erschienen in Zeitungen und Zeitschriften
→ BILDER AUS HAMBURGS GESCHICHTE I ● 1686 bis 1920

1921
Um 1900 war die Haardiagnose ein Hit. Sonderzüge wurden eingesetzt, um den Publikumsandrang in Radbruch bei Winsen an der Luhe zu bewältigen. Dort diagnostizierte der Schäfer Heinrich Ast Krankheiten, indem er Nackenhaare mit der Lupe studierte.
1895 wurde der Wunderheiler zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den nach einem Geheimrezept seiner Ahnen hergestellten „Jerusalembalsam“ zur Heilung selbst verteilt hatte. Fortan schickte er seine Patienten zum Apotheker in Winsen.
1921, zwei Jahre nach Asts Tod, eröffnete Ernst Buchholz seine Praxis für Haardiagnose in der Hamburger Brüderstraße beim Großneumarkt. Der Erfolg war überwältigend, und er zog nach St. Georg in die Danziger Straße um, wo sich vor seiner Tür lange Schlangen bildeten. Bis zu 400 Menschen wurden täglich abgefertigt.
Dass Buchholz weder Honorar nahm noch Medikamente ausgab, schützte ihn nur bedingt vor dem Zugriff der Justiz. Sie verklagte ihn 1924 wegen Betrugs, weil eine seiner „Diagnosen“ sich als falsch erwiesen hatte, und er kassierte eine Geldstrafe.
In einem zweiten Verfahren 1926 wurde er zunächst freigesprochen, in der Berufsverhandlung 1927 jedoch zu einer Geldstrafe von 30.000 Mark verurteilt. Die Presseberichterstattung ruinierte seinen Ruf in Hamburg, und er verlegte sein Geschäft nach Berlin.
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1921
Über den Namen und das Alter des Opfers herrschte Unklarheit: Mal hieß er Chen You und war 39 Jahre alt, dann wieder war Chin-Yau 42. Seine Leiche wurde am Morgen des 13. März 1921 im Keller seiner Wäscherei in der Hamburger Bernhard-Nocht-Straße gefunden. Stiche und Hammerschläge hatten ihn getötet.
Rund um die Schmuckstraße auf St. Pauli war „Chinatown“: Außer Wäschereien, Gemüsehandlungen und Garküchen gab es Opiumhöhlen und Spielhöllen. Die Kundschaft bildeten die Chinesen, die in der Schifffahrt als Heizer arbeiteten.
Am Tatort wurde ein Schiffspass gefunden. Der Verdächtige kam in Untersuchungshaft, aber die Beweise reichten nicht aus. 1922, 1924 und 1926 taten sich neue Spuren auf. Aber sie führten ins Leere. Mögliche Zeugen schwiegen, und ein Dolmetscher war bestochen worden. Wie andere Verbrechen in „Chinatown“ blieb dieser Mord ungeklärt.
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1923
Alexander Heinrich Randad entstammte einer angesehenen Hamburger Familie. Der Vater war kaiserlicher Konsul im westafrikanischen Togo gewesen, Schwester Ilse Thouret wurde als Autorennfahrerin berühmt. Randad machte Karriere als Hochstapler. In Danzig, Helsingfors und Wien trat er als Prinz, Fürst oder Graf Randad zu Cordoba auf und brachte Verkäuferinnen und Dienstmädchen um ihre Ersparnisse.
Im Januar 1923 führte er in Hamburg als Kapitänleutnant einen rechten Aufmarsch an, der sich mit der Polizei prügelte. Am 9. November gab er sich als Abgesandter eines Herrn Hitler aus, der gerade in München einen Putsch versuchte.
Mit seiner finnischen Frau Karin und ihrem eineinhalbjährigen Sohn sowie einem Kindermädchen logierte der 27-Jährige in einer Pension in der Pöseldorfer Neuen Rabenstraße. Gegen Mittag am 4. Dezember fand die Köchin die 54-jährige Wirtin Emilie von Horsten unter einem umgestürzten Bücherschrank. Sie war niedergeschlagen und ausgeraubt worden.
Das Opfer erinnerte sich an nichts, und Randad leugnete. Am 21. Dezember entkam er aus der Untersuchungshaft, wurde aber eine Woche später in Bad Salzuflen gefasst. Dass seine Frau als Mittäterin verhaftet worden war, entlockte ihm am 1. März 1924 ein Geständnis.
Im Mai 1924 wurde er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Aufsehen, das der Fall erregte, ließ das Panoptikum am Spielbudenplatz den „internationalen Abenteurer“ als Wachsfigur ausstellen. (→ Was geschah, als der Schrank fiel)
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1924
„Püppchen“ wurde der 22-jährige Handlungsgehilfe Walter Carlsen seines mädchenhaften Aussehens wegen von seinen Kneipenbekanntschaften genannt. Seine Zechen überstiegen sein Einkommen um ein Vielfaches. Außerdem musste mehrmals die Stelle wechseln. Zuletzt hatte er einem Kollegen die Brieftasche gestohlen. Die Firma zeigte ihn nicht an, entließ ihn aber. Danach klaute er die Pokale seines Radsport-Vereins.
Sein Vater war tot, die Schwester nach auswärts verheiratet. Carlsen lebte mit seiner 56-jährigen Mutter Therese Luise in der Buxtehuder Straße in Harburg. Am Morgen des 6. Dezember 1924 stritten die beiden. Und Carlsen erschlug seine Mutter mit dem Zimmermannshammer des Vaters.
Die Nacht verbrachte er mit der Leiche in der Wohnung. Am Morgen übergoss er sie mit Petroleum und verließ das Haus. Bei seiner Rückkehr am Mittag war kein Brand ausgebrochen, nur die Wohnung voller Qualm. Carlsen alarmierte selbst die Feuerwehr.
Das im März 1925 verhängte Todesurteil wurde in „Haft bis zum Lebensende“ umgewandelt. 1934 brach bei Walter die Tuberkulose aus, an der schon sein Vater gestorben war. Der Muttermörder starb im Januar 1945 mit 42 Jahren im Zuchthaus Waldheim bei Dresden.
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1924
Besenbinderhof 5 Parterre: ein Zimmer, Toilette im Treppenhaus, kein warmes Wasser. Lavinia Schulz und Walter Holdt schliefen in Hängematten. Hier stellten sie die Ganzkörpermasken aus Sackleinen, Pappe, Gips und Draht her, die heute im Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt werden und mit denen das Haus in der U-Bahn-Station Hauptbahnhof-Süd für sich wirbt. Die Auftritte des Ehepaars als „Maskentänzer“ erregten Aufsehen, brachten aber nichts ein. Seit August 1923 teilten sie ihr Elend mit einem Sohn.

„Ich habe meinen Mann erschossen!“, teilte die 27-jährige Lavinia am 18. Juni 1924 ihren Nachbarn mit. Schon lief sie wieder fort, und die Nachbarn hörten einen Schuss. Die Polizei fand den 24-jährigen Walter mit einer Schusswunde im Hinterkopf und einer in der linken Schläfe. Die Polizei nahm an, dass er geschlafen hatte, als er starb. Lavinia erlag ihrer Kopfschussverletzung am nächsten Tag im Krankenhaus.
Bis heute wird die Legende von einem „romantischen Tod“ erzählt, die aus Mord und Suizid einen „Doppelfreitod“ macht. Walter Holdts Anteil an den Masken wird von Feministinnen gern unterschlagen. Lavinia Schulz ist die einzige Mörderin, die in Hamburg geehrt wird. (→ Wenn Frauen morden)
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1926
Zwei Mal sollte die Mauser-Pistole bei Familie Strasser in der Harburger Wallstraße einen tödlichen häuslichen Unfall verursacht haben. Beim ersten Mal hatte David Strasser erzählt, seine Frau Hilda habe ihm die Waffe reichen wollen, wobei sich der Schuss gelöst habe, der sie tötete. Die Polizei erkannte auf Suizid.
20 Monate später, am 30. Oktober 1926, sollte die Pistole losgegangen sein, als der 16-jährige Sohn Kurt eine Heizsonne aus der Abstellkammer holen wollte, wobei die daneben liegende Waffe heruntergerissen wurde.
Experimente eines Büchsenmachers mit der Mauser widerlegten diese Darstellung. Im Gespräch mit dem ermittelten Kommissar sagte der 14-jährige Sohn Egon, „dass sein Vater das selbst gemacht habe“.
Der 49-jährige David Strasser wurde zum Tode verurteilt. „Trotzdem wird die Vollstreckung nicht empfohlen, weil es sich um einen Indizienbeweis handelt, der, so schlüssig und lückenlos er an sich auch sein mag, doch menschlichen Irrtümern unterliegt“, fand das Gericht. „Dann hätte es eben die Schuldfrage verneinen müssen“, kommentierte Paul Schlesinger, der bedeutendste Gerichtsreporter seiner Zeit. Eine Hinrichtung ist nicht dokumentiert.
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1928
Ernst Hannack war einmal berühmter als der Verbrecher, dessen Bande er zeitweilig angehörte und der heute als krimineller Inbegriff der Epoche gilt: Adolf Petersen, der „Lord von Barmbek“, dessen Ruhm auf der Verfilmung seiner Autobiografie 1974 beruht. Dem Einbrecher und Raubmörder Hannack widmete die TV-Programmzeitschrift Hörzu bereits 1949 eine 13-teilige Serie. „Die Nacht war sein Revier“ überschrieb 1954 die BILD ihre 26 Artikel über Hannack.

Während er in erster Linie Wäsche stahl und nur gelegentlich goldene Ringe träumte der 27-jährige Hannack von einem großen Coup, einem Bankraub. Der erste Versuch in Winterhude schlug fehl. Er und seine Komplize, der 26-jährige Ernst Külsen flohen ohne Beute. In Barmbek-Nord sackten sie am 27. Juni 1928 4500 Mark ein, aber Hannack erschoss einen 49-jährigen Angestellten.

Mit Külsen und seiner „Verlobten“, der verheirateten 24-jährigen Anny Henze, tourte Hannack durchs Land und beging 99 nachweisbare Straftaten: Berlin, Rügen, Halle, Leipzig, München, Nürnberg, Stuttgart, Dresden, Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main. Hannack schickte Briefe mit poetischen Ergüssen an den Staatsanwalt: „Furchtbarer Hass umkrallte meine Seele.“
Zurück in Hamburg 62 weitere Einbrüche. Als sie sich mit falschen Pässen nach Südamerika absetzten wollten, wurden sie im Dezember in Amsterdam gefasst. 15 Jahre Haft für Hannack, 12 für Külsen und 15 Monate für Anny urteilte das Gericht.

Im Dezember 1932 floh Hannack aus dem Gefängnis, wurde im Februar 1933 gefasst, entwich aber aus der Polizeihaft. Im März wurde er auf dem Heiligengeistfeld erkannt, schoss um sich und entwischte über die Dächer an der Budapester Straße.
Im Sommer schloss er sich der Bande von Adolf Petersen an, der ihn an die Polizei verpfiff. Doch der Falle, die ihm im Oktober gestellt wurde, entkam er durch die Gassen von Pöseldorf. Wenige Tage später war es endgültig vorbei: Nach einer Schießerei in Bergedorf wurde Hannack verhaftet und schließlich am 3. März 1934 durch das Fallbeil hingerichtet. (→ Ballade vom Desperado)
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1931
Am Sonnabend, den 14. März 1931 fand in einem Gasthof in Kirchwerder eine Veranstaltung der KPD statt. Der als Redner vorgesehene Bürgerschaftsabgeordnete Etkar André war verhindert und wurde durch seinen Fraktionskollegen Ernst Henning, Jahrgang 1892, vertreten.
Zehn Minuten nach Mitternacht bestiegen Henning und sein Begleiter, der Verleger Louis Cahnbley, den Nachtbus nach Hamburg. Außer dem Fahrer und einem Schaffner waren weitere acht Fahrgäste an Bord, darunter ein Kind. Drei Männer, die an der Haltestelle Fünfhausen zugestiegen waren, gehörten zum SA-Sturm 14 aus Hammerbrook.
Einer der drei bedrohte Cahnbley mit der Pistole: „Sie sind der Kommunist André!“ Auch die beiden anderen zogen ihre Waffen. Der Fahrer wurde zum Anhalten gezwungen.
Ernst Henning hielt einem der Männer die Hand vor den Pistolenlauf: „Macht doch keinen Quatsch, das ist nicht André!“
„Und wer sind Sie?“
„Ich bin Henning.“
„Dich suchen wir schon lange!“
Cahnbley stand auf, der erste Schuss fiel und durchschlug ein Fenster. Ein Splitter zerstörte Cahnbleys linkes Auge. Insgesamt feuerten die SA-Männer zwölf bis 15 Mal. Ein Passagier wurde verletzt. Drei Schüsse trafen Ernst Henning im Rücken und in der Achselhöhle. Er starb noch im Bus.
Die Attentäter wurden verhaftet. Bei der nächsten Sitzung der Bürgerschaft am 18. März prügelten sich KPD- und NSDAP-Abgeordnete. Der Leichenzug von Ernst Henning zum Krematorium in Ohlsdorf am 21. März wurde zur Kundgebung, in deren Anschluss es zu Krawallen kam, bei denen die Polizei einen unbeteiligten 20-Jährigen erschoss.
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1933
Anita Rée wurde am 9. Februar 1885 als Tochter einer katholischen Venezolanerin und eines jüdischen Kaufmanns in Hamburg geboren. Als Frau war ihr ein akademisches Kunststudium verwehrt, sie nahm teure Privatstunden.
Sie war Mitbegründerin der Künstlervereinigung „Hamburgische Sezession“ und der GEDOK, der „Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“, dem ältesten Netzwerk weiblicher Künstler. Von 1913 bis 1922 befand sich ihr Atelier auf dem Dachboden ihres Elternhauses am Alsterkamp. Danach lebte Rée im italienischen Positano.
1925 kam sie zurück nach Hamburg. „Mein Schmerz, dieser wühlende, nicht zu lindernde Schmerz, wird größer von Tag zu Tag und untergräbt meine Gesundheit“, schrieb sie 1930. Als „artfremdes Mitglied“ wurde sie im April 1933 von der Hamburgischen Künstlerschaft ausgeschlossen.
„Ich kann mich in so einer Welt nie mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen“, notierte sie am 2. Dezember 1933 auf Sylt. Am 12. Dezember nahm sie sich mit Veronal das Leben.
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1934
Else Kleist kam 1931 aus dem mecklenburgischen Gülzow nach Altona. 1932 war sie Dienstmädchen beim Schriftsteller Hans Leip in Övelgönne, dem Text-Dichter des Weltkriegs-Hit Lili Marleen. Damals begann Else ein Tagebuch: „Wenn ich so nachdenke, habe ich in der ganzen Zeit in Hamburg herzlich wenig von meinem Leben gehabt, nur Arbeit. Meine ganze schöne Jugend geht so dahin.“
Am 16. Oktober 1934 wurde sie durch den Chauffeur ihres neuen Dienstherrn Alwin Reemtsma bei der Polizei als vermisst gemeldet. Um 21.30 Uhr am 14. Oktober, einem Sonntag, war die 27-jährige Köchin zuletzt in der Villa an der Flottbeker Chaussee gesehen worden.
In einer Schrebergartenkolonie unweit der Villa wurde am 18. November ihre Leiche entdeckt. Else Kleist war erstochen worden. Der Verdacht fiel auf den Verlobten, den arbeitslosen 38-jährigen Fridolin Becker. Er war vorbestraft wegen Betrugs, Bettelei und Exhibitionismus. Sein verstorbener Vater war mit dem Ersten Bürgermeister Carl Vincent Krogmann befreundet gewesen, der ihm die Stellung in einem Kontor verschaffte, aus der Becker alsbald wieder gefeuert wurde.
Im April 1935 wurde Becker aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Beweise reichten nur für eine Verurteilung zu acht Monaten Haft, weil er Else Kleist um Geld betrogen hatte. Weil er eine weitere Frau geprellt und bei der Arbeit Geld unterschlagen hatte, saß Becker zwei Jahre ein.
Als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ und „Volksschädling“ drohte Becker die Einweisung ins Konzentrationslager. Kommissar Gottfried Faulhaber nahm ihn sich noch einmal vor. Ein Prozess, die Verurteilung wegen Totschlags, das Zuchthaus könnten das Prozedere verzögern, stellte er Becker in einer Pause des förmlichen Verhörs am 10. August 1938 vor.
Und Becker gestand. Er habe Else Kleist an jenem Sonntag gegen 22 Uhr vor dem Gartenlokal an der Flottbeker Chaussee getroffen. Sie machte ihm Vorhaltungen und forderte Geld von ihm zurück. Er stach mit seinem Klappmesser auf sie ein.
Am 7. August 1939 wurde Becker zu 15 Jahren Haft verurteilt. Beim „Zuchthausbombenbergungskommando“, das nach Blindgängern suchte, wurde er im März 1941 schwer verletzt. Schließlich kam er doch ins KZ, nach Mauthausen, wo er am 7. Januar 1943 starb, angeblich durch „Herzschlag“.
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1936
Vom 2. Oktober 1936 bis zum 1. April 1937 unternahm der 30-jährige Französisch-Lektor aus Dublin Samuel Beckett, der 1969 den Nobelpreis für Literatur erhielt, eine Reise, die ihn in 18 deutsche Städte führte. Seine erste Station war Hamburg.
In einem „Memo Book“ zeichnete er in einer Mischung aus Deutsch und Englisch auf, was er unternahm und ihm begegnete. Er kam in einer Pension in der Schlüterstraße an der Universität unter. Wo das 1943 zerbombte Haus stand, erinnert heute eine Gedenktafel an Becketts neun Wochen in der Stadt.
Das Frühstück nahm er gewöhnlich in der Stadtbäckerei am Gänsemarkt ein. Dann war er auf dem Hauptpostamt. Aber von den Verlegern, an die er seinen ersten Roman Murphy geschickt hatte, erhielt er nur Absagen. Er lernte die Reeperbahn ebenso kennen wie Blankenese und umrundete mehrmals „the 2 Alsters“, die er „lovely“ fand. Der St.Pauli-Elbtunnel von 1911 erinnerte ihn an einen expressionistischen deutschen Stummfilm. Er besuchte das Grab von Friedrich Gottlieb Klopstock in Ottensen. (→ Bilder aus Hamburgs Geschichte I)
Elf Mal war Beckett in der Kunsthalle, sieben Mal im Museum für Kunst und Gewerbe. Beckett verkehrte in den Kreisen der Künstler, deren Werke gerade von den Nationalsozialisten als „entartet“ verboten wurden.
Im Ufa-Palast am Gänsemarkt bei einer Rede des später als Kriegsverbrecher verurteilten Werner Lorenz kam Beckett in direktem Kontakt mit dem Regime. „I stretched out the wrong arm to Horst Wessel & Haydn“, notierte er in sein „Memo Book“.
Ein literarischer Widerhall seines Hamburg-Aufenthalts findet sich in der Erzählung Erste Liebe von 1945. Er schilderte den Friedhof Ohlsdorf und bemerkte über die Skulptur eines Löwen auf den Grab von Carl Hagenbeck: „Der Tod musste wohl das Gesicht eines Löwen haben, für Hagenbeck.“
Am 4. Dezember 1936 verließ Beckett Hamburg mit dem Zug Richtung Lüneburg. (→ Beckett in Hamburg)
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1938
Reichsführer-SS Heinrich Himmler, seit 1936 auch der Chef der deutschen Polizei, schuf 1937 das Amt des Höheren SS- und Polizeiführers, dem eine Schlüsselrolle bei der Durchführung des Holocaust zukam. Dienstsitz des HSSPF in Hamburg war eine 1906 für die Witwe des Kaufmanns Carl Laeisz gebaute Villa am Harvestehuder Weg. Erster Amtsinhaber wurde am 28. Juni 1938 Hans-Adolf Prützmann.
Am 31. August 1901 in Ostpreußen geboren studierte Prützmann Landwirtschaft in Göttingen. Er gehörte einem Freikorps an, war seit 1929 in der SA, seit 1930 in der NSDAP und der SS. Er hatte ein Mandat im Reichstag und bekleidete das Amt eines Senators in der durch den Reichsstatthalter Karl Kaufmann praktisch entmachteten Hamburger Regierung.
Als HSSPF in Ostpreußen war Prützmann einer der SS-Generäle, mit denen Himmler im Juni 1941 in der Wewelsburg bei Paderborn die Massenerschießungen plante, die den wenige Tage später beginnenden Einmarsch in die Sowjetunion begleiteten.

Zu Prützmanns Stab als HSSPF für Russland in Riga gehörten der Hamburger Zigarettenfabrikant und SS-Sturmbannführer Alwin Reemtsma und Georg-Henning Graf von Bassewitz-Behr. Der Graf war der letzte HSSPF in Hamburg, Reemtsma sein persönlicher Referent.
Seit Herbst 1943 hatte Prützmann den neu geschaffenen Posten eines Höchsten SSPF in Kiew inne. Seine „Kampfgruppe Prützmann“ wehrte sich im Januar 1944 in Rowno gegen die Sowjetarmee. Am 19. September 1944 berief Himmler Prützmann zum „Generalinspekteur für Spezialabwehr“, einer Partisanen-Truppe, die als „Werwolf“ legendär wurde.
Prützmann gehörte zu den letzten 15 Getreuen, die Himmler am 5. Mai 1945 in der Marineschule Mürwik bei Flensburg um sich versammelte. Der „Reichswerwolf“ war am 15. Mai der erste Gast in der früheren Pension in der Uelzener Straße in Lüneburg, wo der britische Geheimdienst hochrangige Nazis verhörte. Zwei Tage später schluckte er Blausäure – wie sein Chef, der am 23. Mai im selben Raum starb. (→ Tod im Erkerzimmer)
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1945
Im September 1943 wurde die als „Weiße Rose Hamburg“ bekannte Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime zerschlagen. Zehn der über 30 Mitglieder wurden ermordet oder starben in der Haft und an deren Folgen. Sie waren verraten worden.
Auch im Gefängnis im Stadthaus, im Keller des damaligen Polizeihauptquartiers, betätigte sich der Verräter als Spitzel. Geboren am 16. September 1906 in Paris als Sohn des jüdischen Juweliers Ettinghausen konvertierte er zum Katholizismus und nannte sich nach seiner Mutter.
Maurice Sachs war Sekretär und wahrscheinlich auch Liebhaber des Dichters und Filmemachers Jean Cocteau und des Schriftstellers André Gide. Anfang der 1930er Jahre betätigte er sich als Radiomoderator in den USA. Dann schmuggelte Menschen aus dem besetzten in den unbesetzten Teil von Frankreich.

Im November 1942 kam Sachs nach Hamburg. Als Homosexueller und nach NS-Verständnis „Halbjude“ war das ein geradezu suizidaler Schritt. Zunächst arbeitete er im Hafen und wohnte in einem Lager in Finkenwerder. Der Kontakt zur Gestapo im Sommer 1943 ermöglichte ihm den Umzug in eine Pension in der Alten Rabenstraße in Pöseldorf.
Erst spionierte Sachs seine in Hamburg lebenden Landsleute aus. Der Fotograf Herbert List, den er aus Paris kannte, führte ihn bei der „Weißen Rose“ ein.
Sein Verrat zahlte sich nicht aus. Am 12. April 1945 war Sachs einer 5000 Gefangenen eines „Todesmarsches“ nach Kiel-Hassee. Wer nicht weiter konnte, wurde erschossen. Bei Wittorferfeld, sechs Kilometer vor Neumünster, wurde Sachs am 14. April durch einen belgischen SS-Mann erschossen. (→ Tod am Straßenrand)
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1947
Peter Heinrich Cäsar Steinhauer war Prokurist eines „kriegswichtigen“ Hamburger Unternehmens für Kunstfasern gewesen, das unter anderem im ersten Außenlager des KZ Neuengamme in Wittenberge bei Brandenburg durch Zwangsarbeiter Zellulose produzieren ließ.
Nach dem Zusammenbruch 1945 wurde der 35-Jährige Unternehmer in der boomenden Schattenwirtschaft, dem Schwarzhandel. Der serbische Journalist Peter Nikolitsch war einer seiner Geschäftspartner. In einem Fahrzeug der US-Armee bewegte sich der 34-Jährige ungehindert zwischen den Besatzungszonen.
Vielleicht weil Nikolitsch Steinhauers Frau Avancen machte, plante dieser einen Mord, den der zehn Jahre jüngere Schmiedegeselle Robert Herbert Heinrich Amelung ausführen sollte, der Schulden bei ihm hatte.
Nach einem Saufgelage in der Wohnung von Nikolitschs Geliebter, der 40-jährigen Maria Mohr in der Isestraße stiegen die drei Männer am Abend des 30. Oktober 1947 in Nikolitschs Auto, das sein Besitzer steuerte. Nördlich des Stadtparks, auf der Bebelallee, die vordem Adolf-Hitler-Straße hieß, ließ Steinhauer anhalten. Vom Rücksitz aus schlug Amelung mit einem Gummihammer Nikolitsch den Schädel ein. Die mit Ziegelsteinen beschwerte Leiche wurde in der Außenalster versenkt.
Durch eine Freundin, gegenüber der sich Amelung verplapperte, erfuhr die Polizei von der Tat. Das britische Militärgericht, das in der Dammtorstraße tagte, verhängte am 5. Februar 1949 Todesurteile gegen Steinhauer, Amelung und Mohr. In der Berufung wurde die Frau jedoch freigesprochen.
Am 9. Mai 1949 fanden die letzten Hinrichtungen in Hamburg statt, indem Steinhauer und Amelung unter die Guillotine gelegt wurden. Mit der Gründung der Bundesrepublik am 23. Mai war die Todesstrafe abgeschafft.
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1957
Am 30. Juli 1960 wurde der Paragraf 130 des Strafgesetzbuches neu gefasst, der eine Tat ahndet, die „geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören“. War damit bisher nur Klassenhetze gemeint, wurde nun jeder Angriff gegen eine „nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe“ als Volksverhetzung mit bis zu fünf Jahren Haft oder Geldstrafe bedroht.
Auslöser für diese Neufassung war die 39 Seiten starke Broschüre des Holzhändlers Friedrich Nieland (1896–1973) aus Hamburg-Wellingsbüttel gegen „die ungeheuerliche Lüge über die Vergasung und Abschlachtung von sechs Millionen Juden durch Deutsche“. Das Pamphlet mit dem Titel Wieviel Welt (Geld)-Kriege müssen die Völker noch verlieren? war an alle Minister und Parlamentarier des Bundes und der Länder verschickt worden. Am 4. April 1957 machte der Hamburger SPD-Abgeordnete Helmut Schmidt die Causa zum Thema im Bundestag.
Nielands Schrift war in Stade von Adolf Heimberg (1881–1971) verlegt worden. Dieser propagierte seit 1921 das „Ario-Germanentum“ und gehörte zum „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“, der in die Ermordung des Reichsaußenministers und Juden Walter Rathenau 1922 verwickelt war.
Es gab auch noch einen Justiz-Skandal, denn im November 1958 hatte der Direktor des Hamburger Landgerichts Dr. Enno Budde (1901–79) die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Nieland nicht zugelassen, und das Oberlandesgericht stimmte ihm am 6. Januar 1959 zu. Die Juristen machten sich unter anderem Nielands Unterscheidung zwischen dem jüdischen Volk und dem „Internationalen Judentum“ zu eigen.
Erst seit 1994 ist es strafbar, was Nieland ebenfalls getan hatte, nämlich Handlungen des NS-Regimes „öffentlich oder in einer Versammlung [zu] billigen, leugnen oder verharmlosen“.
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1978
Am 20. Mai 1978 marschierten 20 Neonazis, einige davon mit Eselsmasken, durch den Hamburger Hauptbahnhof und hielten Schilder hoch: „Ich Esel glaube noch, dass in deutschen KZs Juden ‚vergast‘ wurden“. Angeführt wurden sie von Edgar Geiss (1929–92).
Drei Monate vorher war ein Foto von Geiss durch die Weltpresse gegangen: Am 13. Februar hatte er bei der Beerdigung von Herbert Kappler den Hitler-Gruß gezeigt. SS-Mann Kappler hatte am 24. März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen in Rom als Vergeltung für ein Attentat von Partisanen 335 Geiseln erschießen lassen, wofür er 1948 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Im August 1977 war ihm unter ungeklärten Umständen die Flucht aus Italien gelungen. Das Haus seiner Frau in Soltau wurde zum Wallfahrtsort von Neonazis.
Geiss war Autor der Zeitschrift Bauernschaft. Deren Herausgeber war der Kieler Buchhändler Thies Christophersen (1918–97). Er hatte als Waffen-SS-Mann im KZ Auschwitz gedient und 1973 die Broschüre Auschwitz-Lüge verfasst.
Unter den Neonazis im Hauptbahnhof war ein weiterer Autor der Bauernschaft. Michael Kühnen (1955–91) hatte im November 1977 in Wandsbek die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ gegründet, gegen die 1978/79 das Oberlandesgericht Celle in Bückeburg als Terrorbande verhandelte. Kühnen wurde für Volksverhetzung verurteilt, fünf seiner Kameraden für drei Raubüberfalle. Einer von diesen wurde 2012 Vorsitzender der NPD.
Kühnen war zeitweilig Untermieter von Geiss in Beckdorf bei Buxtehude, wo auch ein weiterer der Neonazis vom Hamburger Hauptbahnhof ein und aus ging: Christian Worch, Jahrgang 1956, veranstaltete seit Ende der 1980er Jahre immer wieder Aufmärsche und Kundgebungen im ganzen Bundesgebiet, vor allem aber in Harburg. 2012 bis 2017 war er Vorsitzender der von ihm gegründeten Partei „Die Rechte“. (→ Braune Biografien)

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