Betrachtungen zum Serienmörder-Kult an einem besonders schaurigen Beispiel von 1903–24

Dass Fritz Haarmann, der berühmteste Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte, Menschenfleisch verzehrt oder verkauft hat, ist nicht erwiesen. Kannibalismus kommt in der verlässlichsten Darstellung des Falls, Theodor Lessings Geschichte eines Werwolfs (1925), nicht vor. Die Legende hat den Berüchtigten dennoch damit in Verbindung gebracht.

Fälle von Kannibalismus wurden in den Notzeiten der 1920er hie und da vermeldet. In Ersten Weltkrieg war Deutschland verelendet und wurde nach der Niederlage von den Siegern wirtschaftlich gefesselt. Revolution und Gegenrevolution, Putschversuche und Terror erschütterten die Gesellschaft, die endlich ihr Heil im Nationalsozialismus suchte.

Alle Grenzen waren verwischt oder niedergetreten. »Massenmord« hieß es und wurde nur beiläufig unter Verschiedenes in den Zeitungen bekannt gemacht, wenn ein Familienvater aus der Unterschicht im erweiterten Suizid Frau und Kinder umbrachte, um sie aus dem Elend zu befreien, von dem er sich erdrückt fühlte. Die äußerste vorstellbare Scheußlichkeit geschah gelegentlich und war im Fall Haarmann immerhin nicht gänzlich auszuschließen – also wurde sie diesem Inbegriff des individuell Bösen gleichfalls zugeschrieben.

In den 1960ern galten Serienmörder noch nicht als die Krone der kriminalistischen Schöpfung; in den Abhandlungen von Frank Arnau und Jürgen Thorwald kommen »der Werwolf« Haarmann, »der Vampir« Kürten oder »der Menschenfresser« Großmann nicht vor. Für das Kapitel über die Polizeiarbeit in der Weimarer Republik in seinem Buch über Macht und Ohnmacht der Kriminalpolizei (1962) hätte Frank Arnau aus jenen Jahren, in denen er selbst als Polizei- und Gerichtsreporter tätig war, zu Hauf Beispiele für die Unfähigkeit und Überforderung der Polizei finden können, bei denen die legendären Serienmörder an erster Stelle gestanden hätten.

Haarmann und Kürten konnten jahrelang ungestört morden. Nicht kriminalistische Technik oder der Scharfsinn der Ermittler, sondern der von ihrem eigenen Leichtsinn provozierte Zufall setzte ihren Taten ein Ende und ließ diese als Serie erkennbar werden. Ohne Fügung des Schicksals wäre es ihnen vielleicht so ergangen wie jenem, dessen Serie sofort klar zuvor trat und der sich möglicherweise selbst den Namen Jack the Ripper gab; dem mit fünf nachgewiesenen Morden vergleichsweise bescheidenen Killer, der in seiner Rätselhaftigkeit andere überragt, weil er nie gefasst wurde.

Die Radikalität des Umschlags ab 1933 wirft ein Schlaglicht darauf, wie verworren die sozialen Verhältnisse im Deutschland zuvor waren. Aus einer Epoche, in der das Verbrechen den bürgerlich-geordneten Alltag zu überwältigen drohte, entwickelte sich der perfekteste aller bisherigen Polizeistaaten mit dem Herrn der Konzentrationslager, Heinrich Himmler, als Kopf und an der Spitze.

Geschichte eines Tages: 21. Dezember 1924

Vielleicht hätten Mitwelt und Nachwelt nie etwas von »Papa Denke« erfahren, wenn der junge Vincenz oder Vinzenz oder Vincent ihm nicht entkommen wäre. Und selbst danach wären der Polizei Karl Denkes Verbrechen noch entgangen, hätte er sich nicht das Leben genommen.

Existiert noch irgendwo eines der Körbchen von Denkes Hand? Eines dieser Objekte des Grauens – ähnlich denen, die Himmler auf dem Dachboden des Landhauses aufbewahrte, in dem er sich mit seiner Geliebten und ihren Kindern traf, um vom Massenmordhandwerk auszuspannen: in Menschenhaut eingebundene Bücher, aus Knochen gezimmerte Stühle.

Wären Denkes Morde nicht entlarvt worden, hätte einer der unzähligen Brotkörbe aus Weidengeflecht, die er auf dem Markt feilbot, die Zeiten überdauert und von ihnen gekündet. Genauer in Augenschein genommen hätte sich gezeigt, dass zwischen die Zweige, aus denen die Körbe geflochten waren, Streifen menschlicher Haut gewickelt waren.

War Haarmann ein Wolf, der durch die Gassen und Straßen, über die Plätze und vor allem um den Hauptbahnhof von Hannover streifte auf der Suche nach Opfern, nach jungen Männern, die von zu Hause ausgerissen waren, oder Handwerksburschen auf der Walz, um sie in seinen Verschlag in die Rote Reihe zu verschleppen, wo er den einen ekstatischen Moment erlebte, wenn er ihnen in die Kehle biss – streifte Haarmann unruhig umher, ging Papa Denke, von dem man annehmen muss, dass er ein wahrhaftiger Menschenfresser war, andersherum vor: Er lauerte seinen Opfern – Obdachlosen, jugendlichen Herumtreibern und Handwerksburschen – in seinem Zimmer auf, das sich in der Teichstraße im 8000-Einwohner-Städtchen Münsterberg (heute Ziębice in Polen) im Bezirk Breslau befand.

Die überlieferte Geschichte von Karl Denke ist bruchstückhaft und kurz. Sie umfasst nur zwei Szenen: Das Entkommen des letzten Opfers und die Inspektion der Behausung. Die gesicherten Erkenntnisse sind dürftig, eine Akte ist anscheinend nicht erhalten. Ein Pathologe, der auch Zeugen befragte und die seelische Entwicklung des Täters skizzierte, hat einen Bericht überliefert, Zeitungsarchive wurden ausgewertet. Viele Daten bleiben widersprüchlich.

Vincenz oder Vinzenz Olivier oder Vincent Oliver soll der junge Handwerksbursche oder obdachlose Wanderarbeiter geheißen haben, der am 21. Dezember 1924, einem Sonntag, während Haarmann in Hannover gerade der Prozess gemacht wurde, die Entlarvung des Kannibalen herbeiführte. Olivier streunte durch Münsterberg und bettelte um Almosen. Er wurde an »Vatter Denke« oder »Pappa Denke« verwiesen.

Der 164 Zentimeter kleine Mann mit dem grauen Vollbart galt als gutmütig und war unter Landstreichern für seine Freigebigkeit bekannt. Je nachdem, welchen Quellen man traut, war Denke 54 oder 64 Jahre alt. Ein scheuer Sonderling, der mit niemandem vertrauten Umgang pflegte und still vor sich hin lebte von den Erträgen seines Gartens und dem Verkauf von Brotkörben aus Weidengeflecht; auf dem Markt in Breslau soll er auch Pökelfleisch angeboten haben.

Erst mit sechs Jahren habe Karl zu sprechen begonnen und auch dann nur »langgedehnte, zerrende Laute« hervorgebracht, erfuhr der Gerichtsmediziner, der den Fall untersuchte, von Denkes Familienangehörigen. Sie hatten längst mit ihm gebrochen, den sie als mürrisch, verschlossen, aufs Alleinsein versessen beschrieben.

Im Zuge eines Erbschaftsstreits hatte die Familie einmal versucht, ihn zu entmündigen. Angeblich zog man den Antrag zurück, nachdem ein Arzt abgeraten hatte. Werde Menschen wie Denke derart zugesetzt, soll der Mediziner prognostiziert haben, würden sie »nicht selten einen Wutanfall bekommen, dass man seines Lebens auf der Straße nicht mehr sicher ist«. Seine Angehörigen hielten Denke für stumpfsinnig. Er sei nicht wie andere Menschen. Das Gerücht ging um, er sei weder Mann noch Frau.

Das Haus in der Teichstraße war sein Eigentum gewesen. Nach dem Krieg hatte Denke Gebäude und Grundstück verkauft und hauste seither in einer Wohnung im Erdgeschoss, die aus einem vier mal vier Meter großen Zimmer bestand. Hierhin lud er die Vagabunden, die an seine Tür klopften, mit stummen Gesten zum Essen ein. So auch Olivier, der mit einem Kanten Brot zufrieden gewesen wäre und Pökelfleisch serviert bekam.

Für 20 Pfennig, bedeutete Denke dem jungen Mann, möge er ihm nun noch einen Dienst erweisen und einen Brief schreiben, was ihm selbst durch seine Kurzsichtigkeit schwer fiel. Der junge Mann setzte sich an den Tisch, nahm Papier und Feder vor. Denke stand hinter ihm und begann zu diktieren: »Du dicker Wanst.«

Ob dieser sonderbaren Worte wandte der Schreiber sich um und sah seinen Gastgeber mit hoch erhobener Spitzhacke hinter sich. Olivier wich instinktiv aus, die Hacke erwischte ihn noch an der rechten Schläfe.

Für das weitere Geschehen gibt es mehrere Versionen. Nämlich: Olivier sprang auf und floh. Aus der Kopfwunde blutend taumelte er vor der Tür einem Nachbarn in die Arme. In einer anderen Fassung wurde durch Oliviers Hilfeschreie ein Rechtspfleger oder Kutscher namens Gabriel auf der Straße alarmiert und traf den Überfallenen im Flur, der, bevor er ohnmächtig wurde, Denke als Täter bezeichnete.

Oder Denke stürzte sich auf sein Opfer. Obwohl größer, jünger und kräftiger könnte sich der Handwerksbursche des Ungestümen kaum erwehren. Auf seine Hilfeschreie eilten andere Hausbewohner herbei. Nur mit vereinten Kräften gelang es, den jungen Mann aus Denkes mörderischer Umarmung zu befreien. Der kleine alte Mann hatte sich geradezu in sein Opfer verkrallt.

Auf Fragen der Hausbewohner schwieg Denke. Er saß nur da, hochrot im Gesicht und mit verzerrter Miene, knirschte mit den Zähnen und starrte ins Leere. Zuweilen zuckte sein Körper unkontrolliert. Olivier wollte sich aus dem Staub machen, aber die Hausbewohner überredeten ihn, die Polizei zu alarmieren. Die Ordnungshüter taten, was der Streuner befürchtet hatte: Sie nahmen ihn fest, weil sie nicht glauben mochten, was der Dahergelaufene über den achtbaren Papa Denke erzählte.

Doch da waren die Zeugen. Also wurde auch Denke verhaftet. Bevor eine gründliche Untersuchung begonnen werden konnte, nahm er sich in seiner Zelle das Leben. Mit einem Hosenträger oder einem Strumpfhalter. Oder indem er mit einem Taschentuch an den in die Wand eingelassenen Ringen, die zur Fesselung gedacht waren, eine Schlinge knotete und sich liegend erhängte. Am Sonntagabend gegen 23.30 Uhr fand ihn ein Polizeiwachtmeister.

Geiz und Erkenntnis

Der Kriminalfall war damit zunächst erledigt, die Akte geschlossen. Doch dann weigerte sich Denkes Familie, die Beerdigung zu bezahlen. Um die Leiche unter die Erde bringen zu können, ließen die Behörden die Wohnung des Toten nach Geld durchsuchen.

Am Heiligen Abend wurden in Denkes Kammer und einem Stall neben dem Haus 480 Knochen und Stücke von Menschenfleisch gefunden, 420 Zähne und unzählige Riemen sowie drei Paar aus Menschenhaut gefertigte Hosenträger, 70 Zentimeter lang und sechs breit. 15 Fleischstücke mit Haut lagen in einem Holzbottich in einer Salzlösung, um sie haltbar zu machen; zwei Teile stammten von einer stark behaarten Brust.

In drei Töpfen schwammen in einer hellen Sauce Stücke gekochten Fleisches. An Resten von Haut konnten menschliche Haare nachgewiesen werden. Die Stücke schienen aus dem Gesäßbereich geschnitten. Ein Topf soll nur noch eine halbe Portion enthalten haben; das Fehlende könnte das Mahl gewesen sein, dass Denke seinem letzten Gast servierte.

Ein Fass im Stall war gefüllt mit Knochen, die von Sehnen und Muskeln befreit und wahrscheinlich gekocht worden waren. Denke lagerte enorme Mengen Salz, um Fleisch haltbar zu machen. Drei Äxte, eine Holz- und eine Baumsäge, eine Spitzhacke und drei Messer kamen als Werkzeuge für Mord und Zerstückelung in Frage.

Denke verwertete die Haut außer für Hosenträger, von denen er einen bei seiner Verhaftung trug, auch für Riemen, die er als Schnürsenkel einsetzte oder, indem er damit die Bündel seiner Lumpensammlung verpackte, die 41 unterschiedlich große Packen von Kleidern und sonstigen Stoffteilen umfasste. Die Hautstreifen waren nicht gegerbt und wiesen noch Haare auf. Beim größten Teil der Lumpensammlung dürfte es sich um die Bekleidung von Denkes Opfern handeln.

Denkes Zahnsammlung steckte in einer Geldtasche, zwei Blechschachteln mit der Beschriftung »Pfeffer« und »Salz« sowie in drei für Pfeffer vorgesehenen Papierbeuteln. 351 Zähne wurden eingehender untersucht. Sie stammten von wenigstens zwanzig Menschen. Aus der Menge der in Fässern und Töpfen eingelegten Fleischbrocken schloss die Polizei auf zirka 30 Opfer. Von zwölf Personen wurden Ausweispapiere gefunden.

Keinen direkten Zusammenhang mit Verbrechen hatte Denkes Sammlung selbstgemachter Münzen. Es waren flache und runde Stücke ungebrannten Tons in Pfenniggröße, auf die Münzwerte von einem bis 50 Pfennig eingeritzt waren.

Endlich fanden die Untersuchungsbehörden einige Zettel mit einer Liste, die Denke über seine Opfer erstellt hatte: 31 Eintragungen; die erste vom 21. Februar 1903 mit einem von insgesamt vier Frauennamen; die letzte ohne Namen am 17. November 1924. Zu jedem Opfer hatte Denke Zahlen geschrieben, deren Sinn ein anderer Zettel enthüllte, auf dem hinter einem Namen vermerkt stand: »tot 122, nackend 107, ausgeschlachtet 83«. Offenbar hatte Denke seine Opfer vor und nach dem Zerstückeln gewogen.

»Ich rieche Menschenfleisch«

In einem Bericht Über kriminelle Leichenzerstückelung fasste Friedrich Pietrusky vom Institut für Rechtsmedizin in Breslau seine Einschätzung des Falls 1926 zusammen:

»Hier der duldsame, friedfertige, gutmütige alte Sonderling, dort die mordgierige Bestie, die Menschen meuchelte, fraß und aus ihrer Haut Riemen schnitt. Beides zu gleicher Zeit in einer Person, das ist Denke. Ob die Diagnose Schizophrenie die richtige ist, kann mit Sicherheit nicht gesagt werden, wahrscheinlich ist sie. Nach allem aber werden wir in Karl Denke nicht das verabscheuungswürdige Ungeheuer sehen müssen, sondern einen Unglücklichen, der nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen seines Daseins Kreise vollenden musste.«

Pietrusky sah Denke als Kranken, nicht als Monstrum. Die von ihm ermittelten Charakterzüge eines Kindes, das nicht spricht, dass zur Schule getragen werden muss; eines Jugendlichen, der wortlos für längere Zeit verschwindet und wortlos heimkehrt; eines Erwachsenen, der den Umgang mit anderen meidet oder heftig verweigert und eigene Tauschmittel herstellt, virtuelle Münzen aus Ton – markieren die Erbärmlichkeit des Massenmörders.

Zugleich war Denkes blindes und tumbes Wüten, der Konsum von Menschen durch einen wahrhaftig Asozialen, von märchenhafter Grauenhaftigkeit. Gestalten wie ihm begegnet man sonst nur in den Erzählungen der Brüder Grimm. Auch wenn verhindert hätte werden können, dass Denke seinem Wirken selbst ein Ende setzte, wäre kaum viel Aufklärung von ihm zu erwarten gewesen. Er hätte wohl auch im Gerichtssaal geschwiegen, mit den Zähnen geknirscht und gezuckt.

Denke steht da wie eine Gestalt aus einem Traum, als Archetyp, verdichtet in einem wortlosen Bild, als geschichtslose Wiederholung immer derselben Szene: Dieses Haus, diese Tür, durch die Wanderer hereingebeten werden, als sei Münsterberg nicht ein ganz gewöhnliches Städtchen sondern der entlegenste und finsterste Wald. Dann die Tötung, die Zerstückelung, das Abziehen der Haut, das Kochen des Fleisches, das Basteln mit den Leichenteilen, die Aufbewahrung der Knochen, das Wiegen und Auflisten der Opfer.

Bertolt Brecht nahm sich anhand eines Zeitungsberichts des Menschenfressers satirisch an und machte aus dem schweigsamen Denke einen Denker, einen Philosophen, in dem der Zeitgeist sich inkarniert: »Tatsache ist jedenfalls, dass der ungeheure Gedanke des Weltkriegs nur von einem einzigen Mann unter ungünstigsten Umständen in nur ganz kleinem Maßstabe zu Ende gedacht wurde: eben von Denke.«

Zur Schauerlichkeit der Figur gehört die Unergründlichkeit dessen, was Denke gedacht haben mag, insofern er selbst keinen Hinweis darauf gab oder hätte geben können. Ein paar Zettel mit Namen und Zahlen sind alles, was er überliefert hat. Nach den »ewigen, ehernen, großen Gesetzen seines Daseins« war er dazu verdammt, zu handeln ohne zu denken. »Das Tagebuch des Menschenfressers« ist nur als literarische Fiktion denkbar.

Der promovierte Psychologe Hannibal Lecter, der von Thomas Harris in den 1970ern erfundene Menschenfresser der Populärkultur, ist ein kultivierter Gourmet des Kannibalismus, der seine Taten mit gelehrten Abhandlungen garniert. Bei den bekannten Fällen von kriminellem Kannibalismus – im Unterschied zu den seit dem 19. Jahrhundert in Literatur und Kunst beliebten Vorkommnissen, bei denen Schiffbrüchige oder Überlebende von Flugzeugabstürzen die Leichen der anderen an Hunger Verstorbenen verspeisen – handelt es sich um Menschen, die das genaue Gegenteil von Lecter sind und stets wie Karl Denke einer einfältigen Routine folgen, die sie selbst bestenfalls in stereotypen Wendungen begründen können.

Krimineller Kannibalismus ist vielleicht der höchste Grad an mangelnder Selbstreflexion. Das Zeugnis des Menschenfressers sind allein seine Taten. Diese sind in ihrem Ausdruck an Schlichtheit kaum zu überbieten. Sie fressen nicht aus Hunger, sondern um des Fressens willen. Hätten sie, wie Hannibal, eine Philosophie, wären sie sonstwas für ein Serienmörder oder keiner.

Der Menschenfresser steht an der letzten Grenze des Verbrechens, an dem es rein zur Ausprägung kommt. Das Denken setzt ganz aus. Jeffrey Dahmer, ein Menschenfresser der Wirklichkeit, bevor »Hannibal the Canibal« den Typus via Film prägte, ist eine ähnlich tumbe Figur wie Karl Denke. Obschon Dahmer für 17 Morde vor Gericht gestellt wurde, kamen die Fachleute für seelische Abläufe hier an eine Grenze und waren ratlos, mehr zu konstatieren als 70 Jahre zuvor Pietrusky bei Denke: Schizophrenie, Dementia praecox oder wie gerade der angesagte Name lautet.

Jeffrey Dahmer wurde nicht lange nach seiner Inhaftierung von einem Mitgefangenen im November 1994 ermordet. Wenn er keinen Fressanfall hatte, war er ein ganz gewöhnlicher Mensch, der nicht durch einen Maulkorb am Beißen gehindert werden musste.

Menschenfresserei (Zeichnung: urian)

Literaturhinweise

M. Benecke: Mordmethoden. Bergisch Gladbach 2002 | E. Lenk/R. Kaever (Hg.): Leben und Wirken des Peter Kürten, genannt der Vampir von Düsseldorf. München 1974 | T. Lessing: Haarmann. München 1995 | H. Püstow/T. Schachner: Jack the Ripper. Leipzig 2006

Siehe auch →Pitavalgeschichten. Eine Übersicht des Genres »Wahre Kriminalgeschichten« oder »True Crime«

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