Buch über die Rettung von Juden zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Ein Gutshof im Norden von Brandenburg war Schauplatz einer der sonderbarsten Szenen der Weltgeschichte. Gegen drei Uhr in der Nacht des 21. April 1945 begegnete ein Jude dem Haupttäter des Holocaust. Während weiter gemordet wurde, empfing Heinrich Himmler einen Abgesandten des Volks, das er auszurotten versucht hatte, ausnehmend höflich, geradezu leutselig.

Norbert Masur war als Vertreter des World Jewish Congress aus Stockholm angereist, um mit dem Chef der deutschen Polizei und Innenminister über die Freilassung von Gefangenen zu sprechen. Der 43-jährige, in Friedrichstadt/Eider geborene Masur war kurzfristig für Gilel Storch eingesprungen, der befürchtete, Deutschland nicht wieder verlassen zu können. Anders als er war Masur schwedischer Staatsbürger und schien dadurch besser geschützt.

Tatsächlich war die Begegnung mit Himmler für Masur beklemmend, aber nicht gefährlich. Der Reichsführer-SS hatte den Krieg verloren gegeben und versprach sich vom Schacher mit Lager-Insassen Vorteile bei Verhandlungen mit den Siegern. Schweden hatte sich bereit erklärt, die Freigelassenen aufzunehmen. Seit Februar stand Himmler mit Graf Folke Bernadotte vom Roten Kreuz in Verbindung. Am 9. April hatten die ersten von schließlich rund 20.000 Menschen in weiß gestrichenen Fahrzeugen Dänemark erreicht.

Buchseite mit Bild von diesem Blog
Seite aus dem Buch mit Illustration von diesem Blog

Als ein Ergebnis von Masurs Konferenz mit Himmler wurden 153 jüdische Häftlinge am 1. Mai aus dem Arbeitserziehungslager Nordmark in Kiel-Hassee befreit. Darunter war Leonhard Zimmak.

Die Eltern des 1907 Geborenen betrieben in einem Dorf im damaligen Westpreußen ein Kolonialwarengeschäft. Leonhard wurde Elektriker. Er arbeitete im elterlichen Laden, hatte aber auch Anstellungen in Elbing und Hamburg. Die Meisterprüfung, um die er sich 1934 bemühte, durfte er nicht ablegen: inzwischen herrschte der Rassenwahn der Nationalsozialisten.

Das Geschäft der Eltern wurde boykottiert, und sie waren gezwungen, es weit unter Wert zu verkaufen. 1936 zogen sie nach Hamburg, wohin sich bereits eine Tochter mit ihrem Mann abgesetzt hatte. Auch Sohn Leonhard lebte in Hamburg und schlug sich als Elektriker durch – bis er den Behörden als Jude auffiel und er zur Zwangsarbeit herangezogen wurde.

1938 heiratete Leonard Zimmak die sieben Jahre jüngere Else Herbst aus Oldenburg. Im Sommer 1941 wurde ihr Sohn Denny geboren. Am 6. Dezember des Jahres wurde die Familie nach Riga deportiert. „Es war ein Todeslager“, notiert Leonard Zimmak in einem Brief. Im März 1942 wird ein Teil der Lagerinsassen verlegt, Zimmak sieht Frau und Sohn zum letzten Mal.

Vor der näher rückenden Roten Armee werden die Gefangenen nach Westen transportiert. So gelangt Leonard Zimmak im Februar 1945 wieder nach Hamburg, in das zum KZ umfunktionierte Gefängnis Fuhlsbüttel. Dieses wird im April mit einem Todesmarsch evakuiert. „Kiel war die Hölle, geleitet von Bestien in Menschengestalt“, schreibt Zimmak, nachdem er mit den Weißen Bussen vor den Nationalsozialisten gerettet worden war.

In einem schwedischen Flüchtlingslager lernt er Grete Steiner aus Wien kennen und heiratet sie 1947. 1951 wird ihr Sohn Fred geboren, der gemeinsam mit dem Journalisten Bernd Philipsen ein Buch herausgegeben hat, das die Schicksale derer nachzeichnet, die durch Folke Bernadottes Rettungsmission aus dem Lager in Kiel-Hassee entkamen.

Bernd Philipsen / Fred Zimmak (Hrsg.): Wir sollten leben. Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit. Novalis Verlag, Steinbergkirche-Neukirchen 2020, 282 S. m. Abb., 19,80 €.

Siehe auch → Himmlers Ende