Der Einfluss von Albert Erbe auf das Hamburger Stadtbild wird unterschätzt

Die „Liste von Persönlichkeiten der Stadt Hamburg“ auf Wikipedia verzeichnet ihn so wenig wie eine von diversen Institutionen unterstützte Website mit „Hamburger Persönlichkeiten“. Die einzige selbständige Publikation über ihn ist von 2004 und umfasst keine 50 Seiten. Zwar war Albert Erbe nur ein Jahrzehnt lang in der Stadt tätig, hat aber viele und prominente Spuren hinterlassen.

Fritz Schumacher wird als „Backsteinkönig“ angesehen. Tatsächlich ging ihm Albert Erbe darin voraus, das traditionelle „Ziegelsichtmauerwerk“ bei der Fassadengestaltung wiederzuentdecken. „Seine Wirksamkeit hat ausschlaggebenden Einfluss auf die Gestaltung der neueren staatlichen Gebäude gehabt“, schrieb das Hamburger Fremdenblatt im September 1911. Da war bekannt geworden, dass der Gerühmte die Stadt verlassen würde – bitter enttäuscht von Fritz Schumacher.

Albert Erbe wurde am 9. September 1868 im hessischen Weilburg an der Lahn in der Nähe von Gießen geboren. Sein Vater war Tünchermeister. Das heißt, er trug eine dünne Schicht aus Kalk oder Gips, die Tünche, auf Wände und Decken. Der Sohn studierte von 1888 bis 1892 Architektur an der Technischen Hochschule im heutigen Berliner Bezirk Charlottenburg. Nachdem Albert Erbe die erste Hauptprüfung bestanden hatte, leistete er seinen einjährigen Militärdienst ab.

Bis 1895 war er in Wiesbaden beim Architekten Ludwig Euler beschäftigt und danach im Hochbauamt der Stadt. 1897 legte er die zweite Hauptprüfung ab, wobei ihm die Probearbeit erlassen wurde, weil er für seinen Beitrag zu einem Architekturpreis eine Auszeichnung erhalten hatte.

Die preußische Eisenbahnverwaltung in Schlesien, bei der er angestellt war, empfahl Erbe nach Hamburg. Dort hielt der 70-jährige Baudirektor Hans Zimmermann nach jungen Baumeistern Ausschau. Im selben Jahr 1901, als Erbe an die Elbe kam, heiratete er. Seine Frau Jenny starb bereits 1907 mit 26 Jahren. Der Witwer mit drei kleinen Kindern ehelichte 1909 seine Haushälterin Johanna Müller. Ihr gemeinsamer Sohn Andreas wurde auch Architekt.


Gymnasium am Kaiser-Friedrich-Ufer

Einen ersten Akzent setzte Erbe 1902/03 mit dem Kontorhaus „Alsterhaus“ zwischen Ballindamm und Ferdinandstraße, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Kaufhaus am Jungfernstieg. Von Erbe stammte der Entwurf, die Ausführung übernahmen Johann Gottlieb Rambatz und Wilhelm Jollasse. Das Alsterhaus gilt als frühestes Zeugnis des „Heimatstils“, der die Formsprache der niederländischen Renaissance mit dem „Sonnin-Barock” verbindet. Die im 18. Jahrhundert in Hamburg dominierende Bauweise ist nach Ernst Georg Sonnin benannt, einem der Architekten der Hauptkirche St. Michaelis. Ihre Merkmale sind unverblendete Backsteinmauern, Dekorationen aus Sandstein und Schweifgiebel, die über die Dachflächen hinausragen.

Wie später Schumacher bevorzugte Erbe zwar den unverputzten Backstein. Aber anders als jener gab er seinen Gebäuden ein historisierendes Gepräge. Seine besondere Vorliebe galt dem althamburgischen Bürgerhaus, über das er die Dissertation verfasste, mit der er 1911 zum Dr.-Ing. promoviert wurde. In einem Nachruf stellte das Zentralblatt der Bauverwaltung heraus: „Er war ein fein empfindender Baukünstler und lenkte als erster die Hochbautätigkeit des hamburgischen Staates in neue Bahnen, indem er in seinen Entwürfen mehr und mehr auf die glänzende hamburgische Backsteinarchitektur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anknüpfte und sie fortzubilden versuchte.“ Auf dem Hügel über den Landungsbrücken errichtete Erbe zwischen 1903 und 1905 die für seine Auffassung typische Navigations- und Seefahrtschule, die inzwischen vom Deutschen Wetterdienst genutzt wird.

Erbe engagierte sich beim Allgemeinen Vorlesungswesen der Oberschulbehörde, aus dem die Universität hervorging. Zukunftsweisend war er mit Vorträgen zur Gartenkunst in den Städten. „Der Redner verurteilte die so häufig in engen, lichtlosen und stauberfüllten Straßen angelegten Alleen und Vorgärten, die meistens nur ein kümmerliches Dasein fristen“, berichtete der Hamburgische Correspondent im Februar 1907.


Die älteste noch genutzte Feuerwache an der Admiralitätstraße

Seit dem 1. Januar 1906 amtierte Erbe als Bauinspektor und leitete das Entwurfsbüro des Hochbauwesens. Er war bis 1910 für fast alle Schulen verantwortlich. Etliche haben die Zeit und die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überstanden, so die am Holstenwall (1901–03), in Hasselbrook (1905–07) und im Eilbektal (1906–09), das Helene-Lange-Gymnasium (1906–10), die Gymnasien Lerchenfeld (1908–10) und am Kaiser-Friedrich-Ufer (1907–11), das ehemalige Heinrich-Hertz-Realgymnasium an der Bundesstraße (1907–10) und die Turnhalle der Volksschule an der Osterbekstraße (1910–12), in dem sich aktuell das Landesarbeitsgericht befindet. Berüchtigt wurde die Schule am Bullenhuser Damm (1908–10) als Tatort eines „Verbrechens der Kriegsendphase“: In der Nacht zum 21. April 1945 erhängte die SS 20 jüdische Kinder und die vier politischen Häftlinge, die sie betreut hatten, sowie 24 sowjetische Kriegsgefangene.


Frühere Polizeiwache am Klingberg

Das für Erbes neobarocken Stil charakteristische Gebäude am Klingberg erscheint heute durch die Nachbarschaft zum Chilehaus wie ein Relikt aus ferner Vergangenheit. Bei seiner Entstehung 1906–08 war das angrenzende Gängeviertel mit seinen Fachwerkbauten noch nicht abgerissen, und es passte dazu. Untergebracht waren ein Polizeikommissariat, Wohnungen für Polizisten und die Landherrenschaften, denen die Verwaltung der Vorstädte und ländlichen Gemeinden außerhalb der Stadtmauern oblag.

Weitere markante Bauwerke von Erbe sind die Feuerwache an der Admiralitätstraße (1906–09) und das Botanische Institut (1904–06), das inzwischen die Bucerius Law School beherbergt. Zwischen 1907 und 1912 schuf Erbe die Oberfinanzdirektion am Rödingsmarkt, die Sternwarte in Bergedorf und das Museum für Völkerkunde, das seit 2018 „Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt“ (MARKK) heißt.


Erweiterung der Börse an der Großen Johannisstraße

Ab 1909 war Erbe mit Erweiterungen der Börse und der Kunsthalle befasst. Die Pläne für die Kunsthalle entwickelte er mit deren Direktor Alfred Lichtwark und unternahm dafür Studienreisen zu anderen Museen. Als das Konzept schließlich 1919 umgesetzt wurde, war Erbe nicht mehr in Hamburg, und Fritz Schumacher hatte es verändert.

Baudirektor Zimmermann ließ Erbe weitgehend freie Hand. 1908 ging der 77-Jährige in den Ruhestand, und Erbe sah sich als sein Nachfolger. Es traf ihn hart, dass Fritz Schumacher aus Bremen den Posten am 1. September 1909 übernahm. Der neue Chef war selbst ein ehrgeiziger Baukünstler, dem sein Untergebener nurmehr zuarbeiten sollte.


Museum am Rothenbaum mit Skulpturen von J. M. Bossard

Frustriert bewarb sich Erbe als „Technischer Beigeordneter“ für den Hochbau in Essen und trat das Amt am 1. Januar 1912 an. Der Erste Weltkrieg beendete nicht nur seine Laufbahn als Architekt. Auf dem Schlachtfeld erkrankte er psychisch und wurde noch 1914 aus dem Kriegsdienst entlassen.

Sein „Nervenleiden“ steigerte sich zu einer Lähmung, die ihn 1920 in den Ruhestand zwang und ursächlich war für seinen Tod mit 53 Jahren am 29. Mai 1922 in Essen. Seit 1979 erinnert der Erbestieg in Bergedorf an ihn.

(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Sommer 2025)

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