Der Architekt Bernhard Hermkes war ein „Star der Nachkriegsmoderne“ in Deutschland

„Er war ein großer Egoist und krasser Egozentriker“, sagten jene über ihn, die ihn beruflich kennen lernten. Ansonsten ist der Mensch Bernhard Hermkes eine Leerstelle. Der Autor eines 2018 erschienenen, fast 400 Seiten starken Buchs über den Architekten vermerkt, „dass es nicht möglich war, mit Familienmitgliedern, Freunden oder sonstigen Personen, die ihn privat kannten, in Kontakt zu treten“.

Bei dem wenigen, das man über ihn weiß, fällt eines auf. Der am 30. März 1903 im Hunsrück geborene einzige Sohn eines Katasteramtsbeamten wurde mit 18 Jahren Vater einer Tochter – durfte die Mutter aber nach dem Willen seines Vaters nicht heiraten, und damals wurde man erst mit 21 volljährig. Als Architekt trat Hermkes 1930/31 mit einer Wohnanlage hervor, die alleinstehenden Frauen „anständige und erschwingliche“ Unterkünfte bot, das „Ledigenheim“ in Frankfurt am Main.

Nach dem Studium in München, Berlin und Stuttgart war Hermkes im Frankfurter Industriebauamt angestellt. 1927 machte er sich als Architekt selbständig. Seinen ersten großen Auftrag erhielt er von der „Siedlungsgenossenschaft berufstätiger Frauen“. Mit dem zeitgemäßen sozialen Wohnungsbau war Hermkes bereits 1924/25 bei einem Praktikum in Hamburg in Berührung gekommen, wo Oberbaudirektor Fritz Schumacher Maßstäbe setzte. Die Emanzipation der Frau entsprach ebenfalls dem Zeitgeist – und damit war es bald vorbei.

Weil er sich vom Nationalsozialismus politisch wie ästhetisch fern hielt, musste Hermkes sein Büro 1936 schließen. Dem Regime entkam jedoch nur, wer ins Exil ging. Hermkes verdingte sich als Angestellter bei den Flugzeugherstellern Heinkel in Oranienburg und Messerschmitt in Regensburg. Ab 1939 baute er im Hamburger Hafen sechs Hallen, in denen die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg MAN Motoren für U-Boote herstellte. Im Sommer 1944 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, kämpfte aber nicht mit der Waffe in der Hand, sondern errechnete in Süddeutschland Daten für das Abfeuern von Kanonen.

Grindelhochhaus

Nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft war Hermkes schon im August 1945 wieder als Architekt tätig: Er setzte in Harburg Bäckereien instand. Hamburg war als Hauptstadt der britischen Besatzungszone vorgesehen. Um dafür Arbeits- und Wohnraum zu schaffen wurden die durch Bomben stark beschädigten Gebäude zwischen Oberstraße, Grindelberg, Hallerstraße und Brahmsallee abgerissen und Neubauten geplant. In einer Stadt, in der die Wohnfläche pro Kopf auf zehn Quadratmeter beschränkt war, erschien es luxuriös, Wohnungen von 40 Quadratmetern und mehr zu entwerfen.

Die Fundamente waren bereits gelegt, als Großbritannien und die USA entschieden, eine gemeinsame Verwaltungszone mit dem Hauptsitz in Frankfurt zu bilden. Im April 1948 beschloss der Senat, den Bau fortzusetzen. Hermkes, der nicht der NSDAP angehört hatte, war Sprecher einer Gruppe von sieben Architekten. Bis 1956 entstanden zwölf Scheiben mit neun bis 15 Geschossen als erste Hochhaus-Siedlung in Deutschland.

Mit Zentralheizung und fließendem Warmwasser waren die Grindelhochhäuser auf dem neuesten technischen Stand, es gab Müllschlucker und Fahrstühle. Anders als bei späteren Hochhaus-Quartieren wurde die Infrastruktur mitgedacht: In den Erdgeschossen waren Läden, Büros, Arztpraxen und ein Postamt untergebracht. Einer der Blöcke beherbergt noch heute das Bezirksamt Eimsbüttel. In den Zwischenräumen wurden Kinderspielplätze angelegt, auf den Parkflächen stehen seit 1957 fünf Skulpturen. Die damals noch wenigen Autos konnten in einer Tiefgarage abgestellt und an einer Tankstelle versorgt werden. Die Mieten waren vergleichsweise hoch, „Klein Manhattan“ war eine angesagte Adresse.

Als „lichtdurchflutete Wohnungen in einer Parklandschaft“ werden die Grindelhochhäuser bis heute gerühmt. So erlebte ich sie auch, als ich für ein Zeitungsporträt den Maler Arnold Fiedler nicht lang vor seinem Tod im März 1985 besuchte. Die Wohnung, die er 1952 bezogen hatte, befand sich im neunten Stockwerk und bot einen erhebenden Blick über die Stadt. Ganz anders dagegen das Zimmer im Erdgeschoss, in dem ich im Sommer 1988 hauste. Unter der niedrigen Decke schien es mir, als würde das ganze Hochhaus auf meinem Kopf lasten, und das üppige Grün verdunkelte das Zimmer, das schon tagsüber Lampenlicht brauchte.

Lappenbergsallee

Auch anderswo war Hermkes mit der Beseitigung der Wohnungsnot befasst, so ab 1950 an der Karl-Jacob-Straße in Klein Flottbek. Eines der Häuser bezog er selbst. Die Ziegelplatte an einem Block in der Faberstraße erinnert an den Hintergrund der regen Bauaktivität: „Zerstört 1943 – 1954 aufgebaut“. Hier und an der benachbarten Lappenbergsallee sowie am Eimsbütteler Marktplatz, wo Hermkes bis 1956 ein 3,45 Hektar großes Areal bebaute, soll „Nachverdichtung“ bis 2026 dem aktuellen Wohnungsmangel abhelfen.

In Lurup war Hermkes zwischen 1955 und 1969 am Bau von mehr als 3500 Wohnungen beteiligt. Außerdem schuf er dort für eine evangelisch-lutherische Kirchengemeinde das Pastorat und einen Kirchturm (1961–65) sowie einen Kindergarten (1962–64) und 1963 für die Gaswerke ein Heizkraftwerk. Sein Hauptauftraggeber, die Gemeinnützige Siedlungs-Aktiengesellschaft SAGA, ließ sich 1952/53 an der Max-Brauer-Allee von Hermkes ein Verwaltungsgebäude bauen. Zigtausende nutzen täglich ein Bauwerk, das ebenfalls 1952 von Hermkes entworfen und 1953 fertig wurde: Sie fahren oder gehen über die Neue Lombardsbrücke zwischen Binnen- und Außenalster, die nach dem Attentat auf den US-amerikanischen Präsidenten 1963 in Kennedybrücke umbenannt wurde.

Kennedybrücke

Die Gebäude, die Hermkes 1953 für die Internationale Gartenbauausstellung in Planten un Blomen errichtet hatte, sind heute verschwunden, darunter der 1970 abgerissene Philipsturm. Zehn Jahre später wurde Hermkes wieder für die IGA tätig. Der Komplex von fünf bis zu 13 Meter hohen Schaugewächshäusern zeichnet sich dadurch aus, dass seine Stahl-Glas-Konstruktion im Inneren frei von tragenden Elementen ist.

Schaugewächshaus

Als das Hauptwerk von Hermkes gilt das Auditorium Maximum, der Haupthörsaal der Universität mit 1700 Sitzplätzen, der durch eine versenkbare Wand zweigeteilt werden kann. Die Stahlbetonkuppel in Form eines perfekten Kugelsegmentes mit einer Spannweite von bis zu 65 Metern war bei ihrer Entstehung 1957–59 spektakulär. Dieselbe Bauweise wandte Hermkes bei der 1958 begonnenen Großmarkthalle an. Den besten Blick auf das 2017 von der Bundesingenieurkammer ausgezeichnete „Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ hat man aus dem Zug. Eine Besichtigung ist ohne Papiere, die einen als Händler ausweisen, ausgeschlossen, denn dieses und weitere Marktbauten von Hermkes befinden sich im „Frischeschutzgebiet“ hinter einem hohen Zaun.

Audimax

Hermkes’ Hochhaus für die Allianz Versicherung am Großen Burstah von 1969–71 gehörte zur Skyline von Hamburg – bis es 2017 abgerissen wurde. Seine Architektur sei „von einer unaufdringlichen baumeisterlichen Selbstverständlichkeit und immer von einer gewissen herben Eleganz“, schrieb ein Kritiker über Bernhard Hermkes, der am 17. April 1995 in Hamburg starb. In Frankfurt wurde 2013 eine Straße nach ihm benannt.

(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Sommer 2023)

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