Wie aus einer Kriminalgeschichte keine politische Diskussion entstehen kann

Der Fall Ramm

Am Abend des 14. August 2017 griff die Polizei zu. Auf einem Hof in Oederquart (Landkreis Stade) wurden über 130 Cannabis-Pflanzen gefunden. Gegen eine 61-jährige Frau und zwei Männer von 58 und 71 Jahren laufen Ermittlungen.

Das wäre es. Keine neue Meldung mehr zu erwarten. Üblicherweise wird kein Berichterstatter dem Prozess vor dem Amtsgericht beiwohnen und von der Geschichte so viel zu erfahren, wie dort zur Sprache kommen wird, um zu einem Urteil zu gelangen.

Bis hierhin wissen die Leser gerade so viel wie ihre Vorurteile soufflieren. Also weiter, nächste Nachricht: Großer Schlag gegen die Drogen-Mafia im Hamburger Hafen. Passt eigentlich nicht zusammen, aber wer merkt das schon?

Diesmal könnten einige aufmerken, die sich bei dem Thema stets weg ducken und schweigen, wenn andere gleichermaßen ahnungs- wir schonungslos schwadronieren. Knapp zehn Tage nachdem die Polizeimeldung die Runde gemacht hat, wandte sich der Älteste der Beschuldigten an eine breitere Öffentlichkeit als die des ohnehin längst umlaufenden Kehdinger Tratsches.

Er wolle „die Aufdeckung der Straftat zum Anlass für eine öffentliche Diskussion“ nehmen, erklärte der Besitzer des Gewächshauses, in dem das Teufelskraut angebaut wurde. Dass er sich zum Zeitpunkt seiner Gespräche mit der Presse noch keinen Anwalt genommen hatte, wie er erklärte, ist ein Fehler, von dem ich ihm nun nicht mehr abraten kann.

Als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter des Landkreises und Aktivist bei NABU und BUND gehört der Biologe Georg Ramm zur Öko-Prominenz in seiner Region. Er ist keiner von denen, die im letzten Jahrzehnt „umweltbewusst“ geworden sind, weil es zunächst angesagt war und mittlerweile als normal gilt, sondern einer derer, die aus damals noch verfemter weltanschaulicher Überzeugung „grün“ wurden. Wenn auf diesem Feld etwas bestellt und politisch umstritten wurde, war Ramm seit den 1970ern dabei.

So bin ich ihm zwei oder drei Mal begegnet und verfüge auch auf einem veralteten Speichermedium über Fotos von ihm, wie er durch ein Gebiet führt, das auf seine Initiative zurückgeht, den Versuch der Wiederherstellung des Aschhorner Moores.

Gewächshaus (Pressefotos)

Allmähliches Erwachen

Es wird keine Diskussion geben, keine politische und keine andere. Von Solidaritätsbekundungen für Georg Ramm seitens der Parteien, die sich förmlich für die Freigabe von Cannabis einsetzen (Grüne, Linke, Piraten), ist selbstverständlich nichts zu hören. So wenig wie sonst ein Kommentar.

Unlängst trat die Grüne Jugend für die Aufhebung des Hanf-Verbots in der Fußgängerzone von Stade an. Sie wurde weitgehend ignoriert. Immerhin; mich hätte ein Polizeieinsatz nicht gewundert. Denn kurz zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Stade gegen einen Rapper aus Hamburg ein Verfahren eröffnet, weil er auf facebook zum Haschisch-Konsum aufgerufen haben sollte.

Eben erst war in der Stadt ein Weinfest beendet worden, und dort, wo einer von der GJ sich als Joint verkleidet hatte, wird zu Weihnachten Glühwein ausgeschenkt. Dass es als Fortschritt aufgefasst werden muss, wenn Anfeindungen ausbleiben, als die GJ über Cannabis diskutieren will, markiert den Stand der öffentlich-rechtlichen Bewusstseinsbildung.

Noch lange ist keine eingehende und sachgerechte Erörterung in Sicht. Mit einem Durchschnittsbürger in Stade über Cannabis zu reden, ist wie mit einem AfD-Funktionär über Flüchtlinge diskutieren zu wollen: außer selten blödem Gewäsch und Hassfratzen nichts zu erwarten.

Freilich wird in diesem Bundestagswahlkampf erstmals von Politikern und in den Medien der Umgang mit Cannabis, Haschisch, Marihuana thematisiert. Aber nur obenhin, als wüssten alle, worum es geht. Die Argumente, die die Grüne Jugend für die Freigabe vorbringt, sind denn auch technischer Natur und betreffen die Kriminalisierung. Sie berühren nicht den Kern der ungeführten Debatte: die kulturellen Gründe für die Ächtung des Cannabis. Die hängen mit seiner Wirkung zusammen, über die zu reden die Schwelle zwischen politischer und privater Diskussion ignorieren müsste.

Auf YouTube wurde Kanzlerkandidat Martin Schulz zur Freigabe befragt und rang sich etwas ab, das vor allem seine Haltungslosigkeit bekräftigte: er sei dagegen, würde aber – wie Angela Merkel bei der „Ehe für alle“ – die Abstimmung aus Gewissensgründen freigeben.

Junge Leute befragten ihn dazu, als handele es sich bei der Freigabe um ein neues und ein Jugendschutzproblem. Was sagen eigentlich die Alten, die seit Jahrzehnten Cannabis zu sich nehmen und längst nicht alle als Jugendliche damit in Berührung gekommen sind, womöglich nach einer Alkohol-Karriere wie der, auf die Schulz bei sich so gern verweist? Nichts sagen sie.

Grüne Jugend in Stade (Foto: urian)

Ökologischer Anbau

Stattdessen redet Georg Ramm. Und „verblüfft“ die Zeitungsreporterin: „Ich bin seit Jahrzehnten in der Drogenproduktion tätig. Schließlich bin ich Mitglied der Obstgemeinschaftsbrennerei in Guderhandviertel und liefere die Äpfel, um Alkohol zu produzieren.“

Auf dem flachen Lande des Jahres 2017 tut man „verblüfft“, wenn einer der eigenen blinden Flecken benannt wird. Es gibt kein vernünftiges Argument für ein Verbot von Cannabis, das nicht auch gegen den Alkohol vorgebracht könnte. Insofern mit diesem mehr offenkundige Erfahrungen bestehen, ließen sich sogar leichter und mehr Argumente gegen ihn als gegen Cannabis aufzählen, über das vor allem Klischees und Gräuelmärchen in Umlauf sind.

„Es sei ein gesellschaftlicher und juristischer Widerspruch, dass Cannabis unter das Betäubungsmittelgesetz falle und Alkohol, der die gleiche betäubende Wirkung zeige, nicht, sagt Ramm“, schreibt die Zeitung. Leider sagt er es, oder wird jedenfalls so zitiert, und erstickt damit die Diskussion, die er angeblich anregen will, im Keim. Dass Alkohol eine Droge ist, heißt zwar dass auf ihn dieselben Maßstäbe angelegt werden könnten wie auf Hanf-, Opium-oder Coca-Erzeugnisse. Bei der ausstehenden Diskussion käme es hingegen auf die Unterschiede der Wirkung an.

Das öffentliche Bewusstsein ist zwar so weit fortgeschritten, dass Cannabis nicht mehr umstandslos mit Kokain oder Heroin in einen Topf geworfen wird. (Von synthetischen Drogen ganz zu schweigen, die wie die auf Rezept verteilten Psychopharmaka auf einem anderen, eben nicht ökologischem Blatt stehen.) Weiter aber reicht die Differenzierung nicht, und beim Vergleich mit Alkohol gehen die Schotten ganz zu.

Es ist Humbug, dass Alkohol „die gleiche betäubende Wirkung zeige“ wie Haschisch oder Marihuana. „Er selbst allerdings konsumiere kein Cannabis“, erfahren wir über Georg Ramm. Hättest Du geschwiegen, wärst Du ein Philosoph geblieben.

Biologischer Abbau

„Oft ändert sich nichts, wenn man nicht ungewöhnliche Wege geht.“ Der Satz aus Ramms Mund klingt großartiger als sein Verhalten ist. Sich gegenüber der Lokalpresse zu bekennen, den Hanfanbau in seinem Gewächshaus zugelassen zu haben, ist kein Weg zu irgendetwas anderem als seiner eigenen Entlastung in den Augen derer, die Alkohol für keine Droge halten.

Für eine Diskussion, bei der sich nicht nur Vorurteile um die Ohren gehauen werden, müsste auf den Tisch, was Ramm von dort weg gewischt hat: dass das verpönte Cannabis weniger schädlich ist als der gefeierte Alkohol.

Die „gleiche betäubende Wirkung“? Wer käme auf die Idee, Schwerstkranken Alkohol zu verordnen, wie es inzwischen mit Cannabis möglich ist? Theoretisch möglich, denn während die Pflanzen in Ramms Gewächshaus vernichtet werden, wird der „Lieferengpass“ bei der Versorgung mit ärztlich verschriebenem Cannabis bekannt.

Was Ramm vom Tisch wischt, zeigt sich täglich bei Polizeikontrollen im Straßenverkehr. Während die Alkohol-Lobby erfolgreich verhindert, eine 0,0-Promille-Grenze für Alkohol am Steuer zuzulassen, wird bestraft, wer mit einem willkürlich festgesetzten Gehalt des Cannabis-Wirkstoffes THC beim Autofahren erwischt wird.

Nicht nur gibt es keine Untersuchungen über die Beeinträchtigung des Fahrverhaltens durch Cannabis und wie relevant dafür der THC-Wert ist. Während der Alkohol sich nach wissenschaftlich gesicherten Kenntnissen binnen Stunden im Organismus auflöst, bleibt das Tetrahydrocannabiol tagelang nachweisbar. Wie lange genau und wie wirksam – da muss die Wissenschaft passen, und Gesetzgeber und Polizei operieren nach Augenmaß. Dem Augenmaß, das ihnen eine alkoholisierte Soziokultur vorgibt.

Haschischat al-foqarâ

Auf facebook werde ich an den soundsovielten Todestag von Charles Baudelaire erinnert. Ohne diesen Wein- wie Haschisch-Kenner hätte die deutsche Literatur ein anderes Gesicht. Aber der ist doch Franzose …

Wer sich „deutsche Leitkultur“ auf ein Banner schreibt, weiß nicht, wovon er redet und käme in Verlegenheit, wenn er über Kunst, Musik, Literatur oder Philosophie befragt würde. Autos, Alkohol und Fußball stehen im Zentrum dieser Leitkulturisten: Elemente, die sie mit den meisten Nationen teilen, von denen sie sich dadurch abgrenzen wollen. Weinfest in Stade als deutsche Leitkultur? Vom Wein verstehen Franzosen und Italiener fraglos mehr als Norddeutsche.

Bei Baudelaires Belang und Gewicht für die deutschsprachige Literatur machen die am lautesten schreienden Kulturnationalisten dicke Backen. „Europäische Leitkultur“ wäre, wenn man denn schon meint, Kultur mit Führerschaftsgedanken kombinieren zu müssen, ein Begriff mit mehr Tatsachengehalt.

Zu Baudelaires Zeiten wandte man sich dem Haschisch als Teil der Kultur des Orients zu. Tausendundeine Nacht und der Koran wurden bewundert. Abend- und Morgenland näherten sich an. Inzwischen sind sie sich ähnlicher als Neonazis weismachen wollen, die mit der Parole von der „Islamisierung“ einen Krieg von Orient und Okzident anzufachen versuchen.

Auf den Gegensatz hebt eines der wenigen Bücher ab, die ich zum Verständnis des Haschisch empfehlen könnte. Es erschien 1966 – bevor sich im Gefolge der Hippies die Droge in der Bundesrepublik Deutschland (im damaligen Westen) verwurzelte. Obwohl Rudolf Gelpke in Vom Rausch in Orient und Okzident Annäherungen in Kunst und Literatur wie bei Baudelaire nachzeichnet, geht er von einer Fremdheit aus, die so längst nicht mehr besteht. Nicht hinsichtlich des Gebrauchs von Haschisch, aber vor allem nicht in Anbetracht der in Europa ansässigen Muslime.

Gelpke schildert den Islam seinen deutschsprachigen Lesern als ausländische Kultur. Ein halbes Jahrhundert später könnte er mehr muslimische Leser haben, als er zu träumen gewagt hätte. Zugleich ist sein Buch einer der letzten gewichtigen Beiträge zum Haschisch. Dessen Geschichte in Deutschland ist ungeschrieben. Die Basis für die politische Diskussion, die Georg Ramm angeblich anregen wollte, ist so schmal und das Gelände derart vermint, dass ich mich an dieser Scheindebatte nicht beteilige.

8. September 2017

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