Die Nordseeflut von 1825 an der Unterelbe

Es regnete seit zwei Tagen, manchmal mit Hagel vermischt. Sturmwind aus Westsüdwest rüttelte an den Häusern, Vollmond rührte die Gezeiten.

Die Mittagsflut fiel noch mäßig aus. Doch bei Ebbe sank das Wasser kaum: ein sicheres Zeichen, dass die nächste Flut höher steigen würde. Drei bis vier Stunden vor der Zeit hatte die Flut ihren Höchststand erreicht. Das Wasser wogte jetzt auf gleicher Höhe mit den Deichkronen.

Sturm aus Westnordwest peitschte die Wellen. Aufgewühlt, wie kochend kratzte das Wasser mit stoßweisen Schlägen an den Deichen. Im Vertrauen auf die Solidität der Schutzwälle gingen die meisten Küstenbewohner am Abend des 3. Februar 1825 zu Bett.

Längst vergessen war das Inferno von 1717, und auch die Oktoberflut von 1756, die Theodor Storm im Schimmelreiter verewigt hat, lag mehr als ein Menschenalter zurück. Vor einem Vierteljahr erst hatte ein Orkan zwar erhebliche Verwüstung angerichtet – aber die Deiche hatten gehalten. Doch »die wilde Meute der Windsbraut kam im Flugschritt daher«, wie ein Chronist dichtete.

Um Mitternacht brachen die ersten Deiche. Die Menschen wurden im Schlaf überrascht; Glockengeläut und Alarmschüsse waren im Tosen der Elemente untergegangen. Als sie erwachten, trieben ringsum ihre Habseligkeiten im Wasser. Von Holland bis Holstein wurde die Nordseeküste in dieser Nacht überspült und das Wasser in die Mündungen von Weser, Ems und Elbe gedrückt.

Februarflut 1825 (Zeichnung: urian

Einmal pro Jahrhundert gibt es eine große verheerende Sturmflut. Im Dezember 1634, bei der »2. Großen Mantdrenke« (Mannstränke) entstanden die Nordfriesischen Inseln. Angeblich 12 000 Menschen kamen bei der Weihnachtsflut von 1717 um. Noch lebhaft ist die Erinnerung an den 16. und 17. Februar 1962, als allein in Hamburg über 300 Menschen ertranken.

1825 ereigneten sich die schwersten Deichbrüche bei Amsterdam, in der Bucht vor Emden und im Alten Land an der Niederelbe. Von Cuxhaven bis Winsen wurde »Land unter« gemeldet. Land wurde zur See, aus der die Dächer der Häuser knapp herausragten; darauf die Bewohner, die auf Rettung harrten. Möbel und Viehkadaver schwammen in der schlammigen Flut. Kirchtürme überragten wie Masten die Wogen.

Aus Balje wird von einem alten blinden Mann berichtet, der zunächst mit seiner Familie in ein Nachbarhaus geflohen war. Bald aber zog es ihn nach Hause zurück, wo er sich auf dem Dachboden verkroch. Durch einen neuen Deichbruch heranströmendes Wasser riss das Haus auseinander. Der alte Blinde trieb mit den Trümmern herum. Am nächsten Tag rettete ihn der 17-jährige Sohn des Predigers mit einem Pferd.

Zwei Ehepaare aus Balje wurden von ihren einstürzenden Häusern begraben und von der Flut bis nach Krummendeich und Oederquart mitgerissen. Erst im folgenden März wurden ihre Leichen entdeckt. Insgesamt 33 Tote wurden im Bereich des Gerichts Freiburg gezählt.

Bei der Jahrhundertflut von 1717 hatte Wischhafen zu den am stärksten betroffenen Gebieten gehört. Eine Schleuse war zerstört worden, und jedes neue Hochwasser erweiterte die Lücke im Deich. 25 Jahre sollte es dauern, bis die Ortschaft gegen die Elbe wieder einigermaßen sicher war.

februarflut2

Besonderes Ungeschick bewies man bei der Wahl des Oberdeichinspektors. 1719 ging das Amt an Jakob Owen. Er hatte Branntwein hergestellt und versucht, eine »Universalmedizin« unter die Leute zu bringen; in Hamburg baute er einen Schlammbagger und befasste sich mit der Begradigung der Elbe.

Owen erwies sich als »vollendeter Schwindler, Hochstapler und Abenteurer«. Unter seiner Leitung wurde am Deich gewerkelt, ohne dass dieser seinen Zweck erfüllen konnte. Jährlich strich Owen 30 000 Taler ein. Aufforderungen, seine Ausgaben zu belegen, ignorierte er. Stattdessen bot er der Regierung in Hannover an, den Deich auf eigene Kosten wiederherzustellen, wenn ihn dafür das Kirchspiel Hamelwörden überschrieben würde.

Nun schaltete sich der Landesherr, der englische König Georg I. ein. Eine Untersuchungskommission entdeckte Owens Betrug, und 1722 wurde er in Stade inhaftiert. Seine Gönner und Komplizen in der Regierung taten ihr Bestes, ihn freizubekommen.

Nach zwei Jahren gelang Owen die Flucht. Er kam nur bis Neumünster. Zurück in Stade wurde er gefoltert und schließlich zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Der Fall löste eine Regierungskrise aus, die europaweit Aufsehen erregte.

1742 war der Deich endlich wiederhergestellt. Aber auch er hielt der Februarflut von 1825 nicht stand. 11 Tote beklagte das Amt Wischhafen, zu dem auch Krautsand gehörte. Obwohl alle Häuser der erst seit dem 17. Jahrhundert bewohnten Insel auf Anhöhen, Wurten lagen, drang auch in sie die Flut ein, die auf fünf Meter über Normalnull stieg. Zum Vergleich: 1962 waren es 2,50 m.

Februarflut 1825 (Zeichnung: urian)
Der Orkan tobte die Nacht durch. Schnee- und Hagelschauer gingen nieder. Um neun Uhr morgens ergoss sich eine zweite Flut über das Land. Gegen Mittag des 4. Februar flaute immerhin der Sturm ab.

Selbst eine Geestgemeinde wie Himmelpforten wurde nicht verschont und von der Gegend um den Fluss Oste her überschwemmt. Die Moore bei Drochtersen und Bützfleth blieben sechs Wochen lang nass. Vielerorts spülte das Wasser den Boden aus und bildete Bracken und Kuhlen.

Um halb 12 gab der Nachtwächter von Stade Alarm, und der Unteroffizier der Wache ließ die Kanonen abfeuern. Die hochgelegene Hauptstadt der Region kam glimpflich davon, nur die hafennahen Straßenzüge wurden überflutet. Stade wurde zur Fluchtburg: »Viele Landbewohner wurden zur Stadt gebracht, deren Bürger mit rühmlichem Eifer sich ihrer aufs Liebreichste annahmen.«

Mit fast 14 000 Einwohnern zählte das Alte Land damals zu den bevölkerungsreichsten Gegenden Deutschlands. Die 1. und die 3. Meile versanken ganz in der Flut, die 2. Meile zu einem Drittel. Den größten Deichbruch gab es bei Scheefsbeenshörn gegenüber der Ostspitze der Elbinsel Lühesand.

Sechs Jollen drifteten durch den Bruch nach Grünendeich hinein und verkeilten sich zwischen den Obstbäumen; Ähnliches trug sich 1962 zu: der Frachtdampfer Silona strandete auf einer Wiese bei Balje, 300 Meter vom Elbufer entfernt.

Die 3000 Einwohner von Neuenfelde traf es am schwersten. Der Deich brach an 52 Stellen, binnen einer Dreiviertelstunde stand das Kirchspiel unter Wasser. 68 Menschen starben.

Februarflut 1825 (Zeichnung: urian
Doch mitten in Chaos und Verzweiflung zeichneten sich einige Menschen durch Hilfsbereitschaft aus. Ein Soldat namens Stolken war in der Nacht aus seinem Haus geflohen und hatte bis zum Morgen auf einem Baum gekauert. Mit einem Backtrog, den er aus der Flut auflas, rettete er acht Menschen aus einem Haus und später weitere 12, die auf einem Dach trieben.

Einem Mann namens Freudentheil, der bei der Francoper Schleuse wohnte, verdanken 22 Menschen ihr Leben, 14 weitere rettete er mit Unterstützung anderer. Veddel und Wilhelmsburg, die 1962 im Zentrum der Katastrophe standen, kamen 1825 mit dem Schrecken davon. Weil relativ hoch gelegen blieb Harburg gänzlich verschont.

Merkwürdiges trug sich in der Moisburger Gegend zu. Hier landeten allerhand Gegenstände, die die Flut aus den Häusern des reichen Alten Landes fortgetragen hatte. Bei einer Haussuchung fand man zwei Eisenkoffer, die einige 1000 Reichstaler enthielten.

800 Menschenleben kostete die Katastrophe, davon 219 zwischen Freiburg und Harburg. Hunderte Häuser waren beschädigt oder zerstört; 1000 Rinder, 2000 Schafe, Hunderte Pferde und Schweine kamen um; die Saaten und die Obstbäume waren vernichtet. Die Überschwemmungen begünstigten den Ausbruch einer Malaria-Epidemie, die bis 1827 grassierte und weitere Todesopfer forderte.

Während in Wilhelmsburg und in den Häfen von Hamburg und Stade wie entlang des Stroms allenthalben Tafeln an den Pegel der Flut von 1962 erinnern, gemahnt kein sichtbares Zeichen an das Unheil vom Februar 1825.

Februarflut 1825 (Zeichnung: urian

Literatur

F. Arends: Gemählde der Sturmfluthen …, Bremen 1826 | J. Bohmbach/V. Rihsé: Kehdingen, Stade 1982 | E. R. Jungclaus in: Freiburger Wochenblatt 24, 26, 28/1924 | K. Schacht in: Drei Meilen Altes Land III, Grünendeich 1995 | A. Stechmann in: Der Heimatfreund 3, 4/1925 | Die Flutkatastrophen in früheren Jahrhunderten, Stade o. J. [1963]

© Uwe Ruprecht

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