Ermittlungen gegen den Präsidenten des Landgerichts in Stade als Zeitungsaufmacher

»Schreib was Nettes über ihn«, wurde mir vorgesagt. Als ob ich darauf hören würde oder könnte. Als ob es darauf ankäme, um wen es sich handelt. Ob man, wie mein Vorsager und ich, den Betreffenden kennt und nichts Abträgliches vorzubringen hätte.

Gegen den Landgerichtspräsidenten im Hanselstädtchen Stade wird wegen Trunkenheit am Steuer und Fahrerflucht ermittelt. Die Meldung bläht sich derzeit selbst auf.

Die Angaben über die vermeintliche Straftat sind dürftig. Fraglich, ob sie mehr Konsequenzen hat als für gewöhnliche Bürger, nämlich dienstrechtliche. Fraglich, ob es zu einem Prozess, zu einer Verurteilung kommt.

Egal; die Hetzer haben Stoff, und wenn nichts daran war, Material für eine Verschwörungstheorie dazu.

»Der Landgerichtspräsident hat eine Vorbildfunktion«, behauptet ein Zeitungskommentator (Kreiszeitung Wochenblatt 9.6.18). Wer denkt sich solchen Schmarrn aus?

Da mögen Journalisten froh sein, keine Vorbilder zu sein, sonst müssten sie ihre schmutzige Wäsche auch noch selbst waschen. Warum hört man nie etwas über Verfehlungen von Zeitungsredakteuren? Weil sie solche Saubermänner und -frauen sind? Wer soll das glauben?

Hören wir noch mal den von eben: »Und, diese Frage muss gestellt werden: Über fast jeden im Straßenverkehr ertappten Alkoholsünder gibt es eine Meldung der Polizei. Diese mutmaßliche Trunkenheitsfahrt mit einem leicht verletzten Opfer und Fahrerflucht kam in den Meldungen gar nicht erst vor. Warum nicht?«

Abgesehen davon, dass der erste Satz nicht stimmt – was hätte die Polizei tun sollen? Mit der Vorverurteilung noch früher beginnen? Der gemeine »ertappte Alkoholsünder« wird von der Polizei nicht mit Namen gemeldet. Verdient ein Landgerichtspräsident bis zu einem öffentlichen Prozess nicht den Datenschutz, den jede/r andere genießt?

Weil er eine »Person des öffentlichen Lebens« ist? Das ist der zitierte Redakteur Tom Kreib wohl auch, und weil sein Foto in der eigenen Zeitung häufiger abgebildet ist als das des Landgerichtspräsidenten, ist er gewissermaßen noch öffentlicher und wird häufiger auf der Straße erkannt, oder?

»Hast du gesehen, was er getan hat?«

»Ich kann es nicht glauben!«

»Wir hätten ein Foto machen sollen!«

»Das fällt einem immer zu spät ein.«

»Das war er doch? Kreib oder so.«

»Hundert Pro!«

Wann darf ich also herum erzählen, was ich über ihn vernommen haben könnte – ginge es nach seinen Maßstäben? (»Personen des öffentlichen Lebens« sind für Journalisten im Zweifel alle, die sie kennen, und denen sie ohne eigene Verluste schaden können.)

»Um alle Kleinigkeiten wird sich bekümmert, und alles, was man hört, übel ausgelegt«, notierte Georg Christoph Lichtenberg 1773 als Stader Eigenart. Die → Verheerungen des Tratsches sind dank facebook international gleichmäßig verteilt.

Die üblen Auslegungen stammen freilich nicht von den genannten Journalisten; damit halten sie sich vornehm zurück. Sie liefern nur den Stoff für Hass und Häme, in denen andere sich suhlen.

Wohlgemerkt: ich bin weder Autofahrer noch Alkoholkonsument und habe nichts zu verteidigen beim Delikt der Kombination. Auf den Schlag fiele mir nicht ein, für wen entsprechende Ermittlungen schwerwiegender sein sollten als durch eine eventuelle Bestrafung in den vorgesehenen Grenzen.

Margot K., Oberhirtin der Evangelen, zur Erinnerung, ist bei der Gelegenheit freiwillig zurückgetreten. Ihren eigenen Maßstäben folgend, nicht denen eines Tom Kreib.

Politiker, die sich als Moralapostel hervortun, muss man an ihren Worten messen, wenn die Taten signifikant abweichen. Dass die Staatsanwaltschaft gegen den Landgerichtspräsidenten ermittelt, ergibt eine gehässige Pointe – mehr nicht.

Die hätte man sich sparen können. Oder wie wärs mit einer Liste aller, gegen die ermittelt wurde und wird, wegen was auch immer – gleiches Recht für alle? (Mein Outing habe ich → hier hinter mich gebracht.)

Die seriösen Journalisten haben ihre Story gehabt – aber sie können aufhören, die eigenen Skrupel zu zelebrieren und sich erhaben zu geben über BILD und andere »Lügenpresse«. Das kaufen ihnen nurmehr Hetzer ab, und die zählen kaum zur zahlenden Kundschaft.

Bei denen, die nur Nettes über den Landgerichtspräsidenten zu sagen hätten – wie der, der mich aufforderte, es zu tun, und bis zum Tag des Presse-Prangers nicht wusste, um wen es sich handelt (von wegen »Person des öffentlichen Lebens«) –, sind gewisse Journalisten nur tiefer in der Achtung gesunken. Ganz ohne staatsanwaltliche Ermittlungen gegen sie.

Advertisements