Carl Gustav Bensel war ein Protagonist des „Neuen Bauens“
Es sei „erschreckend, wie wenig man heute noch von solchen, zu ihrer Zeit prägenden Persönlichkeiten weiß“, sagte der Architekturhistoriker Jan Lubitz über Carl Gustav Bensel. Er war ein über die Stadtgrenzen hinaus prominenter Vertreter des „Neuen Bauens“.
„Die Form folgt der Funktion“ war die Maxime dieses Stils, der sich gegen Verzierungen und Ausschmückungen wendete. „Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit“, spitzte Adolf Loos 1908 in dem Essay Ornament und Verbrechen zu. „Nicht mehr ein dekoratives Kleid entsteht“, erklärte C. G. Bensel 1927, „es entsteht geformter Raum.“
Eine Zeitung würdigte Bensel zu seinem 60. Geburtstag 1938, dass er „in einem langjährigen Wirken durch zahlreiche von ihm ausgeführter Groß- und Monumentalbauten einen großen Einfluss auf die Gestaltung des modernen Stadtbildes von Hamburg ausgeübt hat“. Im Mai 2025 erwähnten die Medien ihn nicht, als sie meldeten, dass sein 1922 erstelltes Karstadt-Gebäude in Wandsbek als neuer Standort des Bezirksamts vorgesehen ist. Für vier Jahre ist die denkmalgeschützte Fassade eingerüstet.
Carl Bensel wurde am 3. April 1878 als ältester Sohn eines Eisenwarenhändlers im westfälischen Iserlohn geboren. Als Student wechselte er von Philosophie und Kunstgeschichte zur Architektur, der er sich von 1897 bis 1902 an den Technischen Hochschulen in Berlin-Charlottenburg und Dresden widmete.
Nach einer Ausbildung zum Regierungsbaumeister bei der Preußischen Eisenbahndirektion in Altona übernahm er 1905 die Leitung der Eisenbahnhochbauabteilung in Krefeld. Die sichere Beamten-Laufbahn gab er 1910 auf und machte sich in Düsseldorf als Architekt selbstständig. Erste Aufträge kamen aus der Heimatstadt seiner Ehefrau, der Tochter des Hamburger Baupolizeiinspektors Wilhelm Daniel Vivié.
Hamburg entwickelte sich gerade zwangsweise und sprunghaft zur Großstadt. „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, in der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße“, schrieb Robert Koch 1892. „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“ Ein Ausbruch der Cholera forderte mehr als 8600 Tote.
Baudirektor → Kurt Schumacher ließ das verseuchte „Gewirr kleiner Gassen“ zwischen dem Rathaus und dem 1906 eingeweihten Hauptbahnhof dem Erdboden gleich machen und oberhalb der neuen U-Bahn-Trasse ab 1908 die Mönckebergstraße anlegen. Sie wurde von Kontorhäusern gesäumt.
Diese enthielten anders als frühere Kaufmannshäuser keine Wohnungen und Lager sondern ausschließlich Büros und Läden. Ihre Konstruktion ging auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Mieter ein, indem sie offene Grundrisse mit tragenden Pfeilern kombinierte, so dass die Nutzflächen variabel arrangiert werden konnten. Durch Zentralheizung und Stromversorgung waren die Kontorhäuser auf dem letzten technischen Stand.

Aktuell gibt es rund 140 von ihnen in der Innenstadt. Ihr Prototyp war der 1885/86 von Rathaus-Architekt → Martin Haller entworfene und 1967 abgerissene „Dovenhof“ an der Brandstwiete. In ihm kam erstmals der 1876 in London erfundene „continuous elevator“ zum Einsatz. Der Paternoster-Aufzug wurde zur Grundausstattung hanseatischer Geschäftshäuser.

Der Architekt und Immobilienmakler Franz Albert Bach betraute Carl Bensel 1911 und 1912 mit den Fassaden von drei Kontorhäusern an der Mönckebergstraße. Das „Haus Roland“ fiel den Bombardements im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. „Das „Südseehaus“ ist seit 1949 Sitz des Modeunternehmens Peek & Cloppenburg.

Der „Hubertushof“ trägt seit Anfang der 1920er den Namen eines ehemaligen Hauptmieters, der Reederei „Deutsche Levante-Linie“. Aus dem „Levantehaus“ wurden von 1995–97 eine Einkaufspassage und ein Luxushotel. Nach einer weiteren Umgestaltung eröffnete das Hotel im September 2025 neu.
Gemeinsam mit F. A. Bach baute Bensel 1912 das damals einzige Kaufhaus an der „Mö“, die Filiale von Karstadt. Ebenfalls erhalten ist das Kontorhaus in der Bugenhagenstraße, das entstand, während Bensel 1913 nach Hamburg übersiedelte. Im „Bugenhagenhaus“ richtete er sein eigenes Büro ein.

Im „Bugenhagenhaus“ unterhielt Bensel sein eigenes Büro
Eine Zeitung attestierte Bensel 1914, dass er „für die moderne Gestaltung von Straßen außerordentlich befähigt“ sei und „ein feines Verständnis sowohl für Monumentalbauten in der Großstadt wie für Privatgebäude in unserem norddeutschen Flachlandgebiet besitzt“. In dem Jahr erhielt Bensel den Zuschlag für das Design des Heizkraftwerks Tiefstack. Die Ausführung mitten im Ersten Weltkrieg erfolgte ohne ihn. Der 36-Jährige war im August 1914 eingezogen worden und überstand den Krieg als Artillerieoffizier in Südosteuropa.
Bensel engagierte sich im Berufsverband Bund Deutscher Architekten, seit 1925 als Vorsitzender des Landesbezirks Norden, dessen Geschäftsstelle sich wie sein Büro im „Bugenhagenhaus“ befand. Auch als Theoretiker des „Neuen Bauens“ machte Bensel sich einen Namen.
Mit Peter Johannes Kamps (1890–1943), der schon in Düsseldorf sein Gehilfe war, ging Bensel 1924 eine Partnerschaft ein. Kamps zeichnete vor allem verantwortlich für die Kirchen, die 1926/27 in Dulsberg, 1928/29 in Billstedt und 1929/30 in Othmarschen entstanden.

Als die Sozietät einen Wohnblock an der Barmbeker Lachnerstraße plante, gehörte ihr → Bernhard Hermkes an, der spätere Erbauer der Großmarkthallen und des Audimax. Bensel & Kamps gründeten 1928 mit Kaufleuten und anderen Architekten, unter ihnen → Karl Schneider, die Gesellschaft „Rationell“, die Wohnungen in Winterhude und Fuhlsbüttel errichtete. Für Bensel & Kamps baute Heinrich Amsinck (1892–1968), Spross einer alten Hamburger Familie, das Lokal des Polo-Club in Klein-Flottbek und wurde 1929 als Partner aufgenommen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat Bensel unter der Nummer 3038512 der NSDAP bei, außerdem der NS-Volkswohlfahrt und einem SS‐Reitersturm. Doch 1936 schloss die Partei ihn aus, weil er bei seinem Eintritt verschwiegen hatte, dass er zwischen 1919 und 1926 in der Freimaurerloge „Zum Pelikan“ gewesen war. Bis 1940 bemühte sich Bensel bei den Parteigerichten so hartnäckig wie vergeblich um Wiederaufnahme.
Wirtschaftlich überlebten Bensel, Kamps & Amsinck durch Landhäuser, die sie mit den ideologisch genehmen Reetdächern versahen. Und sie schufen weiter Kirchen: 1933/34 in Volksdorf, 1935 in Langenhorn, 1935/36 in Rissen und 1937/38 in Altona. „Deutscher Geist in Hellas“ titelte eine Zeitung über eine zu Ostern 1934 in Athen eingeweihte Kirche von Bensel.

„Hallische Nachrichten“ vom 30. Juni 1934
Im Zweiten Weltkrieg stellte das Architekturbüro den Betrieb ein. Bei seinem Entnazifizierungsverfahren 1946 führte Bensel zur Entschuldigung seinen Parteiausschluss an und wurde als „unbedenklich“ eingestuft. Am 10. November 1949 starb er mit 71 Jahren. In Allermöhe ist ein Weg nach ihm benannt. Ein Gutachten über die NS-Belastung von Straßennamen kam 2017 zu dem Schluss: Bensel „sah sich als überzeugten Nationalsozialisten“.
(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Herbst 2025)
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