Vom Oktoberfest-Attentat über Thomas Lemke zum NSU – Wie Politik, Polizei, Justiz und Medien mit Neonazis umgehen

Lügenmärchen — November 2000

Der Legende nach sind am neuen Nationalsozialismus die neuen Bundesländer Schuld. Wie die Staatsführung der DDR die eigenen Neonazis verleugnete und nur beim Klassenfeind wahrnahm, wurde deren bundesweiter Aufschwung nach der Wiedervereinigung bevorzugt im Osten aufgespießt. Die notorischen Todeslisten mit Opfern rechtsradikaler und/oder rassistischer Gewalt setzen 1990 an, als sei bis dahin nichts vorgefallen.

Der Boden auf den Ruinen der DDR wird für das Aufblühen des Neonazismus verantwortlich gemacht, ohne die Gärtnerarbeit des Netzwerks aus dem Westen zu berücksichtigen oder die gemeinsamen Nährstoffe. Haltungen, die in der DDR diktaturbedingt verbreiteter waren, sowie die Verunsicherung nach der Revolution bildeten gewiss einen ersprießlicheren Boden als in den Stammgebieten im Westen, wenigstens 200 Städten und Gemeinden. Dennoch gilt: »Die NPD ist trotz der Wahlerfolge in Ostdeutschland eine West-Partei, die ihr gesamtes Führungspersonal in den Osten exportieren musste, um überhaupt handlungsfähig zu sein.«

Die Verhältnisse in Ostdeutschland sind nicht so, wie angereiste Reporter sie gern hätten. Während Polizei und Verfassungsschutz bereits beim NSU versagten, bewies die »Medienmeute«, dass sie nicht zu Unrecht so genannt wird. Sobald der erste Hund einen Hasen riecht, hetzen alle anderen hinterher.

Eine Welle von Ausländerhass rollte durch das Land, das Verbot der NPD wurde gefordert, der NSU fing mit dem Morden an – da titelte BILD im November 2000: »Neonazis ertränkten Kind – und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen«. Am 13. Juni 1997 gegen 15 Uhr sollte eine Horde Neonazis in einem Schwimmband einen deutsch-irakischen Jungen ermordet haben.

»Wie feindliche Besatzer fielen Heerscharen von Redakteuren, Reportern, Berichterstattern, Kommentatoren und Moderatoren über die Provinz herein« und drehten die Geschichte nach, als hätten sie nie gehört, dass »BILD lügt«, oder von den Erlebnissen Günter Wallraffs als Hans Esser gelesen.

Auf Mütter, die Verbrechen an ihren Kindern anklagen, muss ein BILD-Redakteur gefasst sein. Täglich werden beim Kummerkasten der Nation Leser mit ungeheuerlichen Geschichten vorstellig und ersuchen das Organ um Hilfe, unter dessen Fittiche sich sogar ein Bundespräsident begab, wie man inzwischen weiß. In meiner Zeit bei dem Blatt machte ich 1991 gleichermaßen Erfahrungen mit getürkten Storys wie ich unter anderem eine Mutter traf, deren Sohn von der Staatssicherheit ermordet worden sein sollte. Meine Sitzung mit ihr fiel in das Ressort »Leserbetreuung« und rechnete nicht unter »Recherche«.

»Mutter sagt: Stasi brachte meinen Sohn um«: die Geschichte ließe sich schreiben, hätte man keine Skrupel und sofern sich die Frau hergäbe, mit Namen und Gesicht dafür zu bürgen. Den Mord durch Stasi, Neonazis oder Illuminaten allein anhand der Angaben von Angehörigen als Tatsache zu behaupten, ist ein Anfängerfehler – oder Absicht. Dass, soweit bekannt, keiner der BILD-Verantwortlichen seinen Job verloren hat, kann nur bedeuten, dass sie wussten, was sie taten, als sie ihre Sebnitz-Story schrieben.

Am Ende eines Jahres, in dem sich die Gesellschaft dem Neonazismus häufiger als sonst stellen musste, wurde er in den Bereich der hysterischen Projektion verwiesen und der ganzen blamierten Zunft für lange Zeit das Verlangen genommen, sich damit zu beschäftigen. Die Stadt Sebnitz verschwieg den Mord, der sich nie ereignet hatte, keineswegs; aber die Medien schwiegen sich seither nach Kräften aus über das, was sie hätten sehen könnten, wenn sie es nicht vorzögen nachzuplappern.

Publizisten übersehen die Neonazis ebenso wie die Polizei, über deren Unfähigkeit sie sich anlässlich des NSU ereifern. Bei keinem der Morde an mutmaßlich mindestens neun »Ausländern« oder »Migranten« bezweifelten sie oder ein Politiker die polizeiliche Interpretation, wonach die Opfer selbst kriminell waren und von ihresgleichen gemeuchelt wurden. Vielmehr würdigte die Boulevardpresse die Taten als »Döner-Morde« herab und trat verbal an die Seite der Mörder.

Rote Nazis — 1978–2012

Als »Neue Nazis« wurden 2012 die Autonomen Nationalisten vorgestellt, zu denen Die Unsterblichen rechnen, die zu Identitären mutierten. Die »junge und äußerst gewaltbereite Neonazi-Strömung« entstand ein Jahrzehnt zuvor. »Sie kopiert den popkulturellen Stil der Linksautonomen und bietet Action, wirkt anziehend auf Jugendliche.

Die jungen Leute, die 2003 erstmals unter dem Label auftraten, sind keine mehr; Unsterbliche sind nicht nur Minderjährige, und gerade um Gewalt geht es ihnen nicht. Die Zeit ist nicht stehen geblieben – und ist es doch. Jung und gewaltbereit waren auch die Skinheads und boten Action. Auch sie kopierten einen ursprünglich in Großbritannien linkerhand entstandenen Stil.

Anders ist an den Autonomen Nationalisten nur der Name, der nicht mehr neu ist. Der »Stil der Linksautonomen« wiederum ist so alt wie der »Hamburger Kessel«, als nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl und Auseinandersetzungen um die Atomkraftwerke Wackersdorf und Brokdorf im Juni 1986 800 Demonstranten auf dem Heiligengeistfeld bis zu 16 Stunden wie in einem chilenischen Stadion festgehalten wurden. Die »Schanzenkrieger«, die im Dezember 2013 erneut im Kesseltreiben standen, sahen damals aus wie heute: möglichst schwarz.

»In beiden Lagern sind es Extremisten, die sich bis aufs Haar gleichen und bei denen es selbst den geschulten Augen der Gesetzeshüter schwer fällt zu erkennen, ob es sich um Rechtsextreme oder Linksextreme handelt. Einig sind sich beide Gruppen in der Bereitschaft zu gegenseitiger Provokation, zur Anwendung von Gewalt.« Beobachtungen vom Bundesparteitag der NPD 1986. Statt Kapuzenpullover trug man Parkas mit oder ohne Flaggen-Aufnäher am Ärmel.

Seit Anfang der 2000er machte das links längst abgelegte Palästinensertuch, das ursprünglich Solidarität mit einer Befreiungsbewegung signalisieren sollte, als Abzeichen des Antisemitismus die Runde, und Braune trugen »T-Hemden« mit dem Konterfei Ché Guevaras, das anno 1968 in den Buden aufsässiger Studenten hing. »Wir haben damals ihre Lieder umgeschrieben, wir haben Aufmärsche mit einem Meer von Fahnen organisiert«, erinnerte sich 1977 ein ganz alter Kämpfer an die Zeit vor 1933, »wir haben es den Roten abgeguckt. Manchmal mit Erfolg!«

So gerne die Braunen bei den Roten abkupfern, werden diese mit jenen gleichgesetzt. »Wenn man beide in einen Sack steckt und dann mit dem Knüppel draufschlägt, dann trifft man immer einen Anti-Demokraten«. Dem CDU-Bürgermeister war es 1984 zum Landesparteitag der NPD in Stade wichtig, auf die Gefahr durch die Deutsche Kommunistische Partei hinzuweisen, die den »antifaschistischen« Protest anführte.

Insoweit hat die Geschichte ihr Urteil gefällt: die DKP kann nichts mehr gefährden. Bei der Gelegenheit sprach sich der Bürgermeister gegen ein neuerdings angeregtes Verbot aus: »man dürfe der NPD nicht ersparen, bei jeder Wahl neu zu erfahren, wie wenig Rückhalt sie in der Bevölkerung habe«. 22 Jahre später, die NPD marschiert weiter, ein anderer CDU-Bürgermeister an selber Stelle: »Extremismus in jeder Erscheinungsform – ob rechts oder links-extremistisch – ist ein Angriff auf unsere Demokratie.«

Linke Extremisten hatten sich zwischenzeitlich still verhalten, während Neonazis ununterbrochen prügelten und töteten. Was man rechts nicht wahrnimmt, wird links desto bunter ausgemalt. Die beiden Spitzenpolitiker redeten als Amtsträger auf Protestkundgebungen, gegen die ihre eigene Fraktion votiert hatte. »Linksextremisten« ermöglichten ihnen, das Wort gegen die NPD zu erheben und bekamen gleich eins mit.

Den Linken hatte schon 1978 Springers Speerspitze Die Welt die rechte Maske heruntergerissen. Was Frankfurter Rundschau, Stern und Neues Deutschland über den »Neunazismus« in die Welt setzten, beruhe auf fehlerhaften Recherchen einer »kommunistischen Tarnorganisation«, dem Presseausschuss Demokratische Initiative von Bernt Engelmann und Günter Wallraff.

Man träfe da »auf ›Neonazis‹ mit einer erstaunlichen politischen Vergangenheit: auf altgediente Funktionäre der Kommunistischen Partei, auf junge Männer, die die Sicherheitsbehörden noch bis vor kurzem als linksextreme Aktivisten observierten, auf Wanderer zwischen den Welten, die in zurückliegenden Jahren merkwürdig oft zwischen West und Ost den Wohnsitz wechselten, ja sogar auf amtlich registrierte ›Opfer des Faschismus‹«.

Ein Verfassungsschützer warnte die Branche insgesamt: »Solche Berichte schaden uns vor allem außenpolitisch sehr. Nach den Erfahrungen der sechziger Jahre müssen wir mit dem besonderen Interesse an solchen Berichten auf dritter Seite rechnen. Diese Erfahrungen sagen mir auch, dass die neonazistischen Ausschreitungen, die wir zurzeit erleben, jedenfalls zum Teil gelenkt sind.«

Die Welt verdeutlichte: »Unter Hinweis auf das Potsdamer Abkommen könne Moskau die ›Gefahr des Neonazismus‹ zum Vorwand politischer oder gar militärischer Intervention nehmen. Und was Neonazismus ist, bestimmt ja – frei nach Hermann Göring – immer noch der, der ihn besonders braucht.« Braune im Westen als ostdeutsche Spione. Ein gegenwärtiger Gedankengang, indem Politik und Medien den Neonazismus nach Osten abschieben und zum Nach-Wende-Phänomen erklären.

Mit dem Mauerfall starben die »braun lackierten Kommunisten« keineswegs aus. Das öffentlich-rechtliche TV präsentierte 1993 »nachrichtendienstliches Material«, das die illegale KPD als Drahtzieher der Welle antisemitischer Friedhofs- und Synagogenschändungen 1959 ausmachte. Quelle war der Bundesnachrichtendienst, den Reinhard Gehlen leitete, einst Geheimnisträger bei Hitlers Fremde Heere Ost. Die Desinformation stammte aus der Mottenkiste und war 15 Jahre vorher von einem Chef-Verfassungsschützer kommentiert worden: »Wer hierzulande Kommunisten als Täter hinstellt, findet offensichtlich allemal Glauben, zumal er dann nicht zu erklären braucht, warum es in unserem Lande, wenn auch vereinzelt, noch nazistische Spinner gibt.«

Das TV fragte: »Stasi und Rechtsextremismus ein abgeschlossenes Kapitel?«, und ein angesehener Historiker antwortete: »Aufgrund der historischen Erfahrungen und Dokumente ist zu fragen und zu prüfen, ob nicht Stasi-Drahtzieher hinter den Kulissen die rechtsextremistischen Schandtaten von heute mitsteuern.« Heute: nach Hoyerswerda und Rostock, kurz vor Solingen. Die DDR-Führung hatte ihre Skinheads als West-Import deklariert; für BRD-Konservative waren die Braunen vom Staatssicherheitsdienst des implodierten Staates in den Westen eingeschleust worden.

Grüne Nazis — 1978–2012

Der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz erklärte 1982: »Eine politische Theorie der Rechten sehe ich nicht.« Ulrich Völklein sah im Stern eine, auf die sich Bombenbastler und Wehrsportler beriefen, und »die kommt von links«. Für ihn war Rot, was heute als Grün erscheint.

Der Schlüsselbegriff ist enthalten in seiner Liste brauner Leitmotive: »volkssozialistisch«, »antiimperialistisch«, »national-revolutionär« und »ökologisch«. Das Glaubensbekenntnis des »Ethnopluralismus« überträgt Darwins Evolutionstheorie auf die Gesellschaft und predigt eine Verschiedenheit und Rangfolge der Rassen von Natur aus. Früheste Splitter dieses Gedankengebildes fand Völklein in den 1960ern in Hamburg. In der Zeitschrift Junges Forum, herausgegeben von dem Ingenieurstudenten Lothar Penz, wurden die »geistigen Grundlagen eines neuen Nationalismus und Sozialismus« als »organische Weltordnung« entworfen. Zunächst unterstützte Penz die NPD, dann wirkte er mit an der Gründung der Grünen Liste Umweltschutz, aus der die Grün-Alternative Liste wurde, die in Bündnis 90/Die Grünen aufging.

Braun und Rot mischen sich zu Grün. »Auf grünem Kurs liegt die NPD seit ihrem 12. Parteitag 1978«, so Völklein. »Ihr Programm bis heute: ›Vorrang der Ökologie vor der Ökonomie‹, ›gegen Atomkraftwerke‹, für ›nationale Einheit‹ und ›umweltbeachtendes Wirtschaften im lebensrichtigen Ordnungssystem der Solidargemeinschaft Volk‹«. Der damalige Vorsitzende Martin Mußgnug: »Ein ökologisch denkender Mensch nimmt automatisch eine rechte Position ein.«

Zu einer »Koordinationskonferenz Umwelttreffen« in Lahnstein 1978 erschienen sowohl die Grüne Aktion Zukunft des »CDU-Dissidenten« Herbert Gruhl, die den »Run auf eine parlamentarische Nutzung ökologischer Basisbewegungen in Gang« setzte, wie die Jungen Nationaldemokraten, die Vereinigung Verfassungstreuer Kräfte des Altnazi Erwin Schönborn und Dr. med. Bruker vom »wissenschaftlichen Beirat« der Gesellschaft für Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung. Die »grünbraune Schwippschwägerschaft« markierte Baldur Springmann, Öko-Kultfigur aus Schleswig-Holstein, der den Kieler Kronzeugen der Ausschwitz-Lüge Thies Christophersen als »aufrechten Menschen« schätzte.

Bis heute lautet eine Devise der NPD: »Umweltschutz ist Heimatschutz«. 2012 wurde in Niedersachsen ein vom längst abgetretenen Landesvorsitzenden, dem Anthroposophen Andreas Molau verantworteter Flyer verteilt: »Gen-Anbau stoppen!« Die Argumentation gleicht der des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND, der eine Imago von Reinheit und Natürlichkeit beschwört, und hier wie dort wird auf die Macht internationaler Saatgutkonzerne wie Monsanto abgehoben. »Die einzige Alternative zu den gentechnikbefürwortenden Altparteien ist die NPD«, schrieb Molau und zählte FDP, SPD, CDU und »PDS-Linke« auf. Die Grünen, die er auslässt, gehören halt nicht zu den »Altparteien«.

In der Umweltpolitik macht die NPD diese nicht nach, sondern hat verwandte Positionen Seit an Seit eingenommen. In der Elbmarsch arbeitete ab 1972 ein Kernkraftwerk. Es war weithin akzeptiert und wurde 1999 zur fälligen Abschaltung als ältester kommerzieller Reaktor mit einer Großdemonstration für seinen Erhalt bedacht. In einem Privatarchiv findet sich ein Plakat-Entwurf derJN-Niedersachsen vom März 1978: »NPD für Leben und Gesundheit«, darunter die Zeichnung eines Atommeilers und »STOP AKW-BAU!«

Zwischen den Sofas — 1980–2013

Nicht nur bei den üblichen Verdächtigen, den Ungebildeten und sozial Deklassierten, den Blöden und Armen, sei Judenhass im Schwange, stellte eine im Frühjahr 2012 bekannt gemachte Studie fest, sondern »tief in der Gesellschaft verankert«. Bei 20 Prozent der Bürger wurde »latenter Antisemitismus« diagnostiziert. Mit Erstaunen und Erschrecken verbreiteten die Medien diese »neue Erkenntnis«. Täuschung oder Selbsttäuschung?

Im Radio-Interview erzählte der für die Untersuchung verantwortliche Historiker von einer antisemitischen Alltagsbegebenheit in Berlin wie von einem Damaskus-Erlebnis. Er lebt und lehrt in Großbritannien. War gerade deshalb er beauftragt worden, damit seine Betrachtungen nicht tiefer unter die Oberfläche dringen? Als Neuigkeit wurde verlautbart, dass »Jude« ein Schimpfwort auf Schulhöfen sei. Bereits 2004 wies das Buch eines Berliner Journalisten auf die Popularität dieser Verwünschung hin.

NPD-Anführer Adolf Dammann spricht nicht über Juden, äußerstenfalls macht er kryptische Bemerkungen über das »kleine Volk«. Kein Satz von ihm ist überliefert, nie war in etlichen Gesprächen über Jahre einer von ihm zu hören, der als Zitat für ein Verbotsverfahren geeignet wäre. So einfach, wie Politiker und Journalisten es sich vorstellen, die Neonazis nur aus dem Fernsehen kennen und ihnen dort Fangfragen zu Hitler stellen, ist es nicht, ihre Haltungen zu identifizieren. Dammanns dümmste Gefolgsleute wissen, wann sie sich auf die Zunge beißen müssen.

Als ich auf seinem Sofa im Buxtehuder Vorort Neukloster sitze, reden wir nicht über die »jüdische Weltverschwörung«. Er zieht in die Wahlschlacht um den niedersächsischen Landtag und zählt konkrete Gegner auf. »Sie berichten ja immer fair«, sprach er mich bei unserer zweiten Begegnung an, nachdem er sich beim ersten Mal mein Gesicht gemerkt und Nachforschungen angestellt hatte. »Braunes Gesocks« und »Geschmeiß«, wie er es von anderen zu hören kriegt, kam mir nicht über die Lippen. In meinen Beiträgen zur neonazistischen Chronik, die unter anderem in einem konservativen und einem linken Blatt wortgleich erschienen, hatte ich keine Zeile übrig für Invektiven oder Empörungsformeln.

Im Januar 2013 bezeichnete eine CDU-Politikerin NPD-Anhänger als »braune Schmeißfliegen«. Die von der Partei erstattete Beleidigungsklage wertete der Lokalanzeiger als »Ritterschlag für Demokraten«. Entmenschlichendes Vokabular als vorbildlich für die demokratische Auseinandersetzung? »Ratten und Schmeißfliegen« nannte Franz Josef Strauß zu Zeiten des RAF-Terrors deren vermeintliche »Sympathisanten« Günter Grass und Heinrich Böll; als Ratten ließ Goebbels die Juden porträtieren.

»Rotfront verrecke« riefen NPD-Anhänger bei einer Kundgebung 1980. Ein Leserbriefschreiber wertete die Parole als Forderung nach neuen Konzentrationslagern und wurde wegen übler Nachrede verurteilt. »Wenn irgendwelche Hitzköpfe Parolen im Gassenjargon schreien, ist das kein Grund für derartige Unterstellungen, wie sie der Angeklagte ausgesprochen und an die Öffentlichkeit gebracht hat«, urteilte ein Amtsrichter in Buxtehude.

»Sie sollen wissen, dass wir ein solches Urteil nicht nur für unverständlich halten, sondern für eine empörende Verkündung von Unrecht als Recht«, erwiderten in einem Offenen Brief Heinrich Albertz, Jurek Becker und Günter Grass: »Ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, welche Konsequenzen solche Parolen schon einmal nach sich zogen?«

Der Landgerichtspräsident stellte sich vor den Amtsrichter, warnte vor der Einmischung in ein schwebendes Verfahren – und tat es selbst, in dem er näher auf den Verurteilten einging. Dieser sei »als prospektiver Mandatsträger der DKP in der Politik nicht unerfahren«. Und er war als Lehrer von den Berufsverboten für »Radikale im öffentlichen Dienst« betroffen, die von der SPD gegen ihre linke Konkurrenz in Stellung gebracht worden waren. »Solange die NPD nicht verboten ist, steht sie im Rahmen der Gesetze dieser Republik«, stellte der Landgerichtspräsident klar. Wenn sie denn KZs plane, fragte er, warum reagiere die Regierung nicht mit einem Verbotsantrag?

Die Berufungsverhandlung erbrachte einen Freispruch. Mit »Rotfront verrecke« werde dem politischen Gegner »die Menschqualität abgesprochen, so dass der Wunsch nach seinem Ableben nur folgerichtig ist«, plädierte der Staatsanwalt; die Äußerungen des Angeklagten seien »als adäquat anzusehen«. Freilich wurde die NPD ihrer mörderischen Parole wegen nicht belangt.

Zur selben Zeit begann vielmehr eine behördliche Vergangenheitsbewältigung der besonderen Art. Erstmals in Trier wurden keine Autokennzeichen mehr ausgegeben, deren Buchstabenkombinationen ans Dritte Reich erinnern könnten, wie NS, HJ, KZ, SA, SS. Das Beispiel machte Schule. HH ist davon bis heute nicht betroffen.

Mit Verfänglichem muss ich mich Jahrzehnte später nicht in Neukloster, sondern auf einem Sofa im Stader »Ghetto« auseinandersetzen. »Es wurden nicht so viele Juden umgebracht«, sagt ein in der Stadt Geborener mit kurdischen Wurzeln im Libanon. Im Windschatten des NSU entdeckten die Medien den Antisemitismus unter Muslimen. Auch nichts Neues, dass Die Protokolle der Weisen von Zion zur Grundausstattung der arabischen Bibliothek gehören wie Mein Kampf.

Die erfundenen Aufzeichnungen einer jüdischen Konferenz, verfasst von der russischen Geheimpolizei, wurden erstmals 1903 in einer Zeitung in Sankt Petersburg gedruckt, 1919 auf Deutsch und 1920 auf Arabisch übersetzt. Ohne die Protokolle gelesen zu haben, sind die Grundzüge der Verschwörungstheorie Muslimen in Deutschland durch Filme im Satelliten-TV vertraut. Nach Jahrzehnten der Desintegration, die in Deutschland Geborene und Aufgewachsene zu Ausländern erklärt, die sich mit einem unbetretenen arabischen Heimatland identifizieren sollen, muss nicht verwundern, wenn sie es tun und sich vor allem den Judenhass anverwandeln, der in ihrer neuen Heimat einen Höhepunkt erreichte, auf den nicht nur ein iranischer Staatspräsident als Vorbild verweist.

Neonazis bekämpfen Ausländer – und bilden eine gemeinsame Front gegen Israel. Bereits im Oktober 2002 traten der damalige NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt und der Anwalt der Partei im Verbotsverfahren, der frühere RAF-Terrorist Horst Mahler, bei einer bald darauf verbotenen Islamisten-Organisation auf. Wie den Deutschen anno 1933 gelten die Juden in der arabischen Welt als Verkörperung der Moderne, von Aufklärung, Vielfalt der Ansichten und des Eigensinns, von Freiheit und Demokratie.

Auf dem arabischen Sofa berufe ich mich auf diverse Quellen und schließe, dass es das Menschheitsverbrechen nicht verkleinere, falls weniger als sechs Millionen ermordet worden sollten. Mein Gegenüber nimmt meine Gläubigkeit gelassen hin und kommt zum nächsten Punkt, dem Einfluss der Juden in unserer Stadt. Die Mär von der Judenmacht war im »Ghetto« belebt worden, als ein Bankier und SPD-Mitglied in einem Bestseller behauptete, durch die »Ausländer« würde Deutschland sich abschaffen.

Als alle Finger auf sie wiesen, zeigten die Verachteten auf andere, die in Deutschland noch weniger gelitten scheinen. Ich versicherte, die paar Juden in der Stadt persönlich zu kennen und dass sie nicht über den Einfluss verfügen, die irgendjemand ihnen andichten könnte. Ich zählte sie einzeln auf mit ihrem Rang als Hausfrau, Angestellter, Rentner. Kopfschütteln erwiderte mir: offenbar täuschte ich mich über ihre Verschlagenheit.

Das deutsche Erbteil der »Kollektivscham« samt der daher rührenden Rücksichten und Empfindlichkeiten, wird den Jungs »mit Migrationshintergrund« uneinholbar fremd bleiben. Ohne Arg gehen sie dagegen mit ihren Mitinsassen im »Ghetto« um, den »Zigeunern«, wie sie sie nennen, und die es sich nicht nur gefallen lassen, sondern sich anderen gegenüber selbst so bezeichnen. Auf »Sinti« hören sie nicht, auch das ist eine Zuordnung, die nicht ihre eigene ist. Ihren Clannamen binden sie keinem Außenstehenden auf. Die »Ghetto«-Boys kennen nicht mal »Sinti« und kämen nicht darauf, sich vor denen zu fürchten wie vor den Juden, die sie nur virtuell kennen.

Im März 2012 machten die 300 einheimischen Sinti mit der Forderung nach einem »gesonderten Platz« auf ihre Lage aufmerksam: da sie ohnehin ausgegrenzt würden, wollten sie wenigstens ein richtiges Ghetto. Die politische Klasse reagierte einhellig mit abweisendem Unverständnis: die spinnen, die Zigeuner. Ein ehemaliger Bürgermeister fand, sie sollten vielmehr »ihre Kinder zur Schule schicken und sich ernsthaft um Arbeit bemühen«.

Politiker und Presse nicht, aber die Betroffenen erinnerten sich gut daran, wodurch die Stadt im »Europäischen Jahr gegen Rassismus« 1997 bundesweit Beachtung fand. Um Zigeuner abzuschrecken, hängte die Mehrzahl der Gastronomen Schilder mit dem Angebot von Pferdewurst an die Tür. Die stand nicht auf der Speisekarte, sondern diente allein der Abschreckung von Sinti und Roma, denen das Tier heilig ist. »Wenn man eine Kneipe führt, dann will man auch bestimmte Gäste haben«, ließ sich der Landkreisdirektor und Mitbesitzer einer Gastwirtschaft zitieren. »Ich sehe keinen Zusammenhang mit Rassismus.«

Eine Sozialarbeiterin stellte lapidar fest: »Die Sinti sind die letzten in der Hierarchie der nichtangenommenen Menschen, alle Ausländer sind besser als deutsche Sinti.« Dass über die seit Jahren üblichen Schilder nicht bereits früher geredet worden war, sei die Schuld der Sinti selbst, belehrte der Lokalanzeiger seine Leser, weil diese nämlich »die öffentliche Erörterung scheuten«. Tatsächlich hatten die Sinti kein Öl ins Feuer gießen wollen, weil sie wussten, dass sie dabei den Kürzeren ziehen würden.

Ein paar Jahre vorher war der »Anti-Ziganismus« im Alten Land aufgefallen. Zur Abschreckung dienten nicht nur umgedrehte Reisigbesen vor der Tür. Wie metaphysisch der Hass war, zeigte sich, indem er sich nicht zeigte: auch die unsichtbar unter den Fußmatten platzierten geöffneten Scheren sollten »ziehende Gauner« verbannen helfen.

Im Oktober 2012 wurde nach lang dauernder Obstruktion in der Bundeshauptstadt ein Mahnmal für Sinti und Roma als Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht, als die sie erst seit 1982 amtlich anerkannt sind. Unterdessen beschwor der Bundesinnenminister die Gefahr von Roma aus Rumänien. Für allerhand, das in ihrem Sinne ist, werden Neonazis gar nicht gebraucht.

Quellen und Literatur

Lügenmärchen – M. Kraske/C. Werner: … und morgen das ganze Land, Freiburg/Br. 2007 | F. Sellin/K. Weber: Todesursache: natürlich, Reinbek 2001

Rote Nazis – T. Staud/J. Radke: Neue Nazis, Köln 2012 | U. R. in die tageszeitung 4.2.1988 | R. Bovier: Symbiose der Extremen, [Ztg. Willingen] 10.11.1986 [NPD-interner Pressespiegel, Privatarchiv A. D.] | A. Röpke/A. Speit (Hg.): Braune Kameradschaften, Berlin 2004 | J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979 | Kreiszeitung Wochenblatt 28.3.1984 | Stader Tageblatt 24.3.1984, 29.8.1985, 27.3.2006 | Die Welt 20., 21., 22.4.1978 | O. Köhler: Hitler ging – sie blieben, Hamburg 1996

Grüne NazisStern [Febr.] 1982 | Aufbrüche, Reinbek 1986

Zwischen den Sofas – P. Gessler: Der neue Antisemitismus, Freiburg im Breisgau 2004 | Stader Tageblatt 2.2.2013 | Stader Tageblatt 23.10., 22.11., 19.12.1981, 7.1., 19.1., 16.2., 29.7.1982 | DieWelt 1.11.1981, 29.7., 31.7.1982 | die tat 31/1982 | Welt am Sonntag 17.1.1982 | Stader Tageblatt 15.1.1983 | Kreiszeitung Wochenblatt 28.3.2012 | Spiegel 39/1997 | Neue Presse Hannover 27.9.1997 | Stader Tageblatt 27.9.1997

ÜBERSICHT Braune Bande. Neonazismus in Niederdeutschland

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