlupf, aus der Hausecke ausgespart, dusteres Loch im sonst so lichten Platz, dasselbe Handzeichen von einem halbstarken Skin, der auf der Brüstung, hinter der die Rolltreppen in die Tiefe gleiten, die Beine baumeln lässt.

Auf den Václavské, sagt mir eine Lehrerin, könne man abends nicht mehr gehen, die Kriminellen, die Zigeuner, die Huren. In ihrer Schule in einer Seitenstraße sitzt hinter einer Glastür ein schmächtiger blonder Schüler an einem großen Holztisch. Er hat „Hausdienst“. Besonders „in letzter Zeit“ kämen „Asoziale und Zigeuner“ in alle Häuser, und weil man sowenig Platz habe, ständen Unterrichtsmaterialien im Treppenhaus und den Fluren. Es werde viel gestohlen, überall, „in letzter Zeit“.

Und die Huren, die, von der Polizei geduldet, den Platz entweihen. Ohne zu überlegen habe ich einer von ihnen, die sich mit beiden Händen an ihrem Kaffee festhielt, ein warmes Lächeln geschenkt. Solche wie ich sind schreibende Huren, Pflastertreter und Eckensteher eigener Art, die ihre Seele, ihre innersten Empfindlichkeiten für ein paar Groschen beliebigen Magazinen andienen.

„Tausende steinerner Heiliger, die euch heute noch von allen Seiten anschauen, die euch drohen, verfolgen, hypnotisieren“ – so Milan Kundera über Prag. Metropole der Mythen von Bischöfen und Herzögen, Zauberern und Prinzessinnen, zu Stein geronnen, die den Gassen etwas Unaufgeklärtes belassen, trotz Tourismus und Autoverkehr. „Mutter der Städte“, in der man gnadenlosen Verführungen der Geschichte(n) ausgesetzt ist, dem stummen Karneval der Putten und Masken.

Grübelnd durch die Nacht, die leergefegten Gassen, wo ich neben einer qualmenden Mülltonne den Schrecken meines langen Schattens erlebe. Nass glänzt der Weg, ein Sprengwagen verfolgt ein Liebespaar. Ich würde mich nicht wundern, wenn unversehens die Giebel in der Höhe zusammengewachsen wären in diesem Nest der zwielichternen Einbildungen. Dort der Alte mit dem schwarzen Handschuh an der Rechten, mit der er den Abfall durchsucht; er zieht nur Papier heraus, bedruckt oder beschrieben.

Auch das Gestänge eines psychischen Automatismus ist wie Golem: Fatale Imagination, denke ich, während das drittklassige Ballett des Nationaltheaters zu einem Verdi-Potpourri die Kameliendame gibt; zu jedem zweiten Szenenwechsel fällt die Hauptfigur in Ohnmacht. Unterdessen kämpfe ich auf meinem Platz an der Brüstung im zweiten Rang mit Höhenangst.

GRAB DES GOLEM

Auf Golem muss man aufpassen, sonst bricht er aus. Eine geringe Unachtsamkeit nur, ein Versehen, und der dienstbare Geist wendet sich gegen seinen Schöpfer. Dann ist höchste Zeit, den Zettel unter der Zunge herauszuholen.

Am Sabbath ruhte der Golem des Rabbi Löw, wie alle Geschöpfe Gottes. Doch an einem verhängnisvollen Freitagnachmittag vergaß der alte Mann das Schem im Maul. Ohne Befehle wurde das Wesen selbständig, wuchs, als wolle er so gigantisch werden wie der ursprüngliche Adam, und wütete. Der Amoklauf zerstörte das halbe Ghetto, ehe der Rabbi ihm das Wort aus dem Mund reißen konnte.

Auf dem Dachboden der Synagoge ruhte das abgeschaltete Monster nicht lange, berichtet E. E. Kisch. Gehilfen des Rabbi entwendeten es, ihre Wiederbelebungsversuche indes waren vergeblich. Den unheimlichen Gast im Haus, starben zwei Kinder eines der Zauberlehrlinge an der Pest. Der Golem wird verantwortlich gemacht; aber wie kommt er ungesehen fort – und wohin damit? Zwei Kinder in einen Sarg, Golem in den zweiten.

„Jüdischer Backofen“, Zidovské pece, heißt das Gelände, das Kisch als Grab des Golem bezeichnet, „ein kaum fünf Meter hoher Hügelzug, schüttere Grasbüschel, Sandsteinfelsen“. Bis 1866 war hier der Rabenstein mit dem Galgen.

Straßenbahnlinie 9 vom Václavské bis zur Malesická im dritten Bezirk Zizkow. Totenhaltiges Terrain. Unweit der bei der Pestepidemie 1680 angelegte jüdische Friedhof, der Neue Jüdische mit dem Grab Kafkas und ein tschechischer Totenacker in Vinohrady. Nicht das goldene, das ganz gewöhnliche Prag mit aschgrauen Waschbetonkästen, der Zufahrtstraße zum Elektrogroßbetrieb am Containerbahnhof entlang. Ich verfehle den regulären Weg und muss durch Gestrüpp den Hügel erklimmen.

Ein weites, leeres Feld, spärlich von Bäumen umstanden, abgemähtes Gras verstreut. Der Wachtturm des Container-Terminals und der neue TV-Turm, für den der Mahler-Park weichen musste, stecken das Panorama ab.

Kinderhaltiges Terrain. Am Fuß des Hügels der Verkehrsübungsplatz eines Kindergartens. In einem Sandloch formt eine Schar neuer Menschen Burgen.

Wege mit grünen Bänken, um kleinere Erhebungen geschlungen. Auf einer davon harken zwei Frauen und ihre Kinder das Heu mit Rechen zu Haufen. Zwischen Felsbrocken und Mauerresten ein Kinderwagen, aus dem es mir schon von weitem entgegenlacht. Während ich vorübergehe, strahlen wir uns an; ich höre es in meinem Rücken weiterlachen, drehe mich noch einmal um.

Auf den Asphalt ein Teppich aus Kreidezeichnungen, noch ein lärmender Spielplatz mit Klettergerüsten und Sandkästen. Im Halbkreis aus Bäumen sieben Findlinge, mit okkulten Symbolen bemalt, wie eine archaische Kultstätte. Dunkel sind die Zeichen nur für mich; Graffiti tschechischer Kids offenbar.

Noch ein Kindergarten, und der sich verengende Hügelzug mit dem Park verebbt zwischen gestaffelt stehenden Hochhäusern. Im Unterholz finde ich einem sechzehn-Millimeter-Filmstreifen mit einer Sequenz beschriebener Blätter, die ich nicht entziffern kann; an der Zufahrtstraße hatte ich das Schild eines „Film-Archivs“ bemerkt.

Lastwagen röhren, am Terminal kläfft ein Hund zwischen Kohlehalden, Maschinenstahl knallt und schabt. Dort ein Abbruch des Hügels, das Gras verdorrt, im Sand vier Steine, umgittert von roten Rohren. Ich mache ein Foto von der leeren Wölbung: Grab der Kopfgeburt aus Ton und Zauberwort. Da läuft ein Kind in rotem Hemd, ein weißes Tuch um den Kopf gewickelt, durchs Bild. Für einen Moment steht es auf dem Hügel wie ein Grabmal für den Homunculus.

GOLEM GESCHEITERT

Golem als unförmiges Getüm mit zwei Augenhöhlen und einem Loch im Kopf, wie es beim Töpfern vor dem Brennen gemacht wird, wie es auch für Tumbheit, Torheit steht. In den Sagen wird der Golem als „Mann von dreißig Jahren“ beschrieben – diese Postkarten, die ich schließlich nach langem Suchen erstanden habe, zeigen ihn als rundum misslungene Schöpfung. Der Rabbi mag ein großer Magier gewesen sein, hiernach wäre er ein jämmerlicher Bildhauer.

Der künstliche Mensch sieht aus wie eine Tonfigur, die ein Kind gemacht hat. Geborsten ist er, die Wunde seiner Brust schlecht verpflastert. Golem, Schutzheiliger der Prager Juden, ist gescheitert. Ein Wesen wie aus Kinderhand; wie die Zeichnungen, die in der ehemaligen Totenkammer des Alten Friedhofs ausgestellt sind: von den nach Theresienstadt deportierten Kindern.

LETZTE WUNDER

Wunderliches weiß die letzte Fremdenführerin am Grab des Rabbi zu berichten. Den Schem beschreibt sie als Stein; er sei in der Gosse gelandet, nachdem der Rabbi ihn aus dem Mund des Monsters genommen habe. Wer ihn fände, könne den Golem wiedererwecken.

Als die Nazis in Prag wüteten, erzählt sie weiter, ging eine Geschichte unter den Juden um. Da wollte einer den Pérák gesehen haben, wie er den Schergen entkam, indem er über eine Straßenbahn sprang. Oder Verfolgten half, indem er plötzlich, von irgendwoher gesprungen, die Bewacher durcheinander wirbelte. Pérák, der Sprungfedermensch, übermenschlich, wunderbar unverwundbar.

Nein, nein, erhebt eine ältere Zuhörerin Widerspruch. Nichts Mystisches sei am Spannfedermenschen, aber gegeben habe es ihn, sie erinnere sich, in ihrer Kindheit von ihm gehört zu haben.

Erst kürzlich, fährt die Fremdenführerin fort, habe sie mit Juden gesprochen, die sagten, Pérák helfe ihnen nun gegen die Palästinenser.

Mirjam, die Fremdenführerin, weiß noch mehr zu erzählen, als ich sie zum Kaffee einlade. Die 18-Jährige ist Tochter eines lyrisch begabten Musikprofessors und hat selbst unter männlichem Pseudonym vielbeachtete Erzählungen veröffentlicht. „Pernath?“ frage ich nach, als sie den Namen nennt. Nein, lacht sie, Perner.

Sie hat ein Faible für Gespenster. Die 27 vor dem Altstädter Rathaus ins Pflaster eingelassenen Steine betrete sie nie, weil sie dem Gedenken von Heiligen gewidmet sind. Wir sehen eine Weile zu, wie die Menge achtlos über die Stelle latscht.

Mirjam erzählt auch von Dr. Sladek – „das heißt soviel wie süß“ -, dem Verführer der tschechischen Faschisten, die es bei den Wahlen zum südböhmischen Landtag auf dreiundzwanzig Prozent gebracht haben. Havel solle zurück in den Knast, meint Dr. Sladek, denn er ist für „Ordnung“. In einem TV-Interview, sagt Mirjam, habe er sich vor allem durch Nietzsche-Zitate hervorgetan. Uns schaudert vor der Nähe von Über- und Unmensch.

Golem (Zeichnung: urian)

Berlin 1991

© Uwe Ruprecht

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