Fritz Schumacher bestimmt das Stadtbild von Hamburg bis heute

Das Gebiet sei „für die Wohnungspolitik Hamburgs von ganz besonderer Bedeutung“, schrieb Fritz Schumacher 1932 in seinem Buch Das Werden einer Wohnstadt über die „Kleinwohnungssiedlung“ auf der Veddel: Es stelle „seiner Lage nach die einzige nennenswerte Möglichkeit dar, die Hamburg noch hat, um Arbeiterwohnungen in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstätten des Hafens zu schaffen.“ Bei der Entstehung der Mönckebergstraße, deren Erschließung unter Schumachers Regie stattfand, waren die Arbeiterwohnungen des Gängeviertels nördlich der Niedernstraße verschwunden.

Bauherren der auf städtischem Grund 1928 begonnenen Veddeler Siedlung waren gemeinnützige Genossenschaften. Schumacher gab den Architekten Backsteinfassaden, Flachdächer und vier oder fünf Stockwerke vor. Nach Zerstörungen im Zwei­ten Weltkrieg wurden die Häuser bis 1952 wieder hergestellt.

Die Hauptstraße des Viertels war jahrzehntelang mit starkem Durchgangsverkehr belastet. Die mittlerweile beruhigte Veddeler Brückenstraße weist seit Juli 2017 eine Touristenattraktion auf: die mit Blattgold beklebte Fassade des Hauses Nummer 152, die „Veddeler Goldwand“. Solche „Kunst am Bau“ geht auf Fritz Schumacher zurück, der 1920 verfügte, dass bei staatlichen Gebäuden Künstler mitzuwirken hätten.

Veddeler Brückenstraße mit Goldwand

Museen und Galerien waren damals nur Begüterten zugänglich, und Kunstwerke erfuhren nicht durch die Medien massenhafte Verbreitung. Die Mehrheit der Bevölkerung kam allenfalls durch Skulpturen auf Plätzen oder Bauschmuck mit Kunst in Kontakt. Auf Schumachers Initiative hin wurden zum Beispiel von Avantgardisten wie Anita Rée, Eduard Bargheer oder Arnold Fiedler Wände in Schulen bemalt.

Ein preußischer Erlass griff die Idee 1928 auf. Es war ausgerechnet NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, der 1934 eine Verordnung erließ, wonach ein bestimmter Prozentsatz der Bausumme für die Dekoration ausgegeben werden musste. Die „Goldwand“ wurde ermöglicht durch das 1981 aufgelegte Hamburger Programm „Kunst im öffentlichen Raum“.

Der am 4. November 1869 in Bremen geborene Friedrich Wilhelm „Fritz“ Schumacher war der mit großem Abstand wichtigste Architekt des 20. Jahrhunderts in Hamburg. In 23 Jahren als Leiter des Hochbauwesens formte er das Gesicht der Stadt bis in die Gegenwart. So konzipierte er den Stadtpark, gestaltete den Rathausmarkt, kanalisierte die Alster und errichtete Wohnquartiere wie die Jarrestadt, Dulsberg oder die nach ihm benannte Siedlung in Langenhorn.

Schumacher hatte er in München Mathematik und Naturwissenschaften studiert, bevor er zur Architektur wechselte. Von 1896 bis 1901 arbeitete er im Stadtbauamt von Leipzig. Er schloss sich der „Lebensreform“-Bewegung an, die Materialismus, Industrialisierung und Verstädterung ablehnte und eine Natursehnsucht pflegte. Ein ästhetisches Produkt der Reformbewegung war der Jugendstil. Die künstlerischen Bestrebungen organisierten sich im „Deutschen Werkbund“, den Schumacher 1907 mitgründete.

Ehemalige Oberschulbehörde an der Dammtorstraße (1911–13)

Neben seiner Professur an der Technischen Hochschule in Dresden von 1901 bis 1909 schuf er eine Schule in Leipzig, sechs Villen und 28 Grabmäler. Unterdessen suchte der Hamburger Senat einen Planer, der aus der Stadt eine Metropole machen könnte. Am 1. September 1909 trat Schumacher die Nachfolge von Baudirektor → Hans Zimmermann an.

Der Katalog seiner Werke umfasst 356 Einträge, von der Innenausstattung eines Dampfers 1892 bis zu einer Bedürfnisanstalt auf dem Winterhuder Marktplatz 1933. Toilettenanlagen waren eine inzwischen überholte Aufgabe für Architekten. Von den 17, die Schumacher entwarf, sind sieben erhalten und dienen als Café oder Kiosk.

Frühere Bedürfnisanstalt am Goldbekplatz (1925)

Von seinen 12 Polizeiwachen ist eine berühmt: die Davidwache auf dem Spielbudenplatz. Ab 1914 erweiterte Schumacher das Hauptquartier der Polizei, das Stadthaus. Er legte das „Revier Blutbuche“ an, die Ehrengrabstätte der Polizei auf dem Friedhof Ohlsdorf, die 1923 eingeweiht wurde, nachdem beim „Hamburger Aufstand“ der KPD unter Ernst Thälmann 17 Polizisten umgekommen waren.

Schumacher baute fast 40 Schulen, darunter die Staatliche Kunstgewerbeschule, heute Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld (1911–13), das Johanneum in Winterhude (1912–14) oder die Oberrealschule in Hamm (1929–31), die aktuell als Ballettzentrum genutzt wird. Eine Lehrstätte, die „Hamburg Media School“, wurde aus Schumachers Frauenklinik Finkenau (1911–14).

Finanzbehörde am Gänsemarkt (1918–26)

Von 1920 bis 1923 war Schumacher beurlaubt und beaufsichtigte unter Oberbürgermeister Konrad Adenauer in Köln die Schleifung der Festungswälle. Zurück in Hamburg wurde er zum Oberbaudirektor ernannt. Die Finanzbehörde am Gänsemarkt und der Umbau der Karstadt-Verwaltung an der Steinstraße zum Finanzamt, der Ausbau des Untersuchungsgefängnisses am Holstenglacis, das Museum für Hamburgische Geschichte, das Holthusenbad, das Tropeninstitut und der Pavillon mit dem Mönckebergbrunnen: überall begegnet man Schumachers Schaffen.

Volkslesehalle und Mönckebergbrunnen
mit Skulpturen von Georg Wrba (1913/14)

Seine letztes bedeutendes Werk, das er als sein „persönlichstes“ ansah, war der „Dom“, wie die Mitarbeiter des Friedhofs Ohlsdorf das 1928–32 entstandene Krematorium nennen. Schumacher war ein Verfechter der lange umstrittenen Feuerbestattung, der er ein Buch widmete. Weil er seine Vorstellungen jedoch nicht vollständig umsetzen konnte, war er mit dem Bau unzufrieden: „Unvollendet steht er da als Fragezeichen am Schluss einer langen Kette von Schöpfungen.“

Krematorium auf dem Friedhof Ohlsdorf

Auch als Autor war Schumacher äußerst produktiv und schrieb fast 60 Bücher. Die meisten wie Streifzüge eines Architekten (1907) oder Ein Volkspark, dargestellt am Hamburger Stadtpark (1928) reflektieren die eigene Arbeit als Baukünstler. Aber er befasste sich ebenso mit Kulturpolitik (1920) und Erziehung durch Umwelt (1947).

Merkmale von Schumachers Architektur sind Rotklinker, Rundbauten und Bauschmuck. Bei der Verzierung seiner Gebäude bevorzugte er Richard Kuöhl, den er aus Leipzig kannte. Dessen bekanntestes Werk ist das Kriegerdenkmal am Dammtor von 1936 mit der Inschrift „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“. NSDAP-Mitglied Kuöhl war bis 1945 der am besten beschäftigte Bildhauer Hamburgs.

Finanzamt an der Steinstraße (1927)

Am 28. April 1933 schrieb das „Gaublatt“ der Nationalsozialisten, das Hamburger Tageblatt: „Das Wirken von Oberbaudirektor Schumacher stellt sich als die Arbeit jenes Menschentypus dar, der materialistisch-marxistisch die Welt betrachtet und den Menschen, die Familie und den Organismus Volk und Nation nicht verstehen kann.“ Eine Woche später teilte die Zeitung ihren Lesern mit, dass der 63-Jährige in den Ruhestand versetzt worden sei. Er fiel jedoch keineswegs beim Regime in Ungnade, sondern war Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und der Reichsschrifttumskammer. Zu seinem 70. Geburtstag verlieh Adolf Hitler ihm eine Ehrenmedaille.

Schumachers Grab auf dem Friedhof Ohlsdorf

Seit 1943 wohnte der ledige Schumacher mit seinen zwei Schwestern in Lüneburg. Er starb am 5. November 1947 in einem Hamburger Krankenhaus. Seine letzte Ruhestätte auf dem „Althamburgischen Gedächtnisfriedhof“ in Ohlsdorf befindet sich neben der von Alfred Lichtwark, dem Gründungsdirektor der Kunsthalle, dessen Grabmal er kreierte.

(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Herbst 2025)

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