Der Hamburger Architekt schafft Verbindungen von Alt und Neu
Der Schriftzug „Passagenviertel“ prangt über den Straßen zwischen Rathaus und Gänsemarkt. Unter einer Passage versteht der Architekturhistoriker J. F. Geist „einen zwischen belebten Straßen hindurchgeführten, glasüberdachten Verbindungsgang, der auf beiden Seiten gesäumt ist von Reihen einzelner Läden“. Neun von ihnen gab es einmal in der Innenstadt. Manche sind wieder verschwunden; zuletzt wurde die „Gänsemarkt-Passage“ von 1979 geschlossen und seit September 2022 abgerissen.
Passagen entstanden im 18. Jahrhundert in Paris, indem Geschäftsleute die Straße, an der sich ihre Läden befanden, mit einem Glasdach versahen, das vor Regen schützte. Daraus entwickelte sich eine eigene Architekturform, die ab 1820 boomte und sich in ganz Europa ausbreitete. In Hamburg wurde 1845 die erste große Passage auf deutschem Boden eröffnet.
Vom Reesendamm (heute Jungfernstieg) gelangte man durch ein Hotel in „Sillem’s Bazar“, einen 57,40 Meter langen und 8,80 Meter breiten Gang, der sich über vier Stockwerke erstreckte, an dem 34 Läden lagen. Das Zentrum bildete ein Lichthof von knapp 27 Metern Höhe. „Und wer diese Stadt verlassen könnte, ohne den Bazar gesehen zu haben, der möchte leicht eben so schlimm daran sein, als wer in Rom war, ohne den Papst gesehen zu haben“, überschlug sich 1848 eine Zeitung. Doch der „Bazar“ erwies sich als „der klassische Fall einer falsch angelegten Passage“, wie J. F. Geist feststellte: Ihm fehlte die Verkehrsfunktion, weil er eine belebte Straße mit einer abgelegenen Gasse, der Königstraße (heute Poststraße) verband.
Der „Bazar“ wurde 1880 zerstört und machte dem Hotel „Hamburger Hof“ Platz, das 1918 einem Geschäftshaus wich, das bis 1979 erneut umgebaut wurde zu einer Passage ohne Glasdach, in der schon tagsüber Lampen leuchten. Nebenan stand die „Scholvien-Passage“, aus der 1912 ein Warenhaus wurde, das der Eigentümer als Jude 1933 verschleudern musste. Der nächste Eigentümer taufte es 1935 „Alsterhaus“. Die älteste Passage ist die „Mellin-Passage“ von 1864 zwischen Alsterarkaden und Neuem Wall.

Mit 115 Meter langen Gängen ist der größte Vertreter des Bautyps das 1980 eingeweihte „Hanseviertel“ zwischen Poststraße und Große Bleichen. An ihm schien sich der Spruch bewahrheiten zu sollen, den Alfred Lichtwark, der Gründungsdirektor der Kunsthalle, um 1900 prägte: „Freie und Abrissstadt Hamburg“. Seit 2007 gingen die Geschäfte zurück, und der Betreiber überlegte, die Passage dem Erdboden gleich zu machen.

„Die Radikalität Hamburgs im Umgang mit dem Bestand überrascht, weil die eigentlich konservative Kaufmannschaft stets großen Wert auf Traditionen und Vergangenheit gelegt hat. Wenn sie sich aber einen geschäftlichen Vorteil versprach, ging sie rücksichtslos mit dem Erbe um“, sagte Volkwin Marg im Juli 2023. Sein „Hanseviertel“ steht noch. 2018 wurde es unter Denkmalschutz gestellt und wechselte den Besitzer. Seit Ende 2021 findet ein teilweiser Umbau statt.
Der am 15. Oktober 1936 im damals ostpreußischen Königsberg geborene Marg erlangte mit seinem im November 2022 verstorbenen Partner Meinhard von Gerkan internationales Renommee. Als Pfarrerssohn in Danzig aufgewachsen floh Marg 1957 nach West-Berlin, wo er studierte. Sein Examen machte er 1965 in Braunschweig und gründete im selben Jahr in Hamburg das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner.

Mit Akademie und Landeskriminalamt hat die Polizei die Mehrzahl der Büros am Überseering 35 besetzt. Außerdem war hier seit 2017 ein Ausweichquartier der Universität, während der Philosophenturm auf dem Campus renoviert wurde. Erbaut hatte Volkwin Marg den kreuzförmigen Komplex in der City Nord von 1972 bis 1974 als Hauptverwaltung für den Mineralölkonzern Shell. Über einem hellen zweigeschossigen Sockel für Großraumbüros und Sondernutzungen erheben sich 13 dunkel verkleidete Stockwerke mit Zellenbüros. Nach 25 Jahren zog die Shell AG aus, eine Versicherung kaufte das Bauwerk und nutzte es zunächst selbst.
Auch jenseits der Architektur setzte Marg Akzente: 1976 gehörte er zu den Mitbegründern des Museumshafens Oevelgönne, des ersten seiner Art in Deutschland. In der Nacht zum 1. Februar 1977 brannte das in einer ehemaligen Munitionsfabrik untergebrachte Kulturzentrum „Fabrik“ in Altona ab. „Weil das Geld der Feuerkasse nicht reichte, haben wir alles alte Material verwendet, woher auch immer“, erinnert sich Marg, der 1979 den Wiederaufbau leitete, während er zugleich mit dem „Hanseviertel“ befasst war. „Das war im wahrsten Sinne des Wortes Sperrmüllarchitektur. Daraus wurde eine Legende. Als wir die Fabrik eröffneten, kamen die Leute und sagten, es sei genauso geworden, wie es vorher war. Das war Quatsch – aber zugleich das schönste Kompliment meines Lebens.“
Zu Margs Bauten außerhalb Hamburgs gehören der Flughafen Berlin-Tegel, die Sanierung und Überdachung des Berliner Olympiastadions, das Europäische Patentamt in München und der Palacongressi in Rimini, die Neue Messe in Leipzig sowie Stadien in Warschau, Kapstadt und Durban.

Ein Leitmotiv seiner Arbeit ist die Verknüpfung des Überkommenen mit dem Innovativen. So orientiert sich die Glas-Stahl-Konstruktion des Hauses Ecke Grindelallee/Grindelhof an den umliegenden Gründerzeitbauten. Das Gebäude von 1987 enthält sowohl Gewerberäume wie Wohnungen. Die Klinkerfassade des zwischen 1989 und 1992 entstandenen, nach der dort ansässigen Versicherung „Zürich-Haus“ genannten Bürokomplexes zwischen Domstraße, Große Reichenstraße und Willy-Brandt-Straße greift die Gestaltung der benachbarten inzwischen 100 Jahre alten Kontorhäuser auf. Wie beim Bürohaus der Hapag Lloyd in der Rosenstraße von 1996 ist der spektakuläre Innenhof des „Zürich-Hauses“ für Passanten unsichtbar. Mit einer städtebaulichen Studie von 1997 gilt Marg als „architektonischer Vater“ der HafenCity. Bis 2001 baute er das „Kesselhaus“ von 1886/87, das ehemalige Kraftwerk für die Speicherstadt, zu einem Informationszentrum für die HafenCity um.

Das Alte, die Fassade des Ziegelbaus der Schwarzenberg-Kaserne von 1871, wurde erhalten und um Neubauten ergänzt zum Hauptsitz der Technischen Universität in Harburg. Auch hinter der denkmalgeschützten Fassade des 150 Meter langen Blocks am Alten Wall wurden bis 2020 neue Räume gebildet. Von der Nordseite des Rathauses führt der Weg nun durch die „Bucerius-Passage“ über das Alsterfleet mit der „Marion-Gräfin-Dönhoff-Brücke“ zum Neuen Wall. Der Kontrast zwischen der gediegenen Hülle und dem modernen Inneren des „Bucerius Kunst Forum“ könnte kaum größer sein.

Bahnhöfe sollen ihren Zweck erfüllen; auf sie wird gemeinhin nicht als architektonische Sehenswürdigkeit hingewiesen. Mit S- und U-Bahn die 2018 beziehungsweise 2019 in Betrieb genommene Station Elbbrücken anzusteuern, lohnt sich jedoch – zumal derzeit, während im Umfeld noch gebaut wird und die projektierten Passagierzahlen ausstehen, so dass man die Ästhetik der Glasröhren, die 130 Meter lange Bahnsteige überwölben, sowie die sie verbindende Fußgängerbrücke, den „Skywalk“, die meiste Zeit für sich allein bewundern kann.

(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Winter 2023)
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