Kunst und Betrug – Der Fall Rosemarie Koczy (1939 – 2007)

Eine Künstlerin, die sich als Jüdin und Opfer der Shoah ausgegeben hatte, ist weder das eine noch das andere. Betrifft dieser kapitale Betrug bei der Biografie das Werk oder nicht?

„Das Werk ist das Werk“, zitiert der Deutschlandfunk einen Kunsthistoriker, der der Künstlerin auf den Leim gegangen ist. Was soll er auch sonst sagen? Und er hat ja nicht Unrecht. Für die Würdigung des Werks spielen die Bedingungen, unter denen es geschaffen wurde, keine Rolle.

Eigentlich. Aber die reine Kunsttheorie ist eine Wunschfantasie. Und wäre es wirklich so, dass Werk und Leben nichts miteinander zu tun haben – was für eine sterile, lebensfremde Kunst käme dabei heraus?

Tatsächlich lassen sich Leben und Werk nicht trennen, zunächst aber und vor allem hat man mit dem Werk zu tun. Ein Bild in einer Ausstellung, ein Buch, ein Musikstück stehen für sich – oder eben nicht. Und wenn nicht, kann von Kunst keine Rede mehr sein und alle entsprechenden Überlegungen erübrigen sich. Beim Anblick einer Werbegrafik gehen mich die Probleme der Produzenten wahrhaftig nichts an.

Wie es aber einen Unterschied macht, ob ich nur ein einzelnes Werk kenne oder mehrere desselben Künstlers, verändert es die Wahrnehmung, wenn ich über die Umstände im Bilde bin, unter denen das Werk entstand. Und die Umstände bestimmen nicht zuletzt mit, ob das Werk überhaupt entsteht.

Charles Bukowski hätte ohne Alkohol anders geschrieben; Anselm Kiefer konnte Projekte nur realisieren, weil er bereits ein weltberühmter Künstler war; hätte Franz Kafka zu Lebzeiten mehr veröffentlicht, wäre er vielleicht kein posthumer Bestseller geworden, und ohne Max Brod wüsste keiner mehr mit seinem Namen etwas anzufangen. Wie großartig ein Gemälde von Vincent van Gogh ist – leuchten die Farben nicht anders, wenn ich weiß, dass er es als Insasse einer Anstalt anfertigte?

Die Grenzen sind fließend, und es kommt nicht darauf an, sie kunsttheoretisch absolut zu ziehen, sondern sich der Übergänge bewusst zu sein. Ich greife zur Ästhetischen Theorie von Theodor W. Adorno, der die Autonomie des Werks betont hat, aber der erste Satz, den ich lese, lautet:

„Der geschichtliche Moment ist den Kunstwerken konstitutiv; die authentischen sind die, welche dem geschichtlichen Stoffgehalt ihrer Zeit vorbehaltlos und ohne Anmaßung über ihr zu sein sich überantworten. Sie sind die ihrer selbst unbewusste Geschichtsschreibung ihrer Epoche; das nicht zuletzt vermittelt sie zur Erkenntnis.“

„Das Werk ist das Werk“, gewiss. Aber worin besteht die Authentizität eines Werks, das auf Betrug basiert? Welche Erkenntnis kann es enthalten?

„Ich finde nicht, dass jemand, der das Werk von Rosemarie Koczy wertschätzt, sich betrogen fühlen könnte“, sagt der schon zitierte Kunsthistoriker. „Das ist nicht der Fall. Das Werk ist ja so intensiv wie es uns vor Augen steht.“

„Gewundene Körper in drangvoller Enge, große leere Augen, kahle Schädel, geben in ihren Zeichnungen, aber auch in Holzskulpturen und Ölbildern Schrecken und Gräuel der Nazizeit wieder.“ So beschreibt der Deutschlandfunk. Aber so ist es eben nicht. Die „ihrer selbst unbewusste Geschichtsschreibung ihrer Epoche“ betrifft vielleicht die Nazi-Zeit, aber nicht in der von der Künstlerin behaupteten und von der Kritik angenommenen Form.

„We worked in the fields every day“, wird die Künstlerin mit ihren „Erinnerungen“ an das Konzentrationslager zitiert. „I saw the killings, the shavings, the bleachings, the torture and hunger, the cold, typhus, tuberculosis. Death was all around!“

Die Quelle ihrer Bilder ist also erlogen. Das ändert ihr Aussehen nicht. Soll es aber nach dem Willen der Künstlerin: „The drawings I make every day are titled ‚I Weave You A Shroud.‘ They are burials I offer to those I saw die in the camps.”

Alles Lug und Trug, schöner Schein. So soll die Kunst doch sein, oder? Auch wenn nach Auschwitz weiter Gedichte geschrieben werden, bestand Adorno zu Recht auf einem Unterschied zwischen Kunst und Kunstgewerbe. Die Werke von Rosemarie Koczy sind also allenfalls anders als in der von ihr vorgetäuschten Weise authentisch, und wenn aus ihnen eine Erkenntnis zu gewinnen ist, hat sie nichts mit den vermeintlichen Sujets ihrer Bilder zu tun.

Ich kannte diese nicht und habe mir erst bei google einen Überblick verschaffen müssen. Ist es mein Vorurteil, dass sie mir dekorativ vorkommen? Dass ich in den „gewundenen Körpern in drangvoller Enge“, den „großen leeren Augen und kahlen Schädeln“ weniger Leid als Ornament erkenne?

Wäre der Betrug auf ästhetischer Ebene längst zu durchschauen gewesen? Hätte er das nicht müssen? Wieviel ist eine Kunstkritik wert, die einen derart kapitalen Bluff nicht bemerkt, und nachdem er aufgeflogen ist, meint, es würde keinen Unterschied machen?

Rosemarie Koczys Werke sind also wenigstens Kunsthandwerk. Kann man noch von Kunst reden, wenn die Leichen auf dem Tuch keine selbst wahrgenommenen Leichen sind; wenn die Authentizität eine andere als die angenommene ist, und keine Erkenntnis über die Sujets zu erwarten ist, da diese gefälscht sind?

Bei der Entscheidung, ob Koczys Werke abgehängt werden sollen, spielt Moral eine geringere Rolle als Ästhetik. Dass sie sich ihren Platz in den Gedenkstätten ertrogen hat, ist klar. Dass ihre Bilder vielleicht nie in ein Museum gelangt wären ohne ihren erlogenen Lebenslauf, zeigt auf, wie weit entfernt die Kriterien des Kunstbetriebs von ästhetischer Theorie sind.

„Das Werk ist das Werk“? Schön wärs. Rosemarie Koczy hätte sich keine zu ihren Bildern passende Legende erfunden, käme es bei Kunst in realiter allein auf Werke an.

8. November 2017

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