Der Hamburger Architekt baute Kirchen und U-Bahn-Stationen

Mit ihm wird kein prominentes Gebäude assoziiert. Friedhelm Grundmann war kein „Star-Architekt“. Wenngleich keine Touristen Selfies vor seinen Werken aufnehmen, hat er reichlich Spuren im Stadtbild hinterlassen, und seine Raumgestaltungen sind vielen vertrauter als die berühmterer Kollegen.

„Turm und Tunnel“ oder „Himmel und Hölle“ sind Gegensatzpaare, die gern bemüht werden, um Grundmanns Schaffen zu beschreiben. Denn es besteht zu einem großen Teil aus Kirchen und U-Bahnhöfen. Er selbst hat die Ähnlichkeit dieser Bauaufgaben betont: „Jede Architektur muss anregend sein. Alle Menschen brauchen gute Farben und Proportionen, seien es nun 1000 U-Bahn-Fahrer oder 100 Kirchen-Besucher.“

Geboren am 24. April 1925 im niederschlesischen Bad Warmbrunn kam Grundmann als Kind nach Breslau. Dort wuchs der Sohn eines Kunsthistorikers mit moderner Architektur auf: „Mein Schulweg führte durch eine Siedlung, die 1929 für die Werkbundausstellung entstand“, erinnerte er sich 2014 in einem Interview. Das Architekturstudium, das er 1943 begann, musste er nach einem Semester unterbrechen, weil er zum Kriegsdienst eingezogen wurde. 1946 setzte er die Ausbildung in München fort.

Sein Vater Günther, der 1950 Denkmalpfleger in Hamburg geworden war, vermittelte den Sohn an → Werner Kallmorgen (1902–79), der sich beim Wiederaufbau hervortat. „Es war die entscheidende Lehr- und Lernzeit“, sagte Grundmann über seine fünf Jahre in Kallmorgens Büro. Unter anderem war er mit der Instandsetzung des Thalia Theaters befasst.

Mit Horst Sandtmann (1923–94), den er bei Kallmorgen kennengelernt hatte, eröffnete Grundmann ein eigenes Büro. „Die U-Bahn vom Hauptbahnhof nach Wandsbek war mein erster großer Auftrag“, erzählte er. Sandtmann war der Organisator und Kaufmann, beschrieb Grundmann ihre Aufgabenverteilung, während er am Zeichentisch saß. Auch später hatte er Kompagnons, nämlich Otto E. Rehder (1924–91), Friedhelm Zeuner (Jg. 1936) und Mathias Hein (Jg. 1961).


U-Bahn-Haltestelle Lübecker Straße

Die Hochbahn AG machte lediglich einige technische Vorgaben, ließ den Architekten aber ästhetisch ihre Freiheit. „Wir mussten alle Ausstattungsdetails erst selbst entwickeln, von der Beleuchtung bis zum Verkehrsschild“, berichtete Grundmann. Als Herausforderung erwies sich bei der Station Lübecker Straße der Umstieg zwischen der seit 1912 bestehenden Strecke in die tiefer gelegene neue Linie: „Dieses Chaos der Treppen zwischen den verschiedenen Ebenen – ich wusste anfangs nicht, wie ich das lösen sollte“, erklärte Grundmann. „Doch dann kam die Idee: Wir spannen darüber einen Regenschirm auf.“ Die auf fünf Stützen ruhende, 21 Meter überspannende und nur acht Zentimeter dicke Stahlbetonkuppelschale, die Grundmann und Sandtmann mit dem Statiker Stefan Polónyi konstruierten, war 1961 sensationell.


U-Bahn-Haltestelle Emilienstraße von 1999

Auf einer Reise durch Südfrankreich 1961/62 lernte Grundmann das Kloster Sainte-Marie de La Tourette bei Lyon kennen, das ihn „hinführte zu einer stark plastischen, auf strenger Geometrie beruhenden Architektur, die sich in einen bestimmten Ort einfügt und sich doch ganz selbständig behauptet“. Seither nannte er Le Corbusier (1887–1965) sein Vorbild. Der schweizerisch-französische Architekt verwendete unverputzten und unverblendeten, so genannten Sichtbeton. Die Bezeichnung „Brutalismus“ für diesen Stil geht zurück auf das französische „béton brut“ (roher Beton).

Seiner Faszination für das „plastische Bauen“ gab Grundmann ersten Ausdruck bei der evangelisch-lutherischen Simeonkirche in Hamburg-Hamm, die er 1965–68 zusammen mit Herbert Kuhn und Friedhelm Zeuner errichtete. Statt 100 besuchten hier schließlich nur noch 15 Menschen den Gottesdienst. „Die Leute seien lieber auf andere, gemütvollere Kirchen ausgewichen“, ließ sich die letzte Pastorin zitieren. 2003 wurde die Kirche entwidmet. Seit 2006 nutzt die griechisch-orthodoxe Gemeinde den „kubisch-weißen Flachdachbau, der sie an die mediterrane Architektur ihrer Heimat erinnerte“, schrieb Grundmann in einem Aufsatz über den „Umgang mit aufgegebenen Hamburger Kirchen“.


Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege auf dem Friedhof Niendorf von 1970

Grundmann besorgte die Restaurierung der Dome in Lübeck (1962–73) und Greifswald (1982–89). Zwischen 1963 und 1969 war er für die Rekonstruktion der Hauptkirche St. Trinitatis in Altona verantwortlich. Weitere seiner Hamburger Sakralbauten sind die Vicelinkirche am Saseler Markt (1963), die Dankeskirche in Hohenhorst (1967) und die Zachäuskirche in Langenhorn (1973).

Während er wie jeder Architekt auf dem Weg vom Entwurf zum Endprodukt Kompromisse mit den Auftraggebern eingehen musste, verwirklichte Grundmann sein Ideal 1966/67 beim eigenen Wohn- und Atelierhaus in Wandsbek: „Klar und rein wie ein Kristall soll das Haus wirken“.


Grundmanns eigenes Haus im Wandsbeker Eickhoffweg

Wie sein Vater im Denkmalschutz tätig war, lag auch ihm die Bewahrung des Historischen am Herzen. Als Mitglied im Denkmalrat der Stadt von 1962 bis 1994 hatte seine Stimme in dieser Hinsicht über die eigene Arbeit hinaus Gewicht. Grundmann, der als „uneitel“ galt, schien prädestiniert dafür, die Gebilde anderer zu erhalten. Von 1973 bis 1980 war er an Instandsetzungen in der Deichstraße und im Bäckerbreitergang beteiligt.


Zugang zur U-Bahn-Haltestelle Klosterstern am Eppendorfer Baum

Viele der über 200 Einträge in seinem Werkverzeichnis werden gemeinhin nicht als architektonische Leistung erkannt. Gleichwohl haben Zigtausende täglich Umgang mit den 20 U-Bahn-Haltestellen, die er selbst entwarf oder an die geänderten Erfordernisse anpasste. „Wenn wir alte Pläne und Fotos auftreiben konnten, gab es kein Halten mehr“, entsann er sich. Bei der von → Karl Schneider geplanten Station Klosterstern „haben wir den alten Eingangspavillon durchgekämpft, mit der alten Beschriftung.“ Die Renovierung des U-Bahnhofs Mundsburg wurde 1985 vom Architekten- und Ingenieurverein als „Bauwerk des Jahres“ ausgezeichnet. Oft kooperierte Grundmann bei diesen „Zweckbauten“ mit bildenden Künstlern.


Brücke zwischen den U-Bahn-Haltestellen Rödingsmarkt und Baumwall von 1999

Dem Schicksal der eigenen Erzeugnisse sah Grundmann gelassen entgegen: „Es wird ihnen gehen wie damals den alten Hochbahnhöfen: Was noch da und gut ist, bleibt.” Sein Zugang zur Barmbeker U-Bahn von 1959 wurde 2009 abgerissen. Die Passage unter dem Rathausmarkt, die er 1998 im Auftrag des Diakonischen Werks als „soziales Projekt“ schuf, ist seit Jahren wegen Umbaus geschlossen. Das hindert nicht, dass bis heute auf der offiziellen Website der Stadt dafür geworben wird. Die für Frühjahr 2022 avisierte Neueröffnung wurde immer wieder verschoben.

Grundmanns letztes großes Werk war die Umgestaltung des 1962 eingeweihten U- und Busbahnhofs Wandsbek Markt. Zwischen 2000 und 2005 wurden Pavillons erstellt und Beton- durch Glasdächer ergänzt. Unter der Erde setzte Grundmann einen für ihn typischen Akzent, indem er Tageslicht einfallen lässt.


Busbahnhof Wandsbek Markt

Von 1975 bis 2004 lehrte Grundmann an der ehemaligen HAW, der heutigen HafenCity-Universität, deren Dekan er von 1982 bis 1988 war. Am 27. Oktober 2015 starb er in Hamburg. Inzwischen wird er als maßgeblicher Baumeister gewürdigt. Im vorigen Jahr widmete ihm die Freie Akademie der Künste eine Ausstellung, die in das beim Verlag Dölling und Galitz erschienene Buch Turm und Tunnel mündete.

(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Herbst 2023)

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