Auf dem Richtstuhl

Die Tür ist in Springweite. Die Angeklagten müssen nur aus dem Stuhl hoch, sich zur Seite drehen und können abhauen. Wer flieht, ist selber Schuld.

In diesem Saal werden einmal die Woche die alltäglichen Straftaten gerichtet. Ihn eine „Richtstätte“ zu nennen, wäre maßlos übertrieben, aber nicht falsch.

Manche Angeklagte oder Zeugen merken allerdings gar nicht, wo sie sind und kaspern herum wie daheim auf dem Sofa. Doch das ist selten. Die meisten tragen eine Schuld, die auf die eine oder andere Weise geahndet werden soll.

Zwar ähneln Gerichtsverhandlungen oft schlichten Verwaltungsvorgängen, bei denen Akten aktualisiert werden. Am Ende aber wird immer ein Urteil gefällt, wird bestraft. Weil das weh tut, sind die Angeklagten in der Regel ohne weitere Umstände zur Tür hinaus, sobald der Prozess abgeschlossen ist.

Ulf K. traut sich nicht, einfach aufzustehen und das Weite zu suchen.

„Bitte, Sie dürfen jetzt gehen“, erinnert ihn die Richterin freundlich, aber beiläufig. Er traut sich immer noch nicht.

Der Staatsanwalt muss seine Zustimmung nicht geben, aber K. wartet, bis auch dieser signalisiert: Ich bin mit Ihnen fertig.

K. springt auf, erleichtert, dass es vorbei ist und huscht hinaus.

Anfangs hatte der 35-jährige Hafenfacharbeiter sich in den Stuhl gefläzt, scheinbar gelassen. Personalien, die Anklage, Formalien. Der Angeklagte hat keinen Anwalt, das erledigen Richterin, Staatsanwalt und Urkundsbeamter ohne weitere Umstände. Bevor K. begriffen hat, dass es so weit bis, wird es ernst.

Er hat seine Story parat. In einer Dezembernacht kam er aus der Gastwirtschaft. Volltrunken, keine Ahnung mehr, wie viele Bier es waren. Steht noch am Auto, als auf der anderen Straßenseite seine Ex-Frau mit einem Mann vorüber geht. Sie sagt etwas wie: „Das ist er!“

K. fühlt sich angesprochen, „provoziert“. Es gibt Gerangel. Jetzt soll er dem Gericht erklären, warum er seine Ex-Frau schlug.

„30 Tagessätze sind ein Geschenk für eine Körperverletzung gegenüber einer Frau“, stellt die Richterin klar. Darauf lautete der Strafbefehl, den die Staatsanwaltschaft für „Tat und Schuld angemessen“ hielt. Wogegen K. Widerspruch einlegte.

Das sieht er gar nicht ein! An Schläge für die Ex kann er sich nicht erinnern, sagt er. Aber dass deren mutmaßlicher „Neuer“ ihn getreten habe, als er am Boden lag, weiß er genau.

„Wie lange ist die Trennung her?“, fragt die Richterin.

„Zwei Jahre.“

„Und alles gut verlaufen, keine Probleme damit, sagen Sie?“, hakt die Richterin nach.

„Ja“, sagt er wieder.

„Und dann fühlen Sie sich provoziert, wenn sie zu jemand sagt: Das ist er…?“

K. hat gedacht, es ginge zu wie daheim. Er erzählt seine Geschichte und ist fein raus.

Die Richterin hat Zeugen geladen. Die müssen nicht mehr aussagen. Nach einer Viertelstunde will K. nur noch, dass es aufhört.

Will keine Fragen mehr beantworten müssen, auf die er keine Antwort hat; Fragen, die schon weh tun, weil sie Sachverhalte betreffen, die nicht zu begreifen er sich gewöhnlich abmüht.

Ihn interessiert bloß noch, ab wann eine Geldstrafe zur Vorstrafe wird, die im polizeilichen Führungszeugnis auftaucht.

90 Tagessätze, klärt ihn die Richterin auf. Und die könnten angemessen erscheinen, setzt sie hinzu, wenn die Ex, ihr Freund und die Gastwirtin, die den Vorfall beobachtet hat, eine noch üblere Geschichte erzählen, als sie sowieso aktenkundig ist.

„Sind Sie Alkoholiker?“, fragt die Richterin gerade heraus. K. verneint, als sei das gar keine Frage.

Die Richterin blättert in seiner Akte. Keine Vorstrafen, aber drei Mal Bußgelder für Trunkenheit im Verkehr.

Am liebsten würde K. fliehen, traut sich aber nicht, überhaupt noch etwas zu sagen. Auch der Staatsanwalt lässt keinen Zweifel daran, „dass bei Gericht Geschenke nicht zwei Mal gemacht werden“.

Schließlich zieht K. seinen Einspruch zurück und akzeptiert das Monatsgehalt als Sühne für den Schlag.

Er sitzt immer noch da. Kommt da noch was? Überlegen sie es sich vielleicht noch anders? Nein, das war es. Da ist die Tür.

© Uwe Ruprecht

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