Vom Textrausch

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… und wenn diese Hand sich selbständig machen und weiterschreiben würde, ohne dass ich ihre mechanische Bewegung zu überwachen bräuchte, während ich zu Bett ginge, um mich den Lichtflecken auf der Innenseite meiner Augen hinzugeben?

Ich finde kaum Grund, etwas in meinem Leben zu bedauern, außer dass ich in jenen viel zu seltenen Augenblicken, wenn ich, restlos von meiner bloßen Existenz (von ihrer Blöße) entzückt, über die eigenartige Interferenz von rotem Quadrat und grüner Lamelle meditierte, die das Sonnenlicht mit dem hervorragend durchbluteten Gewebe meiner Lider an der dem Augapfel zugewandten Seite erzeugte – wenn ich in solchen Momenten anspruchsloser Lust nicht in der Lage war, meinen Schreibzwang zu befriedigen und gleichzeitig und unmittelbar meine Eindrücke – die ungewöhnlich scharfen und klaren, zu sichtbaren Figuren vereinzelten Gedanken, die ich dabei hatte – so in Worte zu fassen, dass eine Spur jenes Moments die Chance bekam, zu überdauern. Die wirklich direkte Aufzeichnung einer Wahrnehmung wie dieser (: nicht die vollständige; ich meine das, was während jenes Ausschnitts der Zeit, ohne Vorher und Nachher, spontan auf den Filter der Worte trifft) wäre imstande, mehrere Bände der zeitgenössischen Literatur zu ersetzen.

Die Surrealisten hatten so getan, als sei ihnen dieser Trick gelungen, während der sogenannten »Schlaf-Epoche« Anfang der zwanziger Jahre. Bei den von André Breton unter dem Titel Eintritt der Medien beschriebenen Zusammenkünften im lauschigen Hinterzimmer einer Bar an den Großen Boulevards (während im Schankraum einer sein Bandoneon mit Tango quälte), tat sich besonders Robert Desnos, der Mann mit den Antennen-Augen, durch exzellente Sprüche hervor. Es gab da auch eine Mademoiselle Renée, ein junges Mädchen, das Benjamin Péret, der Schelm, angeschleppt hatte; ihr Beitrag zu der Session: Ächzen, Stöhnen – und der Satz: »Der Abgrund… mein Vater durchnässt mich mit farblosem Schweiß«. Der Rest ist Mystifikation, eine sehr vertrackte Form der Erzählung, auf die sich die Surrealisten allerdings ausgezeichnet verstanden, und bei der die Psychoanalyse das letzte Wort hat.

Robert Desnos (aus »Nadja« von André Breton)
Die écriture automatique ist eine vorzügliche, wenn nicht die einzige Möglichkeit, Bilder zu erhalten wie sie der Rausch eingibt. Nicht dieselben: Im Rausch sprechen die Dinge mit den Sinnen, im automatischen Text dagegen führt die Sprache ein Selbstgespräch. Aber es ist hinlänglich bekannt, dass wir mit den Dingen nur in unserer Sprache reden können – im Rausch allerdings bedienen wir uns einen besonderen Dialekts, den wir im nüchternen Zustand zu verachten geneigt sind. (Raus, erzählen ist wie kotzen. Shit. Entlastung vom Seelenmüll.) Eben dieser Dialekt, mit seiner besonderen Art der Wortführung, formt auch den automatischen Text. Es handelt sich um ein Sprechen, das ohne Gewalt zu irgendeiner Seite auskommt, das keine Rücksicht auf Sinn und Verstand, auf Grammatik und Handschrift nimmt; ein Sprechen so selbstverständlich und gleichgültig, so unanfechtbar wie der Regen, der fällt, wie das Tier, das frisst. Freie Rede, aber mehr als nur Geplapper. Der Ausstoß von Worten, von Buchstaben orientiert sich an denen, die im Kopf des Berauschten oder automatisch Schreibenden ein überkommen großes Gewicht haben, und dieser Ausstoß erfolgt auf einen besonderen Rhythmus. Wie besonders dieser Rhythmus ist, und wie besonders die Worte, die er organisiert, bemerkt man, wenn man zu mehreren rauscht. Das Verstehen ist zwar nicht ausgeschlossen, niemals aber stellt es sich her über die gemeinsame Anerkennung allgemeiner, vernünftiger oder moralischer Grundsätze. Wie bei Musikstücken kommt es auf die gelungene Synchronisation der einzelnen Rhythmen an. Entweder gelingt es, oder es tönt falsch.

Rausch, Traum, Wahnsinn bringen die Puppe zum Sprechen – eben nicht nur eine »Mademoiselle Renée« aus dem Viertel um die »sehr schöne und sehr unnütze Porte Saint-Denis«. Jene Puppe oder unsichtbare Maschine nämlich, die Salvador Dalí im Großen Wichser portraitiert hat und die, komplementär dazu, Russ Meyer als Supervixen oder Super Angel auf einem phallisch zugespitzten Berg in Arizona hat pfählen oder in der heißen Badewanne eines amerikanischen Motels hat zerstampfen lassen. Diese Puppe ohne Innereien, ohne Sinn und Gesicht, die ausschließlich die taktilen Sinne anspricht. Aber nicht an ihrer Sprache erkennt man sie. Vielmehr: Dass sie die Sprache nachdrücklich verschlägt, zeigt ihren Auftritt auf der Bühne des Geistes an, die für die Männer unter uns immer noch die Welt bedeutet. Und nicht sie, ich ist die an Fäden gezogenen Marionette. Dieser maschinelle Aspekt, dieses Gefühl der Fremdsteuerung bei Rausch, Traum und Wahnsinn ist besonders interessant. Ich bin darin mit Raymond Roussel einig, der glaubte, wenn man einem schwerstens Geschockten ein kleines Wunder in Form laufender Bilder vorführt, springt er sofort auf und lächelt wieder freundlich und fügsam sein Schicksal an; man sieht ja, wie erfolgreich die Filmindustrie mit diesem Arrangement ist. Dabei erinnere ich mich an einen Film, in dem eine Stimmung heraufbeschworen wird, die der meinen sehr ähnlich ist: »im viereckigen Mauerloch, in dem die Pflanzen sich ausbreiten, nach Dunkelwerden«. Ähnlich wie ich mit meinen Augen die Außenwelt anzapfe, bohren in diesem Film schweigsame Männer mit Motorsägen Löcher in Türen. Anschließend gehen sie hin und rasieren sich im Badezimmer eines amerikanischen Motels gegenseitig die blonden Schnauzbärte ab.

Zeichnungen: urian

2

Es heißt, die Literatur habe abgedankt. Die intellektuellen Versicherungsagenten, die Professoren und Journalisten, die Filmemacher und Computerpianisten reden sich heraus: Die Welt ist so komplex, dass sie sich nur multi-medial erfassen lasse. Eine Ausrede ist das, insofern unser Gehirn bislang noch nicht mit »fortgeschritten« ist. Es bevorzugt immer noch die einfachen Lösungen, mit denen es sich leben lässt. Eigensinniger Selbsterhaltungstrieb! Für das Hochkomplexe hat der Mensch den Computer, damit er sich den einfachen Wahrheiten widmen kann. So sieht die derzeit denkbare Vermittlung von Orient und Okzident aus, dem Ideal des Bedürfniszuwachses mit dem der Bedürfnisverringerung, zwischen Ekstase und Askese, zwischen Pflicht und Neigung, Rausch und Alltag. Wobei ich an dieser Stelle als Genügsame am Rausch, seine grenzenlose Bescheidenheit mit allem, was ihm angeboten wird oder zufällig ins Gehege gerät, hervorheben möchte; seine Kindlichkeit – er ist nicht weniger ungeduldig als das spielende Kind. Dadurch unterscheidet er sich von der Meditation, so ähnlich er ihr sonst auch sein mag: Zwar liebt er alles, was er bekommt, heiß und innig; keines aber vermag ihn länger zu befriedigen. Die Kraft, mit der er den Dingen auslutscht, was immer sie hergeben für die Sinne und die verständige Phantasie, ist so enorm, daß jedes im Nu welk und trocken wird. Bevor es zerstiebt, wendet der Rausch sich anderem zu.

3

Einem flüchtigen Bekannten kam die Idee zu einem optischen Gedicht. Es existieren auch Entwürfe für ein erstes Substantiv in diesem visuellen Text: the flying typewriter. In den Tagen vor der Erfindung waren wir bei Armand Schulthess und Arno Schmidt, bei Roussel selbstverständlich und bei J. G. Ballard in die Schule gegangen; wir hatten über Zen diskutiert und über Einwegfeuerzeuge meditiert. Und hinter diesem Lehrerkollegium, Schatten an der Wand, das Bild des großen Meisters und Direktors, des Riesenrades auf dem Hocker. Der flying typewriter war eine goldene Schreibmaschine, eine Olympia aus den 1950ern, die von Zeit zu Zeit, einem Raumschiff nicht unähnlich, durch das Zimmer schwebte und sich, eitel und selbstvergessen, in dem großen Spiegel an der weißen Wand betrachtete, wobei sie gelegentlich auch Pirouetten drehte oder kokett den Wagen hin und her gleiten ließ. Ich erfand dann noch ein objet trouvé, das Arrangement der silbrig glänzenden Stereoanlage mit zwei Boxen auf der marmorierten Fensterbank, und nannte das Ganze »Die Lärmwache«. Aber dieser Einfall fiel deutlich ab.

Olympia Traveller de Luxe (Fotos: urian)

Schließlich war da noch die Diamantnadel des Plattenspielers; ihr Inneres genauer gesagt, das Innere der Spitze, in der eine Art Astronaut saß und sein Fahrzeug zu lenken meinte. Tatsächlich fuhr das Gerät ihn im Kreis, was er nicht bemerkte, da aus seiner Perspektive die kreisförmigen Rillen der Schallplatte, wie eine schnurgerade Fahrstrecke erschienen. Manchmal glaubt der Astronaut abzuheben, in Rausch, Traum und Wahnsinn; aber dann hebt und senkt sich nur der Tonabnehmer-Arm. Beabsichtigt war, einen Film aus dem Blickwinkel des Astronauten zu drehen.

»Raum + Zeit = Plastik« ist eine der Gedankenformeln, die wir begleitend zu diesen Objekten errechneten. Ich denke dabei an das Polyurethan, das die richtigen Eigenschaften besitzt, um den in Frage stehenden Vorgang drastisch vorzuführen. César etwas hat rotes Polyurethan in eine alte blaue Kanne gegeben. Das Zeug dehnt sich aus, quillt in der Kanne und aus der Kanne heraus, rote, quallige Masse, die sich obszön aus jeder Öffnung hervorquält, bis ihr Wachstum beendet ist. Dessen Dauer hängt ab von der Masse des kompakten Polyurethans, das aufzuquellen beginnt, sobald es in Kontakt mit dem Sauerstoff in der Luft kommt. Man muss es im Gefühl haben, wieviel Plastikmasse benötigt wird, um einen Gegenstand in der gewünschten Weise zu verquellen.

Zeichnung

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Ich habe hier eine Glaskugel. Das ist nicht besitzanzeigend gemeint. In meiner Glaskugel befinden sich zwei Orte. In dem einen bin ich geboren. Dort habe ich meine ersten Löcher in den Mutterboden gegraben, um Ameisen darin zu ertränken; ich schuf einen Kreis äußerst feiner Kanäle, in dessen Mitte ich ein paar Sandwölbungen setzte. Dort ließ ich die Ameisen, die ich in Einmachgläsern gesammelt hatte, frei. Die Kanäle füllte ich mit Leitungswasser aus meinem kleinen blauen Eimer mit den gelben Blümchen. Dort las ich zum ersten Mal in einer Wellblech-Garage, zwischen ölverschmierten Werkzeugen, gigantischen Staubflusen und schwarzen Öllachen im graubraunen Sand, in einem vom Sonnenlicht, das durch ein zugestaubtes Fenster fiel, in schwarz-weiße Scheiben geschnittenen Raum, die Spuren der Wirklichkeit. Dort las ich mein erstes Buch, dort schrieb ich meinen ersten Text. Von dem anderen Ort stammen diese Bilder:

5

Verfängliches Netz aus Schattenlinien. Die Statuen blocken wie Phalli in der Parkebene. Ein Ritz Himmel ist von Baumkronen behaart wie eine schmächtige Vulva.

Landleben. Wie eine Raupe bei Vollmond das Kornfeld umzüngelt, kreist ein Bus um den Platz. Licht steigt wie Nebel aus den Straßen. (Das Nachtleben dünstet Licht aus.) Wie das Phosphoreszieren des Meeresgrundes unter dem Bug eines träge ziehenden Schiffes. Wie manche Leichen, die leuchten, wenn sie stinken.

In der Nacht ist Paris immer leer, die Straßen werden sich selbst überlassen, die Straßenlaternen führen ihren stummen Dialog mit den Pfützen im Trottoir, die Schatten beweisen dem Himmel ihre Macht. Die Dinge genießen ihr Dasein, ihr Sosein, ihre durch die Abwesenheit der Menschen um so heftigere Lebendigkeit. Sich in diese Fremdheit zu begeben, ist ein Risiko, dem sich kein Bürger unterzieht. Nur ein paar Drogensüchtige und Einsame sind um diese Zeit allein unterwegs. Die anderen, die zwischen den Kneipen hin und her ziehen, haben sich eingehakt und schützen einander. Nicht dass sie um die Drohung wüssten, die von der aktiven Ruhe der Dinge ausgeht. Sie handeln instinktiv, wie die Buschmänner im Dschungel. In Paris sind die Schatten wie wilde Tiere.

Leben in den von Ameisensäure übergossenen Métro-Schächten.
Regenwasser glänzt wie Sperma in der Passage de Clichy. Poesie, nicht wahr, ist die ewige Wiederkehr.

Das Licht meiner Sehnsüchte ist fahlgelb mit einem Schuss Orange, wie die Sonne, die von den Dachfirsten an der Place Denfert-Rocherau reflektiert wird.

Wenn Sie im Musée Grevin in der Passage Jouffroy waren – haben Sie auch diese besondere Sensation erlebt, die darin besteht, dass man beim Schlendern zwischen den Glaskästen einen Besucher mit einer Wachspuppe verwechselt? Das Management des Kabinetts hat extra ein paar Leute, Männer wie Frauen, mit durchschnittlichem Äußeren ausgewählt, die gegen ein entsprechendes Entgelt sich unter dem Publikum bewegen, um hier und dort für ein paar Augenblicke mit abwesendem Blick stumm stehen zu bleiben. Und was ist es anderes, wodurch der Mensch sich von der Puppe unterscheidet, als die Bewegung im Raum? Diese Irritation ist unfehlbar, und fast jeder Besucher des Wachsfigurenkabinetts erlebt sie. Der Rest der Show ist, wie Sie sich erinnern werden, etwas faul und abgestanden. Besonders wenn man bemerkt, dass Jeanne d‘Arc und Helmut Schmidt auf derselben Ebene gehandelt werden.

Tour Saint-Jacques, toter Liebesknochen.

6

Der Rausch ist viel weniger ein Zustand, als eine Qualität des Übergangs. Eine äußerst zerbrechliche Himmelsfarbe, kein Landstrich. Keine Gegend, eine Atmosphäre. Rausch und Nüchternheit sind nicht etwa durch einen Grat getrennt – sie sind selbst Grade, Punkte auf einer Gleitschiene. Nüchternheit, die könnte zum Beispiel die Abwesenheit von Drogen sein, womit ihr also keine besonderen Eigenschaften zugeschrieben wären, die sie zweifellos hat. Aber was ist eine Droge? Ist der Adrenalinausstoß, oder was immer im Hirn beim Orgasmus die Bilder aufschnellen lässt, keine Droge?

Zeichnung: urian

7

Die Identität ist hin im Rausch. Und das ist es auch, wovon es kein Zurück gibt, weder im Rausch selbst (darauf bezieht sich die jämmerliche, buchhälterische Angst des ich während des Eintretens des Rausches) noch später. Der Blick hinter die Kulissen, den der Rausch geschenkt hat, war Wirklichkeit, man hat es erlebt, und wer weiß, ob nicht Rausch-Erlebnisse tiefere Spuren in den Nerven hinterlassen als andere Erlebnisse; dieser Blick läßt sich nicht löschen. Noch sind wir keine Computer. Noch zwingt uns unsere ganze Botanik dazu, Erinnerungsspuren zu bilden, weil wir sonst einstürzen. Dieser Treibsand-Zustand, in dem wir uns im Rausch befinden, gibt eine Ahnung davon, was es heißt, den Boden der vertrauten Anschauungen unter den Füßen zu verlieren. Einmal in diesen Treibsand geraten, gibt es kein Hinaus. Nur noch den langsamen Weg hinunter. Man kann den Rausch von seinem Lebensprogramm streichen, nachdem man ihn erfahren hat. Zwecklos: Er war da. Er war wirklich. Gestern ist nicht nur eine Marke, die wir passieren, so ähnlich sagt Proust, gestern hat uns geprägt. Wir sind nicht mehr derselbe. Wir sind mehr, bereichert um eine neue Ansicht der Welt; wir sind ärmer, betrogen um unsere Sicherheit. Die Sessel sind nicht mehr das, was sie früher einmal waren, und die Vorhänge sind von außen durchsichtig geworden. Auf der Straße haben wir es schwerer und allein. Identität? Ein hochkomplexes Muster aus Dingen, Gesten, Reiz-Reaktions-Ketten. Es ändert sich jeden Tag. Mit jedem Gegenstand, der uns lieb geworden ist und den wir verlieren, gerät dieses Seifenschaum-Gebilde, das wir als Identität erfahren, ein bisschen in den Wind. Der Rausch ist ein Sturm.

8

Er verbringt ein Winterwochenende in Fakensieps. Der Winter ist mild in diesem Jahr, schneelos und windig wie ein Herbst. Die deutschen Bauern spielen immer noch mit ihren Schäferhunden, bis diese winseln. Pferdegetrappel in der Hosentasche und Wind, der wie auf ein Zelt schlägt. Durch den Stoff scheint der Mond. Hosentasche erzählt ihm von ihrer Langeweile, vom immer gleichen Aufschlagen der Schuhe auf den Boden, vom Tock-Tock der Absätze, von den schrill aus der Ferne heranrauschenden Autos, von den verirrten Stimmen der entgegenkommenden Fußgänger. Und dazwischen immer wieder lange Phasen fast völliger Stille, lediglich unterbrochen vom Tock-Tock der Schritte. Das Schaben der Hände in Hosentasche; gelegentlich erregt sie das sehr, wenn sie die Finger in sich spürt. Sobald die Schritte sich verlangsamen, entsteht ein Moment erwartungsvoller Spannung: Hat er sich zu einem Richtungswechsel entschlossen, spekuliert Hosentasche, betrachtet er irgend etwas dort draußen, oder ist er nur bei einer unvermeidlichen Ampel angelangt?

9

Ich wechsle die Bilder von mir, mit denen ich meine Zeit messe, von Zeit zu Zeit wie Dias in einem Projektor, mit dem ich die Wände meiner Wohnung belichte. Manche von ihnen halten sich über Jahre, einige nur wenige Wochen, manche nur eine Sekunde lang. Durch diese Bilder, mit denen ich die Welt betrachte wie durch eine Lupe oder ein Fernglas, das die Umrisse meines Gesichts hat, sähe ich am Ende, wenn alle Masken zerrissen wären, nur eine durchsichtige Masse Gelee anstelle meines Körpers. Das Gelee quillt dort, wo ich meinen Körper zu sehen gewohnt bin, auf den Stühlen und Sofas, zwischen Tischkanten und Türrahmen, auf Asphalt und Sand, zwischen Steinen und Bäumen, auf Gras und im Wasser, mit den Händen in der Erde und dem Kopf in der Luft. Da es sich um ein sehr farbloses Gelee handelt, nimmt es die Farbe der jeweiligen Atmosphäre an, aber nicht ganz. Mein nüchterner Bewusstseins-Saal erschallt von Gelächter über die Absurditäten, mit denen ich mich willentlich umgebe. Anderswo, im erotischen Kabinett mit den Plüschteppichen und Seiden-Vorhängen, alles rot und ein bisschen violett, herrscht dagegen völlige Stille. Kein Laut, der schwere Stoff ertränkt jedes Geräusch, jeder Ton verirrt sich unauffindbar in den hölzernen Schnörkeln und Ornamenten der Truhen, Kommoden und Baluster.

Zeichnung: urian

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Abgestürzte Balkone bilden wahrsagerische Muster in der rue Artaud. Auf ihnen hüpfen Sängerknaben herum und singen kirchliche Lieder im Kanon, der so mit ihren Sprüngen auf den Balkonruinen abgestimmt ist, dass auf jeden Sprung eine Pause entfällt, während der nicht gesungen wird. Die Baustelle liegt da wie ein antikes Urnenfeld.

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In Paris erscheint es mir so deutlich, als würde ich es halluzinieren, dass ich auf einem Stuhl sitze, an einem Tisch von vertrauter Gestalt, auf dem ich beschriebene oder bedruckte Holzprodukte mit Hilfe meiner Augen im Gehirn zu »Informationen« verarbeite. Wenn ich das Steuerzentrum drehe, treffen mich Lichtreflexionen von Gebäuden, Wolken und einem gelben Ball; davor ist eine Fläche aus gefrorenem Wasser. Der gelbe Ball heißt »Sonne« und ist etwa 150 Millionen Kilometer von dort entfernt, wo ich mich befinde, im Raum wohlgemerkt. In der Zeit handelt es sich um Wochen, glaube ich, nach hiesigem Maß. Die Sonne ist viel größer als die Erde und eine heiße Kugel. Ich glaube, dass ich sie noch öfter wiedersehen werde. Ich glaube weiterhin, dass, wenn ein anderer Mensch in mein Zimmer kommt, er dieselben Stühle, Tische, Bücher und Papiere sehen wird, die auch ich wahrnehme – wie, darüber mache ich lieber keine Aussagen. Wie gesagt, so erschien es mir, während ich mich in Paris befand. Lächerlich, nicht wahr? Denn weder saß ich auf einem Stuhl noch habe ich ein Gehirn. Die Sonne gibt es nicht. Und ich liebe keine Aussagen.

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Traumtanz. Ein berauschendes Lesebuch, Hg. Klaus Modick, Reinbek 1986

© Uwe Ruprecht

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