Die Preußen in Stade 1866/79

Otto von Bismarck war im vierten Jahr preußischer Ministerpräsident, als er in die Geschicke der Unterelbe-Region eingriff. 1866 war lange ein traumatisches Datum: Das Jahr, in dem das Königreich Hannover unterging und das Land zur preußischen Provinz wurde. Das Jahr von Langensalza, dem thüringischen Ort, wo die hannoverschen Truppen zwar siegreich kämpften und dennoch kapitulieren mussten, weil ihnen die Munition ausging. Fast wäre 1866 das Jahr von Stade geworden.

Deutschland, das waren seinerzeit die Großmächte Österreich und Preußen sowie die Kleinstaaten, die den Deutschen Bund bildeten. 1866 inszenierte Bismarck einen »Bruderkrieg«. Anlass waren Unabhängigkeitsbestrebungen in Schleswig-Holstein, das sich Österreich und Preußen nach einem Krieg mit Dänemark 1864 geteilt hatten.

Durch diverse diplomatische Winkelzüge kam es zur Konfrontation zwischen Österreich und dem Frankfurter Bundestag auf der einen, Preußen auf der anderen Seite. Am 9. Juni marschierten preußische Truppen in Holstein ein, woraufhin Sachsen, Hannover und Kurhessen ihre Truppen mobilisierten.

Am 15. Juni erging ein Ultimatum Bismarcks an König Georg V. von Hannover. Noch während darüber beraten wurde, marschierte ein preußisches Bataillon in Harburg ein. »Gehen Sie also dreist und schnell über die Elbe!« hatte Bismarck den Oberbefehlshaber General von Manteuffel angewiesen.

Schnell jedenfalls waren die Truppen in Harburg eingetroffen, nämlich mit der Eisenbahn. Die Nutzung des Schienennetzes gilt als einer der Faktoren, weshalb Berlin den Krieg binnen kurzem gewann. Ein zweiter Faktor war die Verwendung der seither so genannten »Generalstabskarten«, die einen planmäßigen Aufmarsch ermöglichten.

Außerdem verfügte die preußische Armee über das Zündnadelgewehr, einen Hinterlader, der fünfmal schneller abzufeuern war als der Vorderlader, mit dem ihre Gegner ausgerüstet waren. In puncto Hannover kam etwas hinzu: die Unentschlossenheit des Gegners.

Der ursprüngliche hannoversche Feldzugsplan sah die Konzentration der Truppen im Raum Stade vor. Die Stadt war die letzte Festung des Königreichs, jedoch kriegstechnisch gesehen in einem erbärmlichen Zustand.

Die Wälle waren verfallen; auf den Ravelins, den Vorwerken, befanden sich Obstgärten; das Glacis, die Freifläche vor der Festung, war mit Häusern und Bäumen bestanden, die erst hätten »rasiert« werden müssen, um freies Schussfeld zu bekommen. In letzter Minute, während die Preußen bereits Harburg einnahmen, entschied sich der Kriegsrat in Hannover gegen einen Aufmarsch bei Stade.

Die Truppen wurden im Raum Göttingen konzentriert. Statt einer Entscheidungsschlacht kam es an der Schwinge zu einer eher grotesken Übergabe der Festung, bei der Schüsse nur aus Versehen fielen.

Der größte Teil der Besatzung verließ Stade, um über die nächste freie Eisenbahnstrecke von Stubben aus nach Hannover zu fahren. Knapp 600 Soldaten blieben in der Festung. Eine Mobilmachung der Bevölkerung, die in der Inneren Stadt 6000 Menschen betrug, fand nicht statt.

Der Kommandant der Festung war Generalmajor Rechtern, ein Mann im Rentenalter. Er bezweifelte, die Stadt wirksam verteidigen zu können, und ordnete an, keine Patronen auszugeben, um jedes Blutvergießen zu vermeiden. Die Preußen wiederum ließen sich Zeit mit der Einnahme von Stade, nachdem ihnen bekannt wurde, dass die hannoversche Armee sich im Süden des Landes sammelte.

Am 17. Juni standen die Preußen bereits vor Hannover, als man in Stade immer noch auf den Angriff wartete. In der Nacht zuvor war ein preußischer Erkundungstrupp bei Brunshausen gelandet und hatte die dortigen Geschütze vernagelt. An den Stadttoren wurden daraufhin die Wachen verstärkt. Für den Fall eines Angriffs sollten zwar die Zugbrücken hochgezogen und die Lattentore geschlossen werden, doch die Wachen der Gewalt weichen.

Weil er davon ausging, dass Brunshausen mittlerweile bewacht wurde, schiffte der preußische Befehlshaber Oberstleutnant von Cranach sein Bataillon mit dem Kanonenboot Cyclop und den Dampfern Loreley und Harburg ein Stück weiter stromaufwärts nach Twielenfleth ein, 1 ¾ Stunde Fußmarsch von Stade entfernt.

Kurz nach Mitternacht des 18. Juni legten die Dampfer an. Der Cyclop aber kam nicht. Von Cranach beschloss, nicht länger zu warten und marschierte los. Der Cyclop war unterdessen irrtümlich in Brunshausen gelandet. Seine Besatzung traf erst in Stade ein, als alles vorüber war.

Von Cranachs Truppe ging im Sturmschritt gen Stade. Die Hunde schlugen an, aber der Wind stand günstig und trug das Gebell von der Stadt weg. Es war halb vier, als die Preußen die Kirchtürme sahen. Zugleich begegnete ihnen ein hannoverscher Reiter, der vor ihnen floh und in der Stadt Alarm schlug.

Seit Mitternacht war man dort auf der Hut, nachdem telegrafisch die Landung des Cyclop in Brunshausen gemeldet worden war. Eben war eine Patrouille unter Hauptmann Bergmann mit gezogenem Säbel im Laufschritt zum Salztor unterwegs, als von dort der Reiter kam, der die Preußen gesichtet hatte.

Die Angreifer hatten inzwischen den Lattenzaun erreicht, der den in die Stadt führenden Straßendamm am Salztor abschloss. Der Unteroffizier und die drei Infanteristen, die dort Wache hielten, stachen mit ihren Bajonetten zwischen den Latten nach den Preußen, was diese erwiderten.

Von Cranach forderte den Unteroffizier auf, das Tor aufzuschließen.

»Warten Sie einen Augenblick, meine Herren«, sagte dieser, »ich muss erst dem Kommandanten Meldung machen.«

Von Cranach fuhr ihn an: »Sie riskieren Ihr Leben, wenn Sie nicht sofort öffnen.«

Während der Unteroffizier eingeschüchtert an seinem Bund den Torschlüssel suchte, überkletterten der Schiffsheizer Martin und Premierleutnant Nolte ein seitliches Geländer des Straßendamms.

Preußen in Stade 1866 (Zeichnung: uri

Martin ergriff das am Boden liegende Gewehr des Unteroffiziers und drang auf ihn ein. Der Wachsoldat floh – und nahm die Schlüssel mit.

Mit einem Hammer bearbeitete Heizer Martin nun das Schloss, andere versuchten, die Latten zu zerbrechen. Endlich entstand eine Lücke im Zaun, durch die jeweils einer auf die andere Seite gelangte.

Leutnant Nolte, Heizer Martin und der Steuermann Heinrich waren zur nächsten Straßenkreuzung vorausgegangen, als von dort der Reiter heransprengte, der eben bei Hauptmann Bergmann gewesen war.

In dem Moment brach das Lattentor unter lautem Hurra, das Pferd scheute, und der Reiter verschwand in einer Seitengasse. Steuermann Heinrich feuerte drei Revolverschüsse hinterher – die ersten bei dem Überfall.

Hauptmann Bergmann hatte derweil die Einmündung in die Große Schmiedestraße sperren lassen. »Halt!«, rief er den nahenden Preußen zu und verlangte mit dem Kommandeur zu verhandeln.

Weil der noch ein Stück zurück war, trat Leutnant Nolte vor. Zugleich wurde Bergmann von Matrosen und Soldaten umringt. Aus den preußischen Reihen fielen Schüsse.

»Senkt’s Gewehr! Kehrt Euch! Marsch!« befahl Bergmann seinen Leuten, die ohne Patronen bei einem Kampf keine Chance gehabt hätten.

Da erschien Oberstleutnant von Cranach: »Halt, dem Herrn wird nichts getan!«

Ein hannoverscher Soldat war in den Arm geschossen worden, drei Preußen hatten Streifschüsse von den eigenen Kameraden abbekommen. Um neun Uhr vormittags wurde die friedliche Übergabe der Stadt besiegelt.

Eine Woche später wurde es noch einmal kritisch. Nach einem Angriff auf einen preußischen Wachtposten mussten alle Schusswaffen abgegeben werden und die Soldaten die Stadt verlassen. Stade war endgültig in preußischer Hand.

Ebenso reibungslos ging die politische Machtübernahme vonstatten. Dazu trug bei, dass sich der Bürgermeister rasch mit den neuen Herren arrangierte. Carl Ludwig Neubourg (1808–95) war seit 27 Jahren der erste Mann der Stadt und sollte es noch ein weiteres Vierteljahrhundert bleiben.

Eines seiner Hauptanliegen war die Beseitigung der längst unnützen Festungswerke. Doch erst in den 1880ern wurden die Wälle endgültig geschliffen.

Ein berühmter Sohn der Stadt stand bereits in preußischen Diensten. General August von Goeben gewann im Januar 1871 die letzte Schlacht des Deutsch-Französischen Krieges.

In Anlehnung an das Hamburger Bismarck-Denkmal wurde 1912 eine 2,75 m hohe Eichen-Statue des »Eisernen Goeben« geschaffen. Die in brauner Lackfarbe gestrichene und mit Nägeln wie ein afrikanischer Fetisch gespickte Figur stand nacheinander in der Hökerstraße, vor dem Geburtshaus des Generals am Wasser West und in der nach ihm benannten Kaserne, bis sie ins Museum gelangte.

Grauerort 1998 (Foto: urian)

Acht Kilometer von Stade entfernt, gegenüber der Insel Pagensand erhebt sich der einzige Hochwald am Elbufer zwischen Hamburg und Cuxhaven. Buchen und Linden, Eschen und Ulmen verdecken eine weitere Rarität: das einzige in seiner ursprünglichen Form erhaltene Küstenartillerie-Fort Deutschlands.

Angeblich unterhielten die Kehdinger Seeräuber hier einst einen Stützpunkt, von dem aus sie Hamburger Schiffe überfielen. 1712 hoben die Schweden eine Schanze aus gegen die Dänen jenseits der Elbe. 1869 erwarb der preußische Generalstab »Grauerort« und begann mit dem Bau des Forts.

Im folgenden Jahr, zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges, wurde bereits eine erste Geschütz-Batterie installiert. Zum Einsatz kam sie nicht. Kaum war das Bollwerk 1879 fertig, hatten zwei weitere Forts in Cuxhaven es strategisch überflüssig gemacht.

Um es gegen inzwischen neu entwickelte Granaten zu schützen, wäre außerdem eine gewaltige Verstärkung durch Stahl und Beton notwendig gewesen. Ohne dass die 200 stationierten Soldaten jemals einen Schuss abgegeben hatten, wurde »Grauerort« 1895 aus der Liste der aktiven Festungen gestrichen.

Bald nach der Stilllegung wurde das Fort zum Ausflugsziel; die Kehdinger Kreisbahn hielt hier. Im Ersten Weltkrieg lagerten Seeminen in dem Gemäuer. Nachdem 1923 ein Depot in Cuxhaven explodiert war, verlagerte man das Gros der Bestände nach »Grauerort«. Neben anderen Umbauten entstand ein Schiffsanleger. Außerdem wurde der Wald angepflanzt – zur Tarnung gegen Luftaufklärung.

Grauerort 1998 (Foto: urian)

Nach Kriegsende 1945 lösten die Briten zwar das Minendepot auf, sprengten aber die Festung nicht wie sonst üblich. Vorübergehend zogen Flüchtlinge ein. 1948 wurde am Kopf der Anlegerbrücke ein Ausflugslokal eröffnet. Vier HADAG-Schiffe liefen »Klein-Helgoland« an – bis 1955 das Original, die Hochseeinsel, wieder zugänglich wurde.

Zuletzt, von 1960 bis 1985, wurde in »Grauerort« von einer Privatfirma Munition zerlegt. Danach holte die Natur sich weite Teile des Areals zurück. Kinder spielten hier, und in einem Bunker fanden Partys statt.

Seit August 1997 erwachte die 11 Hektar große Anlage langsam aus dem Dornröschenschlaf. Für 640.000 Mark kaufte ein Bauunternehmer das Gelände, um es in ein Freilichtmuseum zu verwandeln. Die Kasematten um den Festungshof wurden von Gestrüpp befreit und die Bäume im Graben an der Elbseite gefällt.

Ein Förderverein bietet Führungen an und veranstaltet Open-Air-Konzerte. Das Fort ist zu einem Mekka für Liebhaber des Militärs und der Monarchie geworden, die stolz Kaiserbärte und Pickelhauben tragen und sich nach der »guten alten Zeit« zurücksehnen.

Grauerort 1998 (Foto: urian)

© Uwe Ruprecht

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