Deutsche Geschichte in Ziegeln und Klinker
Als Teil des Kontorhausviertels gehört das Bauwerk mit der Adresse Meßberg 1 seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es verkörpert aber auch ein speziell deutsches Erbe. Seit 1928 hatte hier die Firma Tesch & Stabenow ihren Sitz. Das Unternehmen war der Branchenführer bei der Schädlingsbekämpfung. Es hatte ein Monopol für den Vertrieb und die Anwendung des 1922 von der Chemie-Firma Degesch in Frankfurt am Main patentierten Blausäuregases namens Zyklon B.
Das von Juni 1922 bis März 1924 errichtete zehnstöckige Kontorhaus wurde Ballinhaus genannt zu Ehren des 1918 verstorbenen Albert Ballin, dem Chef der Hapag-Lloyd, dessen enger Kontakt zu Wilhelm II. ihm den Ruf eines „Reeders des Kaisers“ eingebracht hatte. In Hamburg wurde seinerzeit viel diskutiert über „Wolkenkratzer“, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in den USA in Mode kamen. Stahlskelettkonstruktionen und elektrische Aufzugsanlagen begünstigten die vertikale Erschließung von Grundstücken. Wie das gleichzeitig nebenan entstandene Chilehaus was das Ballinhaus eines der ersten Hochhäuser in Deutschland.

Im November 1938 tilgte Karl Kaufmann, seit 1929 als NSDAP-Gauleiter und ab 1933 als Reichsstatthalter der mächtigste Mann der Stadt, den Bezug auf Ballin – denn der war Jude gewesen. Schon 1948 gab es vergebliche Bemühungen, die Bezeichnung Meßberghof rückgängig zu machen. Ballinhaus heißt stattdessen seit 1997 der Hauptsitz von Hapag-Lloyd an der Straße, die 1947 von Alsterdamm in Ballindamm umbenannt wurde.
Entworfen wurde das Kontorhaus, von dem aus die SS ab 1941 mit dem Zyklon B beliefert wurde, das sie in Konzentrations- und Vernichtungslagern einsetzte, von zwei jüdischen Brüdern. Hans Gerson wurde am 14. März 1881 in Magdeburg geboren, Oskar am 11. Juli 1886 ebendort. 1887 kamen sie nach Hamburg, wo ihr Vater mit Kaffee und Zucker handelte. Unterbrochen von einem einjährigen, freiwilligen Militärdienst studierte Hans Gerson zwischen 1899 und 1904 Architektur an der Technischen Hochschule in München, erwarb aber kein Diplom. Danach war er drei Jahre in einem Architekturbüro in Berlin angestellt. Dort war auch Oskar beschäftigt, der über keinerlei einschlägige Vorkenntnisse verfügte. Trotzdem eröffneten die Brüder 1907 in Altona ihr eigenes Büro, denn die Berufsbezeichnung „Architekt“ war damals noch nicht geschützt.

Für hanseatische Kaufleute schufen die Gebrüder Gerson 20 Stadt- und Landhäuser. Auch deren Schicksal erzählt deutsche Geschichte. Waren die Eigentümer Juden wurden sie vom NS-Staat enteignet, ihr Besitz also „arisiert“. Das betraf die 1908/09 von den Gersons in der Othmarschener Jungmannstraße für den Kaufmann Siegfried Bondy erbaute Villa wie das benachbarte Landhaus von 1913/14 für Bondys Schwiegersohn, den Rechtsanwalt Dr. Manfred Zadik.

1933 trennte sich der Kaufhaus-Betreiber Hertz Henry Heilbuth von dem Anwesen, das die Gersons 1910 in der Feldbrunnenstraße für ihn gebaut hatten. Heilbuth wurde 1938 unter dem Vorwurf der „Rassenschande“, der sexuellen Beziehung zu einer nichtjüdischen Frau, im KZ Fuhlsbüttel eingesperrt. Nach zwei Jahren kam er unter der Auflage frei, das Land zu verlassen. In seiner früheren Villa richtete sich eine Dienststelle der Wehrmacht ein. Heute wird sie von der Universität genutzt.
Die Brüder Gerson wohnten ab 1922 in einem Landhaus in Groß Flottbek, von dem nur die Garage erhalten ist. Es beherbergte eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Gemälde und Grafiken unter anderem von Emil Nolde, Paul Klee, Franz Marc und Paula Modersohn-Becker. Mit Kunstwerken versahen die Gersons auch die Fassaden mehrerer ihrer Gebäude. So ziert eine Ecke des nach dem gegenüberliegenden Theater benannten Thaliahofs von 1921/22, in dem die Architekten ihr eigenes Büro unterhielten, die Skulptur eines Pferdes: bis 1946 hieß der angrenzende heutige Gerhart-Hauptmann-Platz Pferdemarkt.

Das Pferd ist von Ludwig Kunstmann (1877–1961). Acht seiner Figuren aus Elbsandstein am Meßberghof, die unter der Witterung gelitten hatten, wurden 1968 entfernt und 1997 durch Skulpturen von Lothar Fischer ersetzt. Erhalten sind die grotesken Gestalten, mit denen Kunstmann den Eingang an der Willy-Brandt-Straße verzierte. Vermutlich entwarf er 1923 das auffällige Eingangsportal aus blau glasierten Klinkern für ein Wohnhaus in der Haynstraße 2. Gesichert ist, dass die Figuren an den Ecken des Wohnblocks zwischen Breitenfelder und Husumer Straße, Sudeck- und Haynstraße von Kunstmann stammen.
Vor der Haynstraße 2 erinnern Stolpersteine an das Ehepaar Oettinger und ihre beiden Kinder, die zwar zunächst in die Niederlande fliehen konnten, aber schließlich 1944 in Auschwitz ermordet wurden. Stolpersteine auch vor der Husumer Straße 37: Die Schwestern Olga, Marie und Clara Beschütz wurden 1941 nach Riga deportiert, wo sich ihre Spur verliert.

Der am 10. Oktober 1890 in Hamburg geborene Ernst Gerson trat 1920 dem Büro seiner Brüder bei. Er war 1926 für den ersten Abschnitt des bis dahin größten Vorhabens der Architekten verantwortlich, dem Ensemble am Rand des Parks, der ursprünglich Mitte des 19. Jahrhunderts vom Bürgermeister Heinrich Kellinghusen um seinen Landsitz in Eppendorf angelegt und 1925 von der Stadt erworben worden war. Bis 1928 erstellten die Gerson-Brüder zwischen Goernerstraße, Gustav-Leo-Straße und Eppendorfer Landstraße eine Wohnanlage für Begüterte.

Als „Hamburger Schule“ wurde im Ausland der Baustil bekannt, dem außer den Gersons Architekten wie Gustav Oelsner und → Karl Schneider anhingen. Die Hamburger werden zum Backsteinexpressionismus gerechnet, der sich von der gleichzeitig aufkommenden Neuen Sachlichkeit des Bauhauses dadurch unterschied, dass er das Ornament nicht, nach einem Wort von Adolf Loos, als Verbrechen ansah. Ein Hauptwerk dieses Stils ist das Chilehaus von Fritz Höger.

Mit Höger arbeiteten die Gersons am Sprinkenhof zusammen, dem zeitweilig weltgrößten Bürohaus. Der Name verdankte sich Johann Sprink, der das Gelände 1384 erworben hatte. Der mittlere Teil des Komplexes von 1927/28 und der westliche von 1930–32 war ein Gemeinschaftsprodukt der Gersons mit Höger. Am 14. Oktober 1931 starb Hans Gerson nach einer Herzattacke. Im Oktober 1933 wurden Oskar und Ernst als Juden aus dem Bund Deutscher Architekten ausgeschlossen. Den Ostteil des Sprinkenhofs übernahm Fritz Höger 1939–43 allein. Er war 1933 der NSDAP beigetreten.

Ernst Gerson emigrierte nach Neuseeland, wo er am 12. November 1974 starb. Oskar konnte noch für jüdische Auftraggeber arbeiten. Zuletzt leitete er 1937 für den Jüdischen Kulturbund die Umgestaltung des Hauses in der Hartungstraße, in dem sich heute die Hamburger Kammerspiele befinden. Am 9. Januar 1939 ging er zunächst nach London ins Exil, dann nach Berkeley in den USA. 1941/42 jobbte Oskar Gerson als Kranführer. Zwischen 1944 und 1957 war er wieder als Architekt tätig. Er starb er am 25. Dezember 1966. Seit 1979 ist ein Weg in Bergedorf nach den Brüdern Gerson benannt.
(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Frühling 2024)
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