Eine prädigitale Mutter der Verschwörungstheorien

Sechs Jahre lang bot der Fall Diskussionsstoff für die Gebildeten Europas; im Winter 1833 war er endgültig eskaliert. Der vorherrschenden Theorie nach handelte es sich um ein Staatsverbrechen. Republikanische Kreise sahen darin ein eklatantes Exempel für die grundsätzliche Menschenfeindlichkeit des Adels.

Im Februar 1834 erschien in Straßburg eine Broschüre, die einem Polizeibericht zufolge »auffallend reißenden Absatz« fand. Der kurz zuvor aus deutschen Landen geflohene Journalist Joseph Heinrich Garnier interpretierte in Einige Beiträge zur Geschichte Kaspar Hausers die Angelegenheit revolutionär und illustrierte mit ihr die Verderbtheit des Hochadels, zu dem Hauser scheinbar als badischer Prinz und tatsächlich durch einen mitwirkenden englischen Lord Verbindung hatte.

Ein Messer sprach das letzte Wort in der Geschichte des Jünglings, der bis zu seinem 16. oder 17. Jahr so gelebt haben wollte, wie Georg Büchner die Gesellschaft ihrer Zeit an sich schilderte: »im Kerker geboren und großgezogen … mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde«. Das »Kind von Europa«, dem Freiheit, Licht und Sprache vorenthalten worden sein sollten, starb an einem Dolchstich, den es am 17. Dezember 1833 im Ansbacher Hofgarten erhalten – oder sich selbst zugefügt hatte.

Die Republikaner waren nur eine der Strömungen und Gruppen der Zeit, die in der Figur Hauser eigene Züge wiederzuerkennen meinten. Pädagogen und Juristen, Politiker und Journalisten aller Couleur spiegelten sich in ihm. Hauser stand für ein »Menschheitsverbrechen«, wie man es sich damals vorstellen wollte und konnte. Nach Auschwitz erscheinen die für den Hauser-Kult aufgewendeten Gefühle erst Recht als romantische Projektion. Was Hauser angetan sein sollte, fühlte man sich »in effigie« selbst angetan, eingekerkert und geknebelt. In Hauser bemitleidete und bewunderte man sich selbst.

Hauser als Projektionsfläche bewährte sich nicht nur in seiner Zeit, sondern weit darüber hinaus. Gleich zwei Mal wurde die allerneueste Weisheit der Wissenschaft vom Menschen, die Genetik, zur Lösung des Rätsels herangezogen, ob die hauptverdächtige Familie und besonders eine Frau und Mutter für das Staatsverbrechen verantwortlich zu machen wäre.

Der Vordenker der Kriminalpsychologie, Paul Anselm Ritter von Feuerbach, Präsident des Appellationsgerichts in Ansbach, entwickelte die Spekulation, Hauser sei ein vertauschter Sohn von Badens Thron. Als Schrift eines anderen hätte Feuerbach die eigene Beweisführung kaum überzeugt. Er war wie offenbar alle, die mit Hauser persönlich Umgang hatten, seinem Zauber erlegen.

Für Feuerbachs Faszination drängen sich Indizien in seiner eigenen Biografie geradezu auf. Bei den aktenmäßigen Fällen, die er zur Zeit seiner Bekanntschaft mit Hauser zusammenstellte, bewahrte er Distanz zu den dargelegten Tatsachen. Im Fall Hauser schuf er diese selber. Er nahm sich des mutmaßlichen Opfers in personam an.

Feuerbach war angeschlagen. Im Vorjahr war sein Vater gestorben. Wie früher er selbst war sein Sohn Karl den Staatsschützern aufgefallen und wurde als Hochverräter in Haft genommen. Nach der Entlassung versuchte er mehrmals, sich das Leben zu nehmen, zog sich von der Welt in sich zurück und fiel in das, was vornehm »geistige Umnachtung« genannt wurde.

»Gemütskrank« war auch Feuerbachs Tochter Helene. Sohn Ludwig allerdings war derjenige, dessen Gedanken Marx aufgriff. Der erste, der unmissverständlich aussprach, dass die Menschen die Götter nach ihrem Bilde gemacht haben.

Wie der Gerichtsrat Feuerbach lebten sich in allen Begebenheiten um Hauser die daran Beteiligten ganz in ihnen aus. Sein erster »Lehrer« Daumer machte einen pädagogisch-metaphysischen Hampelmann aus Kaspar, den Rudolf Steiner später beifällig zitierte. Der Magnetismus des Monsieur Mesmer war in der deutschen Provinz als Mode angekommen und funktionierte wie der allmählich erblühende Spiritismus als Gesellschaftsspiel ganz hervorragend. Was sich E. T. A. Hoffmann satirisch überspitzt ausgedacht haben könnte, wurde mit Hauser vor Publikum ausprobiert.

Für Professor Daumer bewies sich der tierische Magnetismus seines Schützlings durch die Katze, die sich »zwar im Zimmer berühren und tragen lassen, nie und von niemand aber, wenn sie im Freien war. Sowie dagegen Hauser in den Garten kam, lief sie auf ihn zu, wenn nicht etwa andere Leute sie abschreckten, ließ sich von ihm ergreifen und herumtragen.«

Wäre Hauser das misshandelte Kind gewesen, als das er Daumer in die Hände fiel, hätte die Geschichte anders weiter gehen müssen. Ein Wesen mit der vermeintlichen Biografie wäre als Spielzeug bald zerbrochen.

Kaspar Hauser (Zeichnungen: urian)

Die ersten kritischen Anmerkungen zur Causa stammten von einem der frühen Kriminalisten aus der bis ins nächste Jahrhundert hinein führenden Berliner Schule. Er wusste nur, was er den Zeitungen entnehmen konnte – und stellte die nächstliegenden, bis heute unbeantworteten Fragen, die man in Hausers jeweiligem Umfeld partout nicht hören wollte. Nicht einmal Kollege Feuerbach hörte hin. Wer das Aufhebens um den Jüngling übertrieben fand, galt als herzlos.

Die Beweislage für jede der vermeintlichen Fakten ist lächerlich dürftig. Was den Mythos zusammenhält, sind allein die Überzeugungen der Fährtensucher. Und Hauser hat für alle etwas zu bieten. Wenn ein Verbrechen, dann ein Menschheitsbetrug, bei dem die Menschheit selbst den wesentlichen Beitrag durch die eigene unbedingte Gläubigkeit geleistet hat.

Indem man Hauser bedauerte um das, was ihm entgangen sein sollte, »die Welt«, beglückwünschte man sich zugleich zu den eigenen Verhältnissen, die für die allermeisten anderen, die den Fall nicht in den illustrierten Blättern verfolgten, gar nicht so wundervoll waren. Zwischen denen, die ihn als Wunderkind begafften, und Hauser selbst bestand kein prinzipieller, nur ein gradueller Unterschied in der Entbehrung von Sprache, Kultur, Luft, Freiheit. Für die Mehrheit der Bevölkerung war »die Welt« ein Kerker wie der Hausersche, in Wahrheit wie im Bild.

Im dunklen Viereck, gerade so breit, um mit ausgestreckten Armen die Wände zu berühren, nur stundenweise ein Schimmer von Licht durch einen Mauerspalt. Ernährt nur mit Wasser und Brot. Allein ein Spielzeugpferd zur Unterhaltung. Reiter wolle er werden, wie sein Vater einer war, lautete eine seiner Auftrittsformeln.

Ein »wilder Mensch«, wie ihn Rousseau nicht besser erdacht haben könnte, nur ohne exotische Zutat. Kein Südsee-Insulaner oder sonst ein Urmensch mit Zotteln, sondern ein einigermaßen manierlich gekleideter Jüngling. Und gar nicht so albinohaft, wie er hätte sein müssen, wäre seine Legende auch nur ansatzweise wahr: unterernährt, weiß und rotäugig, ein Gespenst, ein Klappergerippe wie der Monsieur Seurat, das lebende Skelett, das in Straßburg zur Schau gestellt wurde.

Als »possierlich und pudelnärrisch« beschrieb ein Schuster Hauser bei seinem ersten Auftritt am 26. Mai 1828 in Nürnberg. Man hätte ihn beim Wort nehmen sollen. Treffenderes wurde seither nicht gesagt. Man wollte einen »Wundermenschen«, und man bekam ihn. Bereits mit seiner erneuten Einkerkerung im Zuge der polizeilichen Untersuchung wurde Hauser zur Attraktion und blieb es. Bevor auch nur einer kritischen Frage nachgegangen worden wäre, erklärte der Bürgermeister Hauser zum Opfer und die Verantwortung für ihn zur Staatsangelegenheit.

Und er blieb auf eine Weise Opfer. Auch Vormünder nach Daumer modelten an ihm nach Gutdünken und mit Eifer herum. Der eine unterwarf ihn seinen Idealen von Disziplin und Strebsamkeit, die andere bediente ihn wie eine lebende Puppe. Hinzu kamen Pastoren und Rittmeister, Zeitungsschreiber und reisende Damen, die eine Locke von ihm haben wollten. Viele wie Feuerbach machten sich einen ausgefeilten Reim auf das Phänomen. Wo immer Hauser hinkam, entspann sich ein Drama, wie es im Buche steht und seither immer wieder aufgeschrieben wurde.

Feuerbach hatte keinen einzigen stichhaltigen Beleg für seine Prinzen-Theorie. Dass es sich ausgerechnet um Baden als Tatort handeln soll, beruht allein darauf, dass es unter allen in Frage kommenden Dynastien hier eine einzige mögliche Konstellation gab, in der ein Kindstausch, der selbst im Mittelalter nicht so häufig vorkam wie die Märchen glauben machen wollen, scheinbar Sinn machte. Die Erklärung dazu bildet in jedem Hauser-Buch das längste Kapitel, weil die Hypothese ganz weit hervorgeholt werden muss. Zur Stützung seiner Argumentation zitierte Feuerbach allen Ernstes einen Traum Hausers von einem Schloss.

Kaspar Hauser (Zeichnungen: urian)

Ein neueres und außerordentlich kundiges Buch, das nebenbei die Kerker-Legende als physiologischen Unsinn entlarvt, schlägt die »histrionische Persönlichkeitsstörung« HPS als Interpretationsmodell vor. Betrug, aber im weitesten Sinne, in dem vor allem die Welt betrogen sein wollte.

Jeder Betrüger und vor allem Hochstapler muss in unterschiedlichem Grade Selbstbetrüger sein. Anders als ein Schauspieler muss er seine Rolle glauben, um sie spielen zu können. Er kennt nur diese eine. Viele glauben erst an ihre Rolle, bevor sie einen Betrug begehen.

Im 21. Jahrhundert kann ein Betrüger, dem strafrechtlich mehr zur Last gelegt werden kann als Kaspar Hauser – selbst für den Fall, dass ein Gerichtsgutachter HPS attestierte – Minister werden. Ein echter Hauser wäre nach Tagen entlarvt. Seinerzeit gab es nur theoretische Möglichkeiten, die unbekannte Vorgeschichte in Erfahrung zu bringen. Zufall, wenn Hauser jemand begegnet wäre, der ihn vor 1828 außerhalb des Kerkers gekannt hatte.

Ein Bauernlümmel, von seinen Eltern verstoßen und vielleicht nur verlaufen, den niemand außer einer Handvoll Menschen kannte, die ihr Gehöft, ihre Äcker nie verließen. Keines der als authentisch angesehenen Porträts Hausers wurde je so weit verbreitet, dass es jemandem auf einer Scholle im Hinterland zu Gesicht kommen würde, um kopfschüttelnd einen Buben zu erkennen, der sich zu nichts als anstellig erwiesen und dem man kaum das Wasser und das Brot gegönnt hatte.

Wie bei allen so genannten Persönlichkeitsstörungen hat man es mit einem variablen Katalog von Eigenschaften zu tun, die mehr oder weniger auf den Fall passen. HPS weist Überschneidungen mit anderen Syndromen wie dem nach Münchenhausen benannten auf. Man müsste genauer gewichten können zwischen den bewussten und den unbewussten Täuschungen, als es anhand der Quellen möglich ist. Die meisten, bis auf beiläufige Aussagen wie die des Schusters, waren verblendet vom Betrugszusammenhang.

Sein geringes Selbstwertgefühl gleicht der Typ HPS durch die Sucht nach Zustimmung anderer aus. So wenig er sich selbst einschätzen kann, hat er ein ausgeprägtes Gespür für seine Wirkung auf andere. Entsprechend leicht ist er beeinflussbar. Er macht jedes Spiel mit, solange es ihm Aufmerksamkeit verschafft – bis zur vorläufigen Selbstaufgabe. Lässt die Zuwendung nach oder richtet sich in unerwünschte Bahnen, wird er aggressiv.

Die Bestätigung durch andere ist so übergewichtig, dass er sie durch theatralische Selbstdarstellung zu erzwingen versucht. HPS verfügt über Rollen je nach Lebenslage. Um die Unterschiede auszubalancieren, wird gelogen, werden Geschichten erzählt, erlebte Abenteuer angeboten. HPS lebt vom Beifall, ist leicht hypnotisierbar und fällt zuweilen von allein in Trance, um einem Konflikt zu entkommen. Selbstverletzung bis zum Suizid kommen vor. Dorian Gray ist ein Kaspar Hauser in anderem Milieu.

Mit dem 17. Oktober 1829 war die Hauser-Geschichte eigentlich zu Ende. Als er aus dem Abtritt kam, erzählte Kaspar, habe ihm eine Gestalt mit verschleiertem Kopf eine Büschelhaue ins Gesicht geschlagen. Er zeichnete das Mordinstrument als Schattenriss in Tinte: man hackte Holz zum Anfeuern damit klein. Die Narbe behielt Hauser bis zu seinem Tod.

Zum Finale gehören zwei Verabredungen zu unsinnigen Zwecken, rätselhafte Zettel und mehr als ein unbekannter Dunkelmann: Geschichten, wie sie Eugène Sue als Geheimnisse von Paris erfand, die Urbilder der Kolportage, die wiederum die Hauser-Story als Referenz auf Wahrheit reklamieren können.

Ein Märchenprinz von Baden, der erst eingekerkert wird, weil man ihn aus unbekannten Gründen nicht aus der Welt schaffen will, und der dann doch ermordet werden soll, nachdem die Badener als Täter bereits weithin in Verdacht sind – damit auch niemand mehr an der Legende zweifelt.

Literatur: A. Schiener: Der Fall Kaspar Hauser, Regensburg 2010 | J. Wassermann: Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens, Roman, 19. Aufl. München 2004

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