Ein Mordfall in Stade 1934–36

Ohne Johann Schärfer wäre der Fall kaum aufgeklärt worden. Der Nachtwächter der Saline, der 1978 im Alter von 87 Jahren starb, erzählte gern und oft von dem Tag, als der Zufall ihm eine entscheidende Rolle zuwies; einmal lief ein Tonband mit. Zwei Jahre lang war der Fall Breuer Stadtgespräch im damals 15.000 Einwohner zählenden Stade.

Am 30. Juli 1934, einem Montag, zeigte der 47-jährige Postbote Klaus Breuer das Verschwinden seiner fast zehn Jahre jüngeren Frau Marie an. Am Samstag zwischen zehn und 11 Uhr habe er sie zuletzt gesehen. Marie sei »nervenkrank«, gab Breuer an; anscheinend vermutete er ihren Suizid.

Routinemäßig befragte die Polizei das Bahnhofspersonal, und tatsächlich meinte ein Schaffner sich zu erinnern, die Frau am Samstagnachmittag gesehen zu haben, wie sie einen Zug nach Hamburg bestieg. Presse und Rundfunk veröffentlichten eine Beschreibung: einssiebzig groß, dunkelblondes Haar, volles rundes Gesicht, graue Augen, zuletzt ganz in Schwarz gekleidet.

Erst im Oktober tauchte eine neue Spur auf: Ein Hamburger hatte mit einer Marie Breuer in einem Café auf der Reeperbahn gesprochen. Der Ehemann versprach 300 Reichsmark Belohnung. Doch nach einem Briefwechsel mit dem Zeugen kam er zu dem Schluss, dass es sich um eine Frau gleichen Namens gehandelt hatte.

Für die Leute indes war auch ohne Beweise ausgemacht, dass Breuer seine Frau umgebracht hatte. Der Postschaffner war alles andere als beliebt. Ein mürrischer Mann von bulligem Äußeren: vollschlank, glatzköpfig, mit breitem Kinn, breiter Nase, breitem Mund, beschreibt ihn ein polizeiliches Signalement.

Breuer wurde 1887 als Bauernsohn in Bossel bei Oldendorf geboren. Nachdem er auf seines Vaters Hof und als Hausdiener in Stader Hotels gearbeitet hatte, trat er 1907 in den Hamburger Postdienst. 1915 zog er freiwillig in den Krieg. Nach der Kapitulation blieb er noch ein Jahr in Hamburg, ehe er nach Stade versetzt wurde.

1922 heiratete er die aus Harsefeld stammende Marie Frömbling, die im selben Jahr eine Tochter zur Welt brachte. In der Brauerstraße kaufte er ein Doppelhaus, in dem seine Familie ein Stockwerk bewohnte. Am Tag nach Hitlers Machtergreifung trat Breuer der NSDAP bei; genau ein Jahr später wurde er Blockwart.

Im Mai 1935 kam Bewegung in den Fall. Aufgrund »vertraulicher Mitteilungen« an die Polizei wurden die Verwandten der Vermissten anlässlich der Beerdigung ihrer Schwester in Harsefeld unauffällig vernommen. Einmütig widersprachen sie Breuers Behauptung, Marie sei nervenkrank, leicht erregbar und aggressiv gewesen. Vielmehr galt sie als gutmütig und eher lethargisch, scheu und fast ängstlich. Gelegentlich hätten die Eheleute gestritten, sagten die Nachbarn, dabei sei die Frau geschlagen worden.

Nach einer Befragung des Verdächtigen gaben die Beamten Lamp und Petersen zu Protokoll, sie glaubten nicht, dass er seine Frau getötet habe. Theodor Petersen und Friedrich Lamp, beide Jahrgang 1892, bildeten die Kriminalabteilung der Stader Polizei; zudem versahen sie die Aufgaben der Gestapo. Lamp war wie Breuer Blockwart und wohl geneigt, den Parteigenossen in Schutz zu nehmen.

Ein weiteres Jahr lang ruhte der Fall. Bis die Denunziation eines Post-Kollegen die Ermittlungen erneut in Gang setzte: Breuer war nachts auf seinem Grundstück beim Graben beobachtet worden. Am 6. April 1936 traf Max Girbig von der Mordkommission aus Harburg-Wilhelmsburg ein, um die Sache gründlich auszuforschen.

Eine Quelle der wiederholten Verdächtigungen war Breuers Haushälterin: »Mir ist sein scheues Wesen aufgefallen. Er rennt oftmals von einem Zimmer ins andere, läuft zum Boden oder zum Keller und umgekehrt. Auf dem Boden stehen zwei Truhen, von denen eine schwer und fest verschlossen ist.«

Am Nachmittag des 7. April wurde Breuer verhört und seine Wohnung gefilzt. Girbig und Petersen entdeckten den Entwurf einer Todesanzeige für Marie. Außerdem Briefe zweier Frauen aus Eutin und Hamburg, auf deren Heiratsinserate Breuer unter falschem Namen geantwortet hatte. Besagte Truhe auf dem Boden war allerdings nur mit Leinenballen gefüllt.

Am nächsten Tag wurde das Grundstück in der Brauerstraße durchsucht. Polizisten und Feuerwehrleute stiegen in einen unbenutzten Brunnen, gruben im Stall hinterm Haus, im Hühnerauslauf, in der Senkgrube – nichts. Weil es zu groß war, ließ man das Pachtland aus, das Breuer nahe der Tribüne der Rennbahn (heute Am Exerzierplatz) besaß.

Enttäuscht fuhr Kommissar Girbig zurück nach Harburg. An diesem Punkt wären die Ermittlungen im Sande verlaufen, hätte Kommissar Zufall nicht den damals 45-jährigen Johann Schärfer ins Spiel gebracht.

Nach Mittag am 10. April, Karfreitag, erhielt er in seinem Haus am Camper Schießstand Besuch vom Bahnarbeiter »Hannes« Brunckhorst. Die erfolglosen Grabungen in der Brauerstraße hatten sich herumgesprochen. »Ich habe den Breuer mal am Schweinemagen gesehen«, sagte Brunckhorst.

»Op’n Swiensmoog« hieß ein Acker, der Schärfer gehörte – heute ein Stück im Gewerbegebiet Süd, direkt an der Bundesstraße 73. Von den Schienen der Bremervörder Zugstrecke aus beobachteten Brunckhorst und ein Kollege Breuer beim Herumstreichen. Im Glauben, seine Frau sei dort verscharrt, hatten sie bei einer verkrüppelten Eiche nachgeschaut.

Schärfer horchte auf. Im vergangenen Herbst, erinnerte er, hatten seine Pferde beim Pflügen an einer Stelle gescheut, aus der ein übler Geruch drang. Ein Tierkadaver, hatte er gedacht. Mit Spaten und Eisenstange ausgerüstet eilten Schärfer und Brunckhorst zum »Schweinemagen«.

Schärfer fand die Stelle wieder und stocherte mit der Stange. Als er sie herauszog, hingen »Plünnen« daran. Sie setzten den Spaten an. Mehr Stoffreste und schließlich Knochen kamen zum Vorschein.

Während Brunckhorst sich entschuldigte – er musste zum Dienst –, fuhr Schärfer mit dem Rad zur Polizei.

»Sind Sie sicher, dass es ein Mensch ist?«, wurde er dort gefragt.

»Nee, das kann auch ein Schwein sein.«

»Fiete« Lamp und Petersen wurden benachrichtigt. Drei Autos mit Polizisten und dem Fotografen Pickenpack steuerten den Totenacker an. An den Fenstern hingen bereits die Neugierigen.
Unterstützt von seinem Nachbarn, Salinenarbeiter Würger, schaufelte Schärfer weiter und stieß auf einen Schuh. »Petersen kriegte Breuer bi de Büx«, fährt Schärfers Erzählung fort.

Als der Gatte gegen 16 Uhr zur Grabstelle geführt wurde, war auch Kommissar Girbig eingetroffen. Breuer beschwerte sich: »Man hat wohl überhaupt keine Ruhe mehr!«

»Sie haben jetzt Ruhe«, erwiderte Girbig, »wir haben Ihre Frau gefunden.«

In 80 Zentimetern Tiefe legten die Arbeiter einen »mit Sand überkrusteten« Klumpen frei, daraus schwarz skelettiert die Beine mit den Schuhen ragten.

Breuer kopfschüttelnd: »Das ist nicht meine Frau.«

»Der Mann hat ja überhaupt kein Herz im Leib«, kommentierte Girbig, erinnerte sich Schärfer.

Die Leiche wurde »vorsichtig mit der sie umgebenden Erdschicht auf zusammengenagelte Bretter geschoben« und zur Kapelle des Horst-Friedhofs transportiert. Nachbarn und Verwandte erkannten Kleidungsreste, Dentisten die Zähne wieder. Die Todesursache war nicht mehr festzustellen.

Eine Woche noch blieb Breuer stur, bis er gestand: »Ja, ich habe es getan.« Am Tag des vermeintlichen Verschwindens seiner Frau, als er im Stall Holz hackte, sei eine der üblichen Streitigkeiten eskaliert. Mit einem neben der Tür hängenden Strick habe Marie ihn von hinten geschlagen.

»Bei der Abwehr muss der Strick meiner Frau über den Kopf gekommen sein«, erklärte Breuer, »und dabei muss wohl im Gedränge der Strick zugezogen sein.«

Nach zehn Minuten vergeblicher Wiederbelebung, sagte er, ließ er die Leiche liegen und verschloss den Stall. Nachmittags hob er ein Loch im Hühnerstall aus.

Dort blieb die Leiche, bis er sie im November wieder ausbuddelte, in zwei Kartoffelsäcke steckte, auf einen Handwagen legte und gegen 23 Uhr zum »Schweinemagen« karrte. Später unternahm er gelegentlich Spaziergänge, bei denen er das Grab seiner Frau umrundete.

Bevor er Ende Mai als Kriminalrat nach Berlin versetzt wurde, verfasste Kommissar Girbig einen Schlussbericht. Den Zeugenaussagen nach hatte die Frau sich zur vermeintlichen Tatzeit im Hof, der Mann hingegen im Haus aufgehalten. Ein Ortstermin des Staatsanwalts im Stall ließ Breuers Schilderung vollends unglaubwürdig erscheinen.

Erst der Hinweis, je länger die Ermittlungen dauerten, desto höher die Kosten, die er zu tragen habe, bewegten den als geizig geltenden Breuer dazu, Anfang Juli eine zweite Tatversion abzuliefern. Er habe die Fenster in der Küche gestrichen, dabei alte Farbe abgekratzt und auf den Boden geworfen, worüber Marie sich aufregte. Sie schlug mit dem Schrubber nach ihm.

Bei der folgenden Rangelei »seien sie dann längs durch die Küche an den Küchenschrank geraten. Seine Frau habe sich mit dem Ellenbogen auf die Platte des Küchenschrankes gestützt und er habe sie von hinten mit dem Kopf in die Höhlung des Küchenschrankes hinein gedrückt.«

Die Leiche versteckte er im Nebenzimmer, bis er sie am späten Abend über die Haustreppe in den Hof trug und im Hühnerstall eingrub.

In Berlin war gerade die Olympiade zu Ende, als am 17. August 1936 die Verhandlung vor dem Stader Schwurgericht begann. »Für den Zuhörerraum sind Eintrittskarten ausgegeben worden«, beschrieb die Zeitung den Andrang. 37 Zeugen und zwei Sachverständige waren geladen.

Das Gericht glaubte Breuers Geschichte nicht. Unwahrscheinlich, dass die sanfte Marie ihn angegriffen habe; ebenso wenig war er selbst der Typ, in »blinde Wut« zu geraten: So geizig wie mit Geld war er mit Gefühlen. Einen Mord aber hätte er geschickter eingefädelt und nicht am helllichten Tag verübt.

Für vorsätzlichen Totschlag verurteilten ihn die Geschworenen zu 15 Jahren Zuchthaus. Achteinhalb davon saß Breuer in Hameln und Celle ab. Im April 1945 überstellte man ihn ins mecklenburgische Dreibergen. Dort marschierte drei Wochen später die Rote Armee ein und ließ die Gefangenen frei.

Seither ist Klaus Breuer verschwunden. 18 Jahre wurde nach ihm gefahndet – bis der für das Fahndungsbuch zuständigen Stelle 1964 auffiel, dass er bereits 1953 beim Standesamt Oldendorf für tot erklärt worden war. Warum und von wem lässt sich anhand der Akten nicht klären, und was seine Nachfahren wissen könnten, blieb im Dunkeln, als ich vor 20 Jahren nachforschte.

Der Fluch der Mauser, ein weiterer Fall von Kommissar Max Girbig

© Uwe Ruprecht

Advertisements