Gottlieb Wilhelm Freudentheil (1792 – 1869)

Am 18. Mai 1848 wurde die erste Sitzung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche eröffnet.

„Jetzt haben wir uns den Geschäften zuzuwenden, welche uns obliegen…“, begann Alterspräsident Friedrich Lang aus Verden/Aller – und wurde von einem Vertreter der gemäßigten Linken unterbrochen.

„Ich trage darauf an“, sagte dieser, „dass die Versammlung feierlich sich für konstituiert erkläre“.

Die 568 Abgeordneten standen auf, hoben die rechte Hand und riefen drei Mal: „Die Versammlung ist konstituiert! Sie lebe hoch!“

Die erste Wortmeldung im ersten frei gewählten deutschen Parlament – sie kam von einem Mann aus Stade. Von Gottlieb Wilhelm Freudentheil, 55 Jahre alt, Doktor der Rechte und Delegierter des 16. hannoverschen Wahlbezirks, der Stade, die Ämter Harsefeld, Himmelpforten und Zeven sowie das Alte Land umfasste.

Freudentheil hatte bereits dem sogenannten „Vorparlament“ angehört, das den Wahlmodus für die Nationalversammlung ausarbeitete. Er zählte zu den aktiveren Abgeordneten, die regelmäßig in die Debatte eingriffen. Eine überragende Figur der Stader Geschichte; 1864 wurde ihm als Erstem die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Frankfurter Paulskirche (Zeichnung: urian)

Geboren wurde er am 24. September 1792 als Sohn eines aus Frankfurt/M. stammenden Juden, der sich in Stade hatte taufen lassen. Sein älterer Bruder Wilhelm Nicolaus war Pastor der Hamburger Hauptkirche St. Nicolai. Nach dem Jura-Studium in Göttingen ließ sich G. W. Freudentheil als Kanzleiprokurator nieder und stieg rasch zu einem der wichtigsten Männer seiner Heimatstadt auf.

Mit 27 Jahren wurde er Bürgerworthalter des Achtmänner-Kollegiums, eines Berater-Gremiums des Magistrats, in das die vier Stadtquartiere (Sand-, Wasser-, Berg- und Bäckerquartier) je zwei Vertreter entsandten.

Freudentheil leitete die Sitzungen, schrieb die Protokolle und trat als Sprecher auf. Er behielt diese Position auch, als das Gremium auf zwölf Leute erweitert wurde – insgesamt 33 Jahre lang.

Seit 1831 war er Delegierter bei den Landständen in Hannover, die bei der Regierung zwar mitreden durften, aber nichts zu sagen hatten. Freudentheil war einer der Schöpfer des „Staatsgrundgesetzes“ von 1833, einer bürgerlichen Verfassung für das in Personalunion vom englischen König regierte Land.

1837 wurde Hannover wieder zum eigenständigen Königreich. In einem „Staatsstreich von oben“ setzte der 65-jährige Ernst August, gleich nachdem er den Thron bestiegen hatte, das Grundgesetz außer Kraft. Sieben Göttinger Professoren, unter ihnen die Brüder Grimm, leisteten aus Protest keinen neuen Amtseid und wurden des Landes verwiesen.

Führende Liberale verweigerten die Zahlung ihrer Steuern, darunter die sogenannte „Stader Dreieinigkeit“ der Advokaten Freudentheil, seines Schwagers Holtermann und Wyneken. Um sie unter Druck zu setzen, wurde Militär in den Häusern der Steuersünder einquartiert. Der Unterhalt für die sechs Infanteristen, die Freudentheil beherbergen musste, betrug schließlich mehr als die entzogenen Steuern, und er gab nach.

Mit der Unabhängigkeit Stades war es nicht weit her. Als 1838 auf der Vorschlagsliste für einen neuen zweiten Bürgermeister Freudentheils Name stand, lehnte die hannoversche Regierung den Widerspenstigen natürlich ab. Im selben Jahr trat er als Abgeordneter der Landstände zurück.

Gottlieb Wilhelm Freudentheil (Zeichnung: urian)
Bitter beklagte er daher den Jubel, mit dem Stade im Juni 1838 den König bei einem zweitägigen Besuch empfing. Aufgrund eines Festessens auf Hamburg-St. Pauli, das Freudentheil und 50 andere 1839 zum Gedenken an das Staatsgrundgesetz veranstalteten, geriet der oppositionelle Advokat ins Visier der Geheimpolizei.

Die „Stader Dreieinigkeit“ war führend bei der Reform des Justizwesens. Sie forderte die Trennung von Justiz und Verwaltung sowie die Einrichtung von Anwaltskammern als Organen der Selbstverwaltung. Erst 1852, nach dem Tode des Königs, war ihnen Erfolg beschieden.

Maßgeblich beteiligt an der Modernisierung des Rechts war der in Harsefeld geborene Minister Otto Albrecht von Düring, der zuvor als Justizrat in Stade amtierte und mit Freudentheil gut bekannt war. Dessen herausragende Stellung unter den deutschen Juristen wurde dadurch deutlich, dass man ihn 1846 auf dem ersten Anwaltstag im republikanischen Hamburg zum Ehrenpräsidenten wählte.

Foto: urian
In dem nach einem hier geborenen preußischen General benannten Goeben-Haus wohnte G. W. F. Freudentheil seit 1822.

Biedermeierzeit: Der Obrigkeitsstaat drückte derart, dass es sogar den braven betulichen Bürgern reichte. Das Messer-Attentat des Burschenschafters Sand auf den Dramatiker Kotzebue 1819 hatte den Anlass geboten, mit den Karlsbader Beschlüssen demokratische Bestrebungen zu knebeln. 1830 war von der Pariser Julirevolution ein liberaler Wind herübergeweht, der zwei Jahre später beim Hambacher Fest auffrischte.

Im Februar 1848 verjagten die Pariser den „Bürgerkönig“ Louis Philippe, den Karikaturisten als Birne darzustellen pflegten. Sofort schwappten die revolutionären Wellen nach Deutschland über. Am 18. März ließ der preußische König Friedrich Wilhelm IV. in den Straßen von Berlin auf Demonstranten schießen: 277 Tote. Am 31. März trat in Frankfurt das Vorparlament zusammen.

G. W. Freudentheil und die Revolution (Zeichnung: urian)

In Stade und Umgebung verlief die Revolution vergleichsweise ruhig. Am 20. März versammelten sich Tausende vor und im Rathaus unter der schwarz-rot-goldenen Fahne der Bürgerbewegung. Freudentheil hielt eine mitreißende Rede, ein bewaffneter Marsch nach Hannover wurde beschlossen.

Doch nachdem die erste Begeisterung verflogen war, begnügte man sich mit der Entsendung einiger „Kondeputierter“. Am 24. März gab der König einer der Forderungen nach: Eine Bürgerwehr von 320 Mann wurde aufgestellt.

Nur einmal, im Mai 1848, wurde es brenzlig. Unter der Androhung von Gewalt forderten die einheimischen Schuster vom Stadtrat die Einschränkung der Marktfreiheit, weil ihnen auswärtige Konkurrenten das Geschäft verdarben. Doch weil die Bürgerwehr patrouillierte, verhielten die Schuster sich still.

Foto
Am Fischmarkt Ecke Bungenstraßr standen die Schusterbuden, um die es 1848 beinahe zum Aufstand kam.

Kennzeichnend für das Revolutionsjahr in Stade waren vielmehr diverse Festivitäten. Im September übergaben die einheimischen „Jungfrauen“ der Bürgerwehr eine Fahne. Feierlich wurde „dieses Zeichen freundlicher Damenhuld“ geweiht. Aus der Bürgerwehr ging 1854 der Schützenverein hervor.

Unterdessen tagte man in der Paulskirche, insgesamt 208 Mal. Der Jurist Freudentheil engagierte sich vor allem in Rechtsfragen. So forderte er die Abschaffung der Todesstrafe, argumentierte gegen willkürliche Verhaftungen und Haussuchungen und sprach sich für die Abschaffung der Vorrechte des Adels aus.

Revolution 1848 (Zeichnung

Freudentheil war kein Radikaler. In einer Geschichte der letzten Tage der Paulskirche schrieb er: „Wäre aber auch eine allgemeine Revolution möglich, so würde sie ihren Sieg nur auf den Trümmern einst wohlhabender Städte, auf der Zernichtung blühender Dörfer feiern können, und einer Anarchie den Weg bahnen, die Deutschland bei den widerstreitenden Bestrebungen und Ansichten, die sich jetzt hier gegenüber stehen, vollständig zerfleischen müsste. Ein einiges, kräftiges, freies Deutschland würde aus diesem Chaos nicht hervorgehen, vielleicht kaum die rote Republik. Es bleibt also nur der Weg der friedlichen Lösung übrig.“

Die Mehrheit in der Paulskirche wollte keine Republik, sondern eine konstitutionelle Monarchie. Im April 1849 nahm Freudentheil an einer 25-köpfigen Delegation Teil, die dem preußischen König die Kaiserkrone anbot. Der lehnte das „Hundehalsband“ ab.

Nachdem die Nationalversammlung von Frankfurt nach Stuttgart umgezogen war, wurde sie mit Waffengewalt aufgelöst. Mit dem Fall der von Aufständischen besetzten Festung Rastatt am 23. Juli 1849 ging die Revolution zu Ende. Der Traum von „Einigkeit und Recht und Freiheit“, den Hoffmann von Fallersleben im Lied der Deutschen beschworen hatte, war vorerst ausgeträumt.

Nicht eine „friedliche Lösung“, sondern Blut und Eisen brachten unter Bismarck die Einheit der 39 deutschen Staaten. Freudentheil erlebte sie nicht mehr. Am 2. April 1869 war er an einem Herzschlag gestorben.

gwfreudentheil_06

Literatur

J. Bohmbach: Stader Stadtlexikon, Stade 1994 | F. Drewes: G. W. F., in: Drochtersen, Drochtersen 1977 | H. Eylmann: G. W. F., in: „Als Zeichen der Ehre“, Stade 1994 | L. Fitschen: G. W. F., in: Niedersächsische Lebensbilder 9, Hildesheim 1976 | Wilhelm Nicolas Freudentheil, in: Allgemeine Deutsche Bibliothek 7 [1877], Berlin 1968 | K. Jäger: Stade als Provinzhauptstadt, in: Stade, Stade 1994 | C. Graf von Krockow: Scheiterhaufen, Reinbek 1993 | T. Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800–1866, München 1983 | U. R.: Das Mäusebutterbrot, in: ders., Elses Lachen, Bremen 2009 | G. Seitz: Die Brüder Grimm, München 1984 | G. M. Willis: Ernst August König von Hannover, Hannover 1961

„Ein Stader hatte das erste Wort“, Hamburger Abendblatt 24. Febr. 1998 © Uwe Ruprecht

Büchner 1834 {Zeichnung

Siehe auch:

Büchners Kopf

Büchners Verbrechen

Advertisements