Cäsar Pinnau baute für Hitler, Oetker und Onassis
„Im Kielwasser der Mächte“, „Dekorateur der Macht“ – mit solchen Überschriften wird Cäsar Pinnau charakterisiert. Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie groß der Abstand zwischen Ethik und Ästhetik sein kann und dass sein Erfolg nichts über die moralische Integrität eines Künstlers aussagt.
Mit 420 dokumentierten Projekten war Pinnau einer der gefragtesten Architekten seiner Zeit und in New York, Paris oder Baden-Baden tätig. In Hamburger Kollegenkreisen galt er freilich als Unberührbarer. Nach seinem Tod wurde im Jahrbuch der Architektenkammer beklagt, man habe ihn „nie aus dem Schatten seiner Vergangenheit treten lassen“. Er hat sich aber auch nie selbst distanziert.
Die Auseinandersetzung mit dem „Umstrittenen“ begann erst 2016/17 durch eine Ausstellung im Altonaer Museum, die indes Kritikwürdiges umschiffte. Hamburg-Touristen wird eines seiner Werke als Wahrzeichen präsentiert: das größte fahrtüchtige Museumsfrachtschiff der Welt, die „Cap San Diego“, die seit 1989 an der Überseebrücke im Hafen vor Anker liegt.

Dass Pinnau Villen und Yachten für „Superreiche“ baute, kann ihm schwerlich zum Vorwurf gemacht werden. Durchschnittsverdiener können eben gemeinhin nicht die Dienste eines Architekten in Anspruch nehmen. Der Schatten, der ein für allemal auf Pinnaus Person und Werk liegt, ist tiefbraun: Er gehörte zum Gefolge von Albert Speer, der seinerseits gern als „Hitlers Lieblingsarchitekt“ verharmlost wird, aber als Chef der Bunker-Bautruppe „Organisation Todt“ und Rüstungsminister erheblichen Anteil am Zweiten Weltkrieg hatte.
Pinnaus Großvater und Vater waren Tischler. Der am 9. August 1906 in Hamburg geborene Cäsar Fritz wurde 1921–25 im Familienbetrieb ausgebildet. Schon während der Lehrzeit besuchte er die Staatliche Fachgewerbeschule und entwarf Möbel. Nach zwei Jahren als Tischlergeselle in Hamburg und Berlin nahm er ein Studium der Innenarchitektur auf, zunächst in Berlin, dann in München.
Als er 1930 sein Studium aus Geldnot abbrechen musste, trat er in das Büro des Architekten Fritz August Breuhaus de Groot ein und arbeitete in Düsseldorf und Berlin. Das erste mit Pinnaus Namen verbundene Werk wurde am 6. Mai 1937 zerstört: die Passagierdecks des Luftschiffs LZ 129. Der Zeppelin „Hindenburg“ ging bei der Landung im US-amerikanischen Lakehurst in Flammen auf.
Unterdessen hatte der 30-jährige Pinnau Albert Speer kennengelernt. Er wurde Mitglied der NSDAP, eröffnete in Berlin ein eigenes Büro und trat Speers „Planungsstab“ bei. Anlässlich eines Staatsbesuchs des italienischen Faschisten Benito Mussolini renovierte er 1937 das Reichspräsidentenpalais. Für den „Reichsführer-SS“ und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler richtete er dessen Wohnsitz in Dahlem ein.
Von 1938–40 war Pinnau mit der Gestaltung von Büros, Sälen, einer Bibliothek und eines Kasinos in dem von Speer entworfenen Amtssitz Adolf Hitlers, der Neuen Reichskanzlei befasst. Unter dem „Generalbauinspektor“ Speer war Pinnau an den Plänen zum Umbau von Berlin zur neuen Reichshauptstadt „Germania“ beteiligt. „Auf keinem Gebiet entblößten sich die Endziele der Nazis durch Selbstdarstellung so gründlich wie auf dem der Architektur des Dritten Reichs, sowohl der realisierten wie erst recht der geplanten“, schrieb der als Jude verfolgte Hamburger Ralph Giordano im selben Jahr 1989, als die Architektenkammer Pinnau zu rehabilitieren versuchte.
Dessen drei Hotels, Thermen, Theater und ein Regierungsgebäude kamen wie das ganze gigantomanische Vorhaben „Germania“ nicht über die Planungsphase hinaus. Pinnaus Rolle bei der steinernen Inszenierung des NS-Regimes verschaffte ihm jedenfalls einen Platz unter den rund 50 Architekten auf der im August 1944 erstellten Liste der „Gottbegnadeten“ und verschonte ihn von der Einberufung zum Kriegsdienst.
Für Speer hatte Pinnau im Rückblick nur lobende Worte. Der 67-Jährige sprach von seinem einstigen Chef „als dem richtigen Mann am richtigen Platz“ und „von seiner überragenden organisatorischen Befähigung Menschen zu führen“. Er unterstützte Speer während der 20 Jahre, die dieser im Kriegsverbrechergefängnis Spandau absaß.
Im April 1945 verließ Pinnau Berlin und kam zuerst in Schmilau bei Ratzeburg unter. Sein Bestreben, eine Professur an der Landeskunstschule in Hamburg zu erhalten, wurde im November 1945 von der britischen Militärregierung unterbunden. Im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens wurde er jedoch 1946 als „entlastet“ eingestuft. Seit Mai 1947 arbeitete er wieder als Architekt.
Für Bauaufträge der öffentlichen Hand kam er zwar nicht in Frage, aber es gab genug private Bestellungen für Bauwerke. Eine eigene Handschrift entwickelte Pinnau nie: Bei Büros und Fabriken setzte er moderne Stilmittel ein; bei Villen bediente er die Bedürfnisse seiner Auftraggeber nach gediegener Repräsentation mit unanstößiger klassizistischer Baukunst. Seit den 1950er Jahren etablierte er sich außerdem als führender Architekt im Schiffbau.

Für die Unternehmer Aristoteles Onassis und Rudolf-August Oetker war er gewissermaßen der Hausarchitekt. Der Grieche, der in den deutschen Medien durch seine Heirat mit der Witwe des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy bekannt wurde, unterhielt in Hamburg seit 1952 die Reederei „Olympic Maritime AG“. Für ihn baute Pinnau eine Fregatte zur Yacht „Christina“ um, die als „schwimmender Palast“ des Jetsets regelmäßig in der Klatschpresse auftauchte. Mit dem „Olympic Tower“ schuf Pinnau für Onassis 1972 eines des teuersten Wohnhochhäuser von New York.
Rudolf-August Oetker hatte den Familienbetrieb „Dr. August Oetker Nahrungsmittelfabrik“ 1944 übernommen und machte aus ihm einen Mischkonzern mit Luxushotels und der Reederei „Hamburg Süd“. Pinnau errichtete zwischen 1958 und 1964 den Hauptsitz der „Hamburg Süd“ unweit der Kirche St. Nicolai. Als eines der ersten Hochhäuser in Deutschland verfügte es über eine Klimaanlage. In Hammerbrook entstand ab 1959 ein Stärkesilo für die Firma Oetker.

Als Ghostwriter von dessen „Erinnerungen“ hatte Joachim C. Fest den Mythos etabliert, Albert Speer sei ein unpolitischer Technokrat gewesen, der nichts mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu tun hatte. Pinnau baute für den Publizisten 1974–78 im Taunus eine Villa, und Fest verfasste 1982 das Vorwort zu einem Buch von Pinnaus zweiter Frau Ruth über die Architektur ihres Gatten, das diesen von seiner Mitwirkung am NS-Regime freisprach.
Pinnaus für den elitären „Club an der Alster“ 1956 erbautes Clubhaus wurde 1988 abgerissen, um das Tennisstadion am Rothenbaum zu erweitern. Im Hamburger Stadtbild sind viele seiner Bauten gut versteckt hinter hohen Hecken und Zäunen: Villen an der Elbchaussee und in Blankenese, darunter drei eigene Wohnhäuser von 1950/51, 1961 und 1986. Sein letztes Atelier unterhielt er an der Palmaille: 1974 renovierte er das Haus, das Christian Frederik Hansen 1803/04 für sich selbst gebaut hatte.
Pinnau starb am 29. November 1988 in Hamburg und wurde in einer vom ihm selbst als „Kultraum“ gedachten Grabstätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.
(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Frühjahr 2025)
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