Der Hamburger Architekt war ein Meister der Montage
Der schöne Schein war nicht seine Sache. Man könnte die von Paul Seitz entworfenen Gebäude unauffällig nennen oder sogar unansehnlich. Er war in erster Linie Stadtplaner und Verwaltungsbeamter. Auf ästhetische Brillianz legte er keinen Wert.
Der am 21. Oktober 1911 in Nürnberg geborene Seitz kam nicht vom Zeichentisch zur Architektur, sondern von der Baustelle. Mit 14 Jahren begann er eine Lehre als Maurer, die er 1928 mit der Gesellenprüfung beendete. Danach machte er ein Praktikum in einem Betonwerk. Ab 1929 studierte Seitz in Nürnberg an der Höheren Technischen Lehranstalt und der Staatsschule für angewandte Kunst. Das Architekturbüro, in das er 1934 eintrat, war mit der unvollendet gebliebenen Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände befasst. Vom Einsatz im Krieg, zu dem er 1941 eingezogen worden war, befreite Seitz 1944 die Dienstverpflichtung bei einer Augsburger Baufirma.
Seitz war nie ein freier Architekt, der einzelne Werke für wechselnde Auftraggeber entwirft und ausführt. Nach 1945 war er planerisch tätig und leitete den Wiederaufbau der bayerischen Kleinstädte Velden, Pegnitz und Creußen. 1949 wurde er Stadtbaurat in Leverkusen. Von dort holte ihn Oberbaudirektor Werner Hebebrand 1952 nach Hamburg, wo Seitz bis 1963 als Erster Baudirektor und Leiter des Hochbauamtes wirkte.
Es erzeugt ein schiefes Bild, Seitz mit bestimmten Gebäuden in Verbindung zu bringen. Er tat sich vielmehr bei der Rationalisierung des Bauens durch vorgefertigte Teile hervor. Eine Hauptaufgabe staatlichen Bauwesens sind Schulen. Von 463 Gebäuden waren 370 im Krieg beschädigt oder komplett zerstört worden. Schon in Leverkusen hatte Seitz Wohnungen aus standardisierten Modulen montieren lassen. Um der Schulraumnot in Hamburg möglichst rasch und kostengünstig abzuhelfen entwickelte er das System weiter. Die Schulen wurden aus genormten Elementen als Pavillons, in Waben- oder Kreuzform errichtet.
Auf diese Weise entstanden bis zum Ende von Seitz’ Amtszeit 459 Klassenräume sowie bis 1965 insgesamt 294 Einheiten nach dem Wabenmodell. Die Serienbauweise kam auch bei 68 Aulen zur Anwendung. Charakteristisch für den „Montagetyp Turnhalle“ ist die durch Betonpfeiler gegliederte verglaste Front, über die das Dach vorkragt. 184 davon gibt es noch. Die „Seitzhalle“ auf dem Gelände der Stadtteilschule Niendorf an der Paul-Sorge-Straße soll demnächst abgerissen werden.

Bereits verschwunden ist das 1955–57 von Seitz an der Moorweide gebaute „Amerika-Haus“, das einen Vorgänger von 1949 am Ferdinandstor hatte. Aus den von der Besatzungsmacht zur „Umerziehung“ gedachten rund 40 „Amerika-Häusern“ in Deutschland wurden beliebte Begegnungsstätten. 2007 wurde das letzte von ihnen geschlossen. „Wie ein verfehltes Symbol schlechter deutsch-amerikanischer Beziehungen musste es am Ende einem Hotelanbau weichen“, kommentierte das Hamburger Abendblatt den Abriss im Mai 2004. Dieselbe Zeitung würdigte das von Seitz entworfene „Kunsthaus“ zur Einweihung 1963 als „architektonischen Glanzpunkt“. Es wurde 1992 vernichtet. An seiner Stelle erhebt sich seit 1997 die „Galerie der Gegenwart“ der Kunsthalle.

Ebenfalls abgerissen werden soll ein Flachbau an der Lenhartzstraße in Eppendorf. 1963 als Bücherhalle eröffnet, befand sich darin seit 1998 das Kundenzentrum des Bezirksamts Nord. Im Dezember 2023 billigte die Mehrheit der Bezirksversammlung das Vorhaben, auf das Grundstück ein Hochhaus für Gewerbe und Wohnungen zu setzen. Gegen die dazu nötige Aufhebung des Denkmalschutzes protestiert der Denkmalverein: „Paul Seitz entwarf einen eleganten, von gelben Ziegelwänden und Glasfronten geprägten Baukörper, der einen Gartenhof umschloss. Auch im Inneren zeigte sich ein hoher architektonischer Anspruch, mit wertigen Materialien und lichten Räumen nach skandinavischem Vorbild.“

Dem Denkmalschutz unterliegt der gesamte Komplex des Bezirksamtes, dessen Auszug nach letztem Stand Ende 2024 erfolgen soll. Die 1951 beschlossene Dezentralisierung der Verwaltung machte „Rathäuser“ für die sieben Bezirke notwendig. Der in zwei Phasen 1953/54 und 1956–59 vollzogene Neubau zwischen Kümmell-, Lenhartz- und Robert-Koch-Straße war die erste Herausforderung für Paul Seitz in Hamburg, der damit ein Zeichen setzte. Statt wie bisher herrschaftlich-repräsentativ sollten Verwaltungsgebäude nunmehr vor allem funktional sein und bürgernah anmuten. Dafür standen großzügige Fensterfronten sowie hellgelbe und weiße Verblendsteine, die ausdrücklich einen Kontrast zu dem in der Vergangenheit weit verbreiteten roten Ziegeln bildeten.

Außer für das Schulwesen war Seitz prägend für eine andere Bildungseinrichtung. Die Erweiterung der Universität, in der sich statt der ursprünglichen 3000 inzwischen mehr als 11.000 Studentinnen und Studenten drängten, war überfällig geworden. Ab 1954 war Seitz mit der Planung eines acht Neubauten umfassenden Campus betraut. Diese „Universitätsstadt“ wurde im Frühjahr 1958 der Öffentlichkeit vorgestellt. Als eine Art Leuchtturm der Lehre fungierte ein Hochhaus mit 14 Geschossen auf 52 Metern, dessen Grundstein am 26. Februar 1959 gelegt wurde. Doch den „Philosophenturm“, den Sitz der geisteswissenschaftlichen Fakultäten, begleitete eine Serie von Pannen.
Sie begann mit einer Kostensteigerung und der um ein Jahr verspäteten Fertigstellung 1963. Der Klinker, mit dem die Stahlbetonkonstruktion verblendet war, platzte ab, so dass im Herbst 1967 der Giebel wegen Steinschlaggefahr vergittert werden musste. Dann wurde festgestellt, dass die Stahlstützen korrodierten; sie wurden ab 1978 mit Kunststoff beschichtet. Nachdem eiserne Fensterrahmen in die Tiefe stürzten, schrieb das Abendblatt 1999, es sei „ein Wunder, dass bislang noch niemand zu Schaden gekommen ist“.

Die überfällige Instandsetzung wurde 2016 beschlossen, und 2017 zogen 7500 Studenten in die City Nord in ein Bürohaus von → Volkwin Marg um. Aber erst im Frühjahr 2019 begannen die Bauarbeiten, deren Abschluss schließlich immer wieder verschoben wurde, von 2021 auf 2022, dann auf Juni 2023. Im vergangenen Oktober wurde der Turm endlich wieder in Betrieb genommen. Doch die Mensa, die zum 1. Januar 2024 fertig sein sollte, ist nach wie vor eine Baustelle, und Eingangstüren sind nicht benutzbar. Die Kosten haben sich auf 120 Millionen Euro verdoppelt. (→ Das Pannen-Prachtstück)
Seit Januar 2024 saniert wird auch das 1965 eingeweihte Gemeinschafts- und Kulturzentrum „Hamburg-Haus Eimsbüttel“ am Doormannsweg. Von außen ist es so nichtssagend wie die meisten der Seitzschen Bauten, bietet jedoch im Inneren Räume mit viel Tageslicht.

Seitz’ letzte Amtshandlung war 1963 die architektonische Leitung der Internationalen Gartenbauausstellung. Anschließend wurde er Professor an der Hochschule für bildende Künste in Berlin, kehrte aber bereits 1965 nach Hamburg zurück. Für das gewerkschaftseigene Wohnungsunternehmen „Neue Heimat“ entwickelte er „Elementa“: industriell gefertigte Wohnmodule mit variablen Grundrissen. Im Ruhestand ab 1974 betätigte er sich als Bildhauer. Paul Seitz starb am 21. Februar 1989 in Hamburg.
(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Sommer 2024)
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