H. P. Lovecrafts Geschichten als Mangas von Gou Tanabe

Ich mag keine Mangas. Die Figuren mit den großen Augen scheinen mir aus den Träumen der Teenager entsprungen zu sein, an die sie sich richten. Tatsächlich sind Mangas vorwiegend das, als was Comics hierzulande die längste Zeit und weitgehend bis heute gelten: Kinderkram. (→ Comics – eine Rekapitulation) Zwar rezensiert inzwischen sogar der Tagesspiegel Comics, aber das Auswahlkriterium scheint vor allem die politische Korrektheit zu sein: Die Geschichte muss sich einem gerade angesagten Aktivismus andienen. Klare Striche, einfache Botschaften: So hämmert man Unmündigen die Botschaft ein.

Wie an dieser Stelle bereits anderweitig ausgeführt (→ Ansichten in Krötenperspektive) verlocken mich Bücher nicht mehr so wie ehedem. Und kaufen kommt sowieso nicht in Frage. Als mir also unlängst ein Gutschein für eine Buchhandlung geschenkt wurde, brachte mich das in ziemliche Verlegenheit. Autoren sind geschwätzig, und das Gros der Bücher auf dem Markt ist dickleibig. Während ich früher kein Problem damit hatte, hunderte von Seiten zu verschlingen, langt meine Aufmerksamkeitsspanne heute kaum noch für einen Zeitschriften-Artikel.

Als ich im Online-Katalog des Buchladen in der Osterstraße blätterte, landete ich also unweigerlich bei Comics. Und bestellte schließlich zwei Bände, bei denen ich die Geschichte nicht einmal mehr lesen musste, weil ich sie genauestens kannte und mich sogar selbst an Illustrationen versucht hatte.

Dass es sich um Mangas handelte, machte nichts aus. In diesen Geschichten haben die Figuren notwendigerweise stets große Augen: vor Schrecken weit aufgerissene Augen.

Gou Tanabe (Jahrgang 1975) hat mittlerweile so ziemlich das Gesamtwerk von H. P. Lovecraft, das nicht übermäßig umfangreich ist, als Comics adaptiert. Meine Wahl fiel auf The Haunter of the Dark von 1935 (hier mit dem deutschen, auf H. C. Artmanns Übersetzung zurückgehenden Titel Der leuchtende Trapezoeder) und The Call of Cthulhu (Cthulhus Ruf) von 1926.

Es gibt keine einzige cineastisch bemerkenswerte Verfilmung einer Lovecraft-Erzählung. Kolportiert wird, dass Guillermo del Toro seit vielen Jahren an einer Verfilmung von At the Mountains of Madness laboriert. Vermutlich hat er längst eingesehen, dass die Geschichte als Film nicht funktioniert. Und er, wie in den Hörspiel-Adaptionen, Figuren und Handlungen dazu erfinden muss, damit sich die Spannungsbögen einstellen, die einen zwei oder mehr Stunden im Kinosessel verharren lassen.

Die Berge des Wahnsinns ist wie Der Schatten aus der Zeit unter dramaturgischen Aspekten schwer erträglich. Im zweiten Teil geschieht nichts, sondern es wird sich lang und breit über die Chronik der Alten Wesen ausgelassen. Mit aktueller Trick- sprich CGI-Technik dürfte das zwar zu bewältigen sein, aber ein Blockbuster, der das Millionen-Budget wieder einspielt, kann daraus schwerlich werden.

Der Jäger der Finsternis (wie der Titel, bei aller Verehrung für H. C. Artmann, besser lautete) ist hingegen nur eine vergleichsweise knappe Erzählung, die sich allein durch Zugaben auf eineinhalb oder gar zwei Stunden auswalzen ließe. Frauen kommen bei Lovecraft überhaupt nicht vor (bis auf die Ausnahmen in Dreams in the Witch House und The Thing on the Doorstep), so dass sich eine Verfilmung eigentlich von vornherein ausschließt. Im Haunter of the Dark agiert nur die Hauptfigur, sitzt am Schreibtisch, spaziert durch Straßen und klettert in einen Kirchturm. Das ließe sich auf ein paar Seiten darstellen. Gou Tanabe macht daraus 100, und diese Zerdehnung kann im Comic funktionieren, weil der Leser beim einzelnen Bild nicht gleich lange verweilt wie in der Echtzeit des Films.

Die Szenen werden in Zeitlupen ausgewalzt, ein Moment erstreckt sich über mehrere Panels. Die „atemlose Spannung“ der Erzählung wird sichtbar durch die Wiederholung derselben Räume und Gegenstände aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eine Lovecraft-Verfilmung wäre nur als Experimentalfilm vorstellbar; im Comic ist die Bebilderung möglich ohne die Betrachter über Gebühr zu strapazieren.

Allerdings braucht es dazu einen Zeichner wie Tanabe, der sein Sujet ernst nimmt und sich größtmöglichem Realismus verpflichtet fühlt. Nicht einem glitschigen Fotorealismus, sondern dem Realismus der Holzstiche, mit denen Zeitungen ihre Artikel illustrierten, bevor Schwarz-Weiß-Fotos üblich wurden. Ein Realismus, der in diesem Fall nicht einfach mit Blitzlicht abbildet, sondern der Wirklichkeit die Schlagschatten belässt, aus denen sie nun einmal auch besteht.

Der Haunter kommt ohne explizite Monstrositäten aus. Genau genommen spielt sich das Grauen vornehmlich im Kopf der Hauptfigur ab. Call of Cthulhu ist nicht nur actionreicher, der Plot erfordert ein Abbild des Monsters schlechthin: zunächst als Statuette, dann leibhaftig als turmhohe Gestalt, die ein Schiff zu verschlingen droht.

Es gibt eine Zeichnung von Lovecrafts eigener Hand, die die Cthulhu-Skulptur des Calls zeigt, und an ihr orientieren sich die zahllosen seither entstandenen Zeichnungen. Die Mischung aus Oktopus, Drache und Mensch kann leicht lächerlich wirken, wenn sie Gestalt annimmt im friedlichen Rahmen eines Bildes. Tanabes Cthulhu ist weniger platt als viele andere Darstellungen. Seine Umrisse sind nicht wie bei einer CGI-Verfilmung klar umrissen, er trampelt nicht wie ein Riesenelefant daher, sondern bleibt zum Teil in der nicht-euklidischen Dimension, der entstammt.

Die nicht-euklidische Architektur der Stadt R’lyeh, die aus dem Meer aufsteigt und den eben noch träumenden Cthulhu in die konventionelle Realität erwachen lässt, ist für Zeichner ein unlösbares Problem. Tanabe gelingt es, die Winkel, von denen die Seefahrer verschluckt werden, so im Ungefähren zu belassen, dass die Räume, die sich am Zeichenbrett nicht darstellen lassen, vor dem Auge des Betrachters gar nicht erst entstehen.

In den 1950ern wurden die EC-Horror-Comics von fanatischen Tugendwächtern verbrannt; inzwischen gibt es Porno-Comics. Aber für einen Manga-Zeichner wie Tanabe, der seine Werke weltweit verkaufen will, gibt es nach wie vor Beschränkungen. So muss er sich krampfhaft bemühen, bei der Orgie in den Sümpfen von Louisiana keine offensichtlich nackten Körper, schon gar keine Brustnippel oder Geschlechtsteile zu zeigen. Was dem Autor Lovecraft leicht gefallen sein dürfte und was eingehender zu beschreiben ihn ohnehin abgestoßen hätte, wird in Tanabes Zeichnungen zum Krampf. Die entsprechenden Panels sind dermaßen miserabel, dass ihnen vor allem anzusehen ist, wie sehr der Zeichner hier sein eigenes Licht unter den Scheffel stellen musste.

Wird der Film dem Buch gerecht, ist man als Leser enttäuscht vom Film, wenn man das Buch vorher gelesen hat? Die Frage stellt sich bei Lovecraft nicht. Als Aficionado, der an dieser Stelle mehrfach zu HPL gepostet hat (→ Flüsterer im Dunkeln, → Die Antarktis, das Alien und die Angst, → Von Junzt: Das Buch vom Buch, das kein Buch war, → Fantastische Reisen der Schrift, → Schöner Schrecken, → Das Werk des Bösen), halte ich die Comic-Adaptionen von Gou Tanabe für gelungen.